Es ist zum Stöhnen!

Porno Die meisten Leute haben keine Lust, für Sexfilme zu bezahlen. Unser Autor war am Set und erlebte eine Branche in ihrer größten Krise
Es ist zum Stöhnen!
Viele Pornodarsteller verdienen ihr Geld inzwischen mit privaten Zusatzgeschäften wie Live-Shows im Internet

Foto: Getty Images

In einem weitläufigen Haus im kalifornischen San Fernando Valley hat eine Darstellerin Probleme mit dem Stöhnen. Alexa Nicole (wie sie mit Künstlernamen heißt) gibt in A Love Story – einem pornografischen Film über einen Schriftsteller mit Schreibblockade – eine Latino-Schönheit. Gerade wird eine Fantasiesequenz gedreht, in der Alexa in einem weißen Nachthemd und einem Kerzenleuchter in der Hand durch die Gänge des Hauses irrt. Schließlich stolpert sie Miguel in die Arme, der von Shooting-Star Xander Corvus gespielt wird: Er trägt eine Lederhose, eine Rüschenbluse und eine Weste. Der Hitze der Leidenschaft ausgeliefert, lieben die beiden sich auf der Chaiselongue. Doch Alexas schnelle, hohe Lustschreie entsprechen nicht den hohen Ansprüchen des Regisseurs. „Weniger Porno“, sagt er. Er macht vor, was er damit meint, interpretiert den Text langsamer, damenhafter: „Ja! Ja! Ja!“ Dann spricht er das Schlüsselwort des Tages aus: „Romantico!“

Dreckige Debütantinnen

A Love Story wird von dem High-end-Porno-Studio Wicked Picture produziert. Die Bedeutung, die hier der Art und Weise des Stöhnens beigemessen wird, ist ein eindeutiger Hinweis darauf, dass es sich nicht um einen typischen Sexfilm handeln kann. Jahrelang wetteiferten die Regisseure darum, wer die halsbrecherischeren Stunts auf die Leinwand kriegen und die Darsteller näher an die Grenzen ihrer körperlichen Leistungsfähigkeit bringen konnte. Was dabei herauskam, war manchmal nicht gerade leicht verdaulich und erinnerte oft mehr an Reality-Shows, in denen Leute Würmer und Schweinekotze essen müssen, als an irgendetwas, das man normalerweise mit Erotik in Verbindung bringt.

Aber irgendwann um das Jahr 2007 herum begann die Branche zu straucheln. Neue kostenlose Pornoseiten à la Youporn bewirkten, dass die Konsumenten kostenlos raubkopierte Szenen aus alten Filmen herunterladen konnten. Zusätzlich wurden die Probleme der Branche dadurch verschärft, dass die Kunden etwa den Dreckigen Debütantinnen gegenüber nicht dieselbe Loyalität aufbrachten wie beispielsweise einer Band wie Radiohead, die man durch den Kauf ihrer neuesten Platte durchaus belohnen wollte. Wie bei allen Medienevolutionen der vergangenen 30 Jahre hat die Pornoindustrie wieder eimal die Nase vorn. Nun besteht ihre Vorreiterrolle jedoch darin, dass sie sich überlebt hat.

So wurden in einer typischen Ausgabe der Branchenbibel – der monatlich erscheinenden Adult Video News – vor rund 2o Jahren noch Hunderte von Neuerscheinungen angekündigt. In einer der jüngsten Ausgaben waren es hingegen nur noch 14. Zahllose Unternehmen sind aus dem Geschäft ausgestiegen. Die, die bleiben, konzentrieren sich auf High-end-Produkte und versuchen gegen die illegalen Internetseiten vorzugehen, indem sie so etwas wie „cineastische“ Erfahrung bieten. Es findet eine Flucht in die „Qualität“ statt. In verblüffender Analogie zu einem aktuellen BBC-Slogan: „Fewer, Bigger, Better“.

Eine der unglaublichsten Figuren der Branche ist Rob Zicari, besser bekannt als Rob Black. Er ist ein Ein-Mann-Indikator dessen, wie sehr sich das Business verändert hat. In den Neunzigern war er einer der berüchtigsten Porno-Provokateure. Er hatte sich auf Geschmacklosigkeiten spezialisiert. Seine Filme waren eher groteske Übungen in Sachen Tabubruch als etwas, aus dem irgendjemand sexuellen Genuss ziehen konnte. 1997 habe ich in seinem Büro in Los Angeles ein Interview mit ihm geführt und ihn am Set einer Produktion namens Forced Entry besucht – ein Film über Vergewaltigungen. Damals war er erst 23, und ich war verblüfft von dem merkwürdigen Kontrast zwischen seiner freundlichen und intelligenten Art und der Tatsache, dass er sich auf Pornos spezialisiert hatte, in denen Frauen erniedrigt werden. Sechs Jahre später gerieten seine Provokationen während George Bushs „war on obscenity“ (dem auch Justin Timberlake und Janet Jackson zum Opfer fielen – letztere, als sie bei einem Superbowl-Auftritt einen Nippel entblößte) ins Kreuzfeuer.

Black und seine Frau und Geschäftspartnerin Janet Romano brachte der Film ein Jahr ins Gefängnis. Seit seiner Entlassung ist Black geläutert. Jetzt führt er Regie bei Superhelden-Parodien für eine Mainstream-Pornofirma namens Vivid. Die Filme namens Captain America XXX oder Iron Man XXX werden in Hochglanz-DVD-Boxen verkauft und manchmal sogar in 3-D produziert. Die Zukunft des Pornos liege definitiv in Filmen, die man sich getrost mit seiner Frau oder Freundin ansehen könne, erzählt er mir, während ich ihn im Studio besuche. Black versteht es, der Krise der Branche etwas Positives abzugewinnen.

Kerngeschäft Prostitution

Wenn die Zeiten für die Rob Blacks der Branche schon schwer sind, so sind sie für die Leute vor der Kamera noch schlimmer. Selbst mit den Superhero-Filmen und der schlechter bezahlten Arbeit für Bezahlseiten gibt es bei Weitem nicht genügend Arbeit für die Horden von Darstellern. Bei einer der besten Agenturen für Porno-Darsteller in L.A. – LA Direct – klagt Francine Amidor über die „verheerenden“ Auswirkungen der Piraterie. „Es gibt weniger Arbeit und einen Überschuss an Darstellern. Es wird einfach nicht genügend gedreht.“ Wenig überraschend sind auch die Gagen eingebrochen. „Einige Mädchen bekommen 600 Dollar für eine Szene“, sagt mir der ehemalige Darsteller JJ Michaels. „Wenn sie einen Namen hat, können es auch 900 bis 1.000 Dollar sein. Aber es waren einmal bis zu 3.000.“ Für Männer könne die Gage 150 Dollar oder weniger betragen.

Frauen bessern ihr Einkommen auf, indem sie strippen gehen und Live-Shows im Internet machen, die sie zu Hause mit Webcams aufnehmen. Ich besuche Kagney Linn Karter. Sie ist eine der Spitzendarstellerinnen von LA Directs und bereitet sich in ihrer Wohnung gerade für ihre Live-Show vor. Ihr Freund und Vollzeitassistent Monte hängt ihre Kleider auf, während Kagney badet und ihr Make up auflegt. Monte und ich ziehen uns in die Küche zurück, wo er putzt, während Kagney sich auf ihrem Bett auszieht und vor Fremden masturbiert, die ihr über ihren Laptop zusehen können. 45 Minuten später kommt sie zu uns: „So, jetzt hab ich mal eben hundert Dollar verdient“, sagt sie strahlend.

Es ist in der Pornowelt ein offenes Geheimnis, dass viele Darstellerinnen ihr Einkommen aufbessern, indem sie anschaffen gehen. Die Industrie verurteilt so etwas offiziell. Bloß ist es eben so, dass die Frauen mit Sex hinter verschlossenen Türen weit mehr Geld verdienen können als vor der Kamera. Oft sind die Filme heute nur noch Werbung fürs Kerngeschäft: nämlich Prostitution. Natürlich, ein paar Toptalente erhalten immer noch regelmäßige Gehaltsschecks, auch wenn diese nicht mehr so üppig ausfallen wie früher. Aber der Arbeitsmarkt für die unteren Klassen ist ausgetrocknet. Viele blicken ängstlich in die Zukunft. Dennoch suchen weiterhin massenhaft Darsteller ihr Glück, klappern die Produktionsfirmen ab, geben in Fragebögen Auskunft darüber, was sie vor der Kamera zu tun bereit sind, drehen ein oder zwei trashige Szenen und werden in die Anonymität zurückgeschleudert.

Es ist schwer zu sagen, wohin die Branche sich am Ende entwickeln wird. Der Markt für Softcore-Filme von Firmen wie Penthouse und Hustler, die auf kostenpflichtigen Abokanälen angeboten werden, existiert natürlich weiterhin. Auch mit den Parodien mag es noch eine Weile weitergehen. Es ist aber schwer vorstellbar, wie eine Branche sich mit dem Verkauf von Filmen und mit Internetclips über Wasser halten soll. Fakt ist: Die meisten Leute haben schlicht keine Lust zu bezahlen, wenn sie nicht müssen. Im Gegenteil. Viele scheinen es sogar moralischer zu finden, nicht zu bezahlen, denn immerhin geht es um eine genuin unmoralische Sache: um Pornos.

„So wie es jetzt ist, sehe ich nicht, wie es in fünf Jahren noch einen professionellen Pornodarsteller geben soll“, sagt Michaels. Es ist nicht leicht, Sympathie für die Studios aufzubringen. Lange genug haben sie an dem Schmuddelgeschäft verdient. Was aber soll aus den Sexarbeitern werden? Sie haben meistens nichts anderes gelernt und keine Rücklagen gebildet. Noch eine weitere Frage stellt sich: Schulden die, die sich Pornos ansehen, der Branche nicht etwas? Rechtfertigt das Stigma, das an Pornos haftet, sie einfach zu klauen? Hier eröffnet sich ein weitaus größeres Dilemma, mit dem sich auch alle Medien konfrontiert sehen: Wie kann sich eine Branche behaupten, die den Anspruch hat, Qualitätsprodukte anzubieten – sei es Journalismus, Musik, Mainstream-Filme oder eben Pornos –, wenn immer weniger Leute bereit sind, für diesen „Content“ zu zahlen? Im Fall des Pornos ist die Antwort klar: Sie kann es nicht.

Louis Theroux ist ein britischer TV-Journalist. 1998 2000 wurde seine Dokumentationsreihe Louis Therouxs Weird Weekend produziert. 2005 erschien sein Buch The Call of the Weird: Travels in American SubculturesÜbersetzung der gekürzten Fassung: Holger Hutt

Übersetzung der gekürzten Fassung: Holger Hutt

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10:32 15.06.2012
Geschrieben von

Louis Theroux | The Guardian

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