Joanna Walters, The Guardian
26.05.2009 | 17:00

"Es war nie besser, schwul zu sein"

USA 40 Jahre nach dem Christopher Street Day macht die Gleichberechtigung Homosexueller in den USA starke Fortschritte. Das Eheverbot fällt, öffentliche Ämter werden frei

Selbst nach vierzig Jahren staunt Seymour Pine immer noch. „Wir wussten, dass so etwas noch nie zuvor geschehen war. Wir hatten zuvor nie irgendwelche Schwierigkeiten, das Ganze kam aus dem Nichts“, erinnert sich der Polizeibeamte. Mit „so etwas“ ist der Aufstand vor einer Bar namens Stonewall Inn gemeint, der sich in den frühen Morgenstunden des 28. Juni 1969 in New Yorker Stadtteil Greenwich Village ereignete, als sich die schwule Community zum ersten Mal geschlossen zur Wehr setzte, weil sie die ständige Gängelung durch die Polizei nicht länger hinnehmen wollte. Die Bewegung für die Gleichberechtigung von Schwulen und Lesben war geboren.

Pine leitete die Razzia dieser Nacht, als eine handvoll mit ihren Schlagstöcken wedelnder Polizisten plötzlich von einer verärgerten Meute schwuler Männer und Frauen belagert wurde. „Es sollte nie wieder so sein wie zuvor“, sagte der heute 89-jährige pensionierte Polizist aus New Jersey. Er gibt zu, dass die Polizisten schwulenfeindlich eingestellt waren, sie hätten aber nur ihren Job gemacht, als die Razzia in einen Aufstand umschlug.

Nun wird er Zeuge einer weiteren Revolution für die Schwulen in den Vereinigten Staaten – weniger gewalttätig, deswegen aber nicht weniger bedeutsam. Am deutlichsten erkennt man sie daran, dass eine ganze Reihe von Bundesstaaten dabei ist, die gleichgeschlechtliche Ehe zu legalisieren. Massachusetts feierte dieses Jahr bereits deren fünften Jahrestag, Connecticut, Vermont, Maine und Iowa kamen hinzu. New Hampshire, New York stehen kurz davor. Auch wenn das kalifornischen Verbot der Homo-Ehe in dieser Woche vor Gericht bestätigt werden sollte, sagen selbst ehemalige Gegner voraus, dass es keinen Bestand haben werde.

Schleichende Revolution

Aber es geht nicht nur ums Heiraten. Zwei offen homosexuelle Frauen waren für die freiwerdenden Sitz im Verfassungsgericht im Rennen, und Präsident Obama hat mehr als dreißig schwule Männer und Frauen für hohe Ämter in seiner Regierung bestimmt. Die Polit-Talkerin Rachel Maddow hat den amerikanischen Präsidenten vor kurzem aufgefordert, sein Versprechen einzulösen und das Verbot offener Homosexualität bei der Armee zu kassieren. Ihrer Ansicht nach gab es keinen großartigen Wendepunkt, an dem die Entwicklung zugunsten Homosexueller umgeschlagen habe, vielmehr handele es sich um einen täglichen Kampf, der über die vergangenen vierzig Jahre zu einem enormen Erfolg geführt habe und dessen Grundlage im Outing von immer mehr Menschen bestehe.

„Es gab noch nie eine bessere Zeit, um in Amerika schwul zu sein“, sagt Daniel O’Donnell, eines von vier offen schwulen Mitgliedern des New York State Assemblys (Unterhaus der Legislative des Bundesstaates New York). „Da hat sich in den vergangenen Jahren sehr viel verändert. Wir waren seit ich lebe der Gleichberechtigung als Bürger noch nie so nahe.“ Er glaubt, der Senat von New York werde die letzten Widerstände überwinden und den hart erkämpften Gesetzesentwurf für die Homo-Ehe im kommenden Monat verabschieden, New Jersey werde dann bald folgen. „Die Tatsache, dass die Sache langsam von Neuengland nach Pennsylvania, Maryland, usw. weiterwandert, macht es den Gegnern schwer, sich dem Schwung zu widersetzen. Seit fünf Jahren gibt es die Schwulen-Ehe nun in Massachusetts und der Himmel ist immer noch nicht eingestürzt.“

"Gleichberechtigung? Die Sache ist durch"

Obamas selbst plädiert aus persönlichen religiösen Gründen dafür, zwischen der religiösen und der rechtlichen Bedeutung des Begriffes „Ehe“ zu unterscheiden, wobei er in der Ausführung seines Amtes den zivilrechtlichen Aspekt in den Vordergrund stellt. Seine Bemühungen, jeden nur denkbaren Graben zu überwinden, zeitigen dabei gelegentlich ein recht paradoxes Verhalten. So zum Beispiel , als er den schwulenfeindlichen evangelikalen Priester Rick Warren einlud, die Gebete bei seiner Inaugurationsfeier zu sprechen und den schwulen Bischof Gene Robbinson bei vorangehenden Feierlichkeiten beten ließ.

Dennoch gilt er als der schwulenfreundlichste Präsident aller Zeiten, von dem allerdings noch erwartet wird, seine Versprechen zu erfüllen und das Gesetz zur Verteidigung der Ehe (Defence of Marriage Act) zurückzunehmen, welches die Anerkennung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften auf föderaler Ebene verbietet, sowie mit dem seit 1993 praktizierten „Nicht fragen, nichts sagen“ zu brechen, wonach es Offizieren untersagt ist, Nachforschungen über die sexuelle Orientierung ihrer Untergebenen anzustellen, den Soldaten und Soldatinnen aber gleichzeitig verboten bleibt, sich offen zu ihrer Homosexualität zu bekennen.

„Gleichberechtigung? Die Sache ist durch. Wir werden uns durchsetzen“, sagt die Autorin Rita Mae Brown, die Zeugin der Stonewall-Unruhen war, dann zu einer führenden Repräsentantin der Frauenrechtsbewegung wurde und mit ihrem nicht ganz jugendfreien lesbischen Roman Rubyfruit Jungle (dt. Rubinroter Dschungel) 1973 zur Ikone der Bewegung wurde.

Ein Sieg wäre es für Brown heute, wenn die sexuelle Orientierung eines Menschen schlicht keine Rolle mehr spielen würde. „Ich will nicht darüber reden, dass ich lesbisch bin, ich will darüber reden, was in Afghanistan, mit unserer Umwelt und der Wirtschaft passiert ... Ich hoffe, dass die Menschen in diesem Sommer feiern und sich daran erinnern werden, welch weiten Weg wir zurückgelegt haben, dass sie sich dann aber auch anderen Themen zuwenden werden, die für die Gesellschaft wichtig sind“, sagte sie.

Gekürzte Fassung; Übersetzung: Holger Hutt