"Europa schließt zu Afrika auf"

Wangari Maathai Eine Begegnung mit der kenianischen Nobelpreisträgerin und Umweltaktivistin Wangari Maathai, die in der Bankenkrise die afrikanische Realität wiedererkennt

Wangari Maathais Büro im dampfenden Zentrum von Nairobi ist voll mit Zitaten und Erinnerungsbildern, aber es gibt ein ganz besonderes Photo, das sie und Barack Obama 2006 beim Pflanzen eines Olivenbaumes im städtischen Uhuru-Park zeigt. Zwischen dem schicken jungen US-amerikanischen Senator auf seinem Weg ins Weiße Haus und der älteren Dame in einem farbenprächtigen, kanariengelben Kleid, die damals gerade als erste Frau Afrikas den Friedensnobelpreis gewonnen hatte, besteht eine enge Verbindung: "der Lift". 1960 erhielten 300 Kenianer Kennedy-Stipendien, um an US-amerikanischen Fachhochschulen und Universitäten zu studieren. Einer der ersten von ihnen war ein 22 Jahre alter Student der Wirtschaftswissenschaften, ein Luo aus dem Westen Kenias, der ein College auf Hawaii besuchen sollte. Mit ihm zusammen ging die 20-jährige Wangari Maathai aus den Highlands. Ihr Weg führte sie ins Mount St. Scholastica College nach Atchinson in Kansas. Beide blieben fünf Jahre in den USA und beide kehrten verwandelt in ein abermals unabhängiges Kenia zurück.

Es war eine berauschende und befreiende Zeit. Obama Senior hatte gerade erst eine Frau aus Kansas geheiratet und war Vater des jetzigen US-Präsidenten geworden. Maathai kehrte mit einer Magister-Urkunde zurück und war "fest entschlossen, hart zu arbeiten, den Armen zu helfen und sich um die Schwachen und Verletzlichen zu kümmern": Die spektakulären Folgen der Stipendien zeigen ihrer Meinung nach schlicht, dass alle Menschen das Potenzial haben, etwas Großes zu leisten, sie müssen nur die Gelegenheit bekommen, es zu zeigen.
Beim von Prinz Charles initiierten Klimatreffen von 20 Nobelpreisträgern Ende Mai in London war die heute 70-jährige Maathai die einzige Frau und zusammen mit Wole Soyinka die einzige Afrikanerin. Dabei hätten Frauen und Afrikaner am stärksten unter dem Klimawandel zu leiden und für den verschwenderischen Umgang des Westens zu bezahlen.

"Man muss begreifen, dass das, was gegenwärtig in Zusammenhang mit der Kreditkrise im Westen vor sich geht, in Afrika schon seit Jahrzehnten stattfindet. Die Banken sind nicht reguliert, wir kommen nicht an Geld ran und nur einige wenige Leute können Häuser kaufen. Europa schließt da jetzt sozusagen zu Afrika auf. Als wir eine Kampagne zum Schuldenerlass für Afrika machten, wurde uns gesagt, das könne man sich nicht leisten und viele Länder kollabierten. Wir können nicht alle gleich sein, aber wir können uns gegen allzu große Armut und allzu großen Reichtum einsetzen, Ungleichheit führt zu Unsicherheit und Angst. Wir wissen doch alle, was zu tun ist, warum tun wir es denn dann nicht? Die Frage ist, wie wir dafür sorgen können, dass etwas unternommen wird", sagt die frühere Biologie-Professorin an der Universität Nairobi.

Mehr Menschen

Man geht davon aus, dass im Jahr 2050 neun Milliarden Menschen auf dem Planeten leben, davon acht in heutigen Entwicklungsländern. "Beim Klimawandel geht es um Leben oder Tod. Man könnte uns Alarmismus vorwerfen, aber wenn wir der Wissenschaft Glauben schenken, dann geht etwas sehr Ernsthaftes vor sich. Es wird so dargestellt, als handele es sich lediglich um ein Problem der entwickelten Welt. Dabei hat die entwickelte Welt den Klimawandel zwar ausgelöst, doch aus geografischen Gründen wird er einen weitaus größeren Einfluss auf Afrika haben. Aber anstatt uns hierauf vorzubereiten, entfernen wir die Vegetation, verlieren den Boden und machen die Sache damit sogar noch schlimmer."

"Davon abgesehen liegt es auch im Interesse der Reichen, Afrika dabei zu helfen, mit dem Klimawandel zurechtzukommen und seine Wälder zu bewahren. Wenn sie zulassen, dass unsere Wälder zerstört werden, machen sie viel von den Anstrengungen der entwickelten Länder andernorts zunichte."

Maathai sieht die Ökologie im Zusammenhang mit der Kultur. Die "Herausforderung für Afrika" (so auch der Titel ihres neuen Buches) bestehe darin, sich selbst um seine Angelegenheiten zu kümmern und nicht nur das Land, sondern auch seine Ressourcen und seine Kultur für sich zu beanspruchen. "Wenn die Böden erodieren und das Wasser verschmutzt, wenn die Luft vergiftet wird und all die Bodenschätze verkauft werden, wird nichts mehr übrig bleiben, das wir unser eigen nennen können. Unsere eigentliche Arbeit besteht in der Rückforderung – darin, das Wesentliche zurückzuholen, damit wir weiterkommen. Bäume zu Pflanzen, unsere Sprachen zu sprechen, unsere Geschichten zu erzählen – dies sind alles verschiedene Aspekte der Bewahrung. Wir müssen unsere lokalen Lebensmittel beschützen, uns an unsere Muttersprachen erinnern und unsere Eigenarten wiederentdecken."

Neuer Kolonialismus

Aber stattdessen "fragen sich einige Afrikaner, ob wir uns nicht einer neuen Welle des Kolonialismus gegenübersehen", sagt Maathai. "Es gibt Begehrlichkeiten in Bezug auf unsere Ressourcen und wir sind verwundbar gegenüber jedem, der uns ausbeuten will. Es ist wie im 18. Jahrhundert. Afrika hat die Rohstoffe, verfügt aber nicht über die nötige Technologie, deshalb können die Afrikaner den Prozess nicht kontrollieren und schinden sich, ohne am Schluss etwas davon zu haben. Afrika bezahlt mit seinen Rohstoffen, es bezahlt mit seinem Boden. Früher verschafften sich die Leute mit Gewalt Zugang zu den afrikanischen Bodenschätzen. Heute sind die Mittel nicht weniger tödlich, sie werden aber getarnt, um die afrikanischen Führer und die Menschen zur Kooperation zu bewegen."

Heute ist der Zahlmeister China, das in den vergangenen zehn Jahren Zehntausende Milliarden in die Erschließung und den Abbau von Öl, Mineralien, Holz und Erde investiert hat, um im Gegenzug dafür Straßen zu bauen und Arbeitsplätze zu schaffen. "China unterscheidet sich in nichts von den USA, der Sowjetunion und den europäischen Kolonialmächten, die in Afrika starke Führer aufbauten und diese in der postkolonialen Phase beschützen, obwohl sie wussten, wie korrupt und grausam diese waren, damit sie auch weiterhin ungehindert die Bodenschätze ausbeuten konnten. Hätte Afrika die vergangenen 40 Jahre in Erziehung und Ausbildung investiert, befände es sich heute in einer besseren Position."

Maathai ist westlich und afrikanisch, lokal und international, sie gehört der Elite an und hat einen ländlichen Hintergrund, ihre Ausbildung hat sie in einem der reichsten und in einem der ärmsten Länder der Erde absolviert. Ihre Wurzeln aber liegen in Ihite, einem von Kleinbauern bewohnten Dorf in der Nähe von Nyeri am Fuße der Aberdare-Berge. Ihr Elternhaus, das heute von ihrer Schwester bewohnt wird, liegt ganz tief unten im Tal. Es gibt eine Schule, ein Café, ein paar hundert Häuser, Schafe auf den Wiesen, die die Straßen säumen und überall Teeplantagen.

"Meine Mutter liegt dort begraben, meine Leute leben dort. Es ist himmlisch. Aber die Leute dort sind sich dessen nicht bewusst, weil wir in einem politischen und ökonomischen System leben, das es den Leuten nicht erlaubt, diese Schönheit zu sehen. Das ist die Tragödie der Armut."

Grüner Gürtel

Die Veränderungen, die sich in Ihite seit den 1950ern zugetragen haben spiegeln wider, wie eng die ökologische und gesellschaftliche Krise miteinander zusammenhängen, die Kenia und den Rest Afrikas heute so stark belasten. "Es gab enorme Veränderungen. Die Bevölkerungszahl ist rapide angewachsen. Das ganze Gebiet um Ihite herum war einmal bewaldet. Es gab kleine Höfe voller Mais und Hirse. Die Flüsse waren riesig und sauber. Tee gab es keinen. Heute ist er überall: Tee, Tee, Tee. Mutter hat niemals Tee angepflanzt. Tee ist zur Sklavenarbeit geworden. Die Landwirtschaft ist zur Produktion von Waren geworden, die die Menschen weder aufbereiten noch essen können. Man kann seinen eigenen Tee nicht weiterverarbeiten. Ohne vernünftige Regierung ist der Anbau von Tee nichts weiter als Frondienst und führt nur zu ökologischen und sozialen Problemen."

Vor allem aber sei für die Teeplantagen jede Menge Wald gerodet worden. Als ihr klar wurde, dass die Menschen ihre eigene Lebensgrundlage zerstören, habe sie das Green Belt Movement ins Leben gerufen. Was damit begann, dass ein paar wenige Frauen Bäume pflanzten, ist heute ein Netzwerk aus 6.000 Gemeindegruppen, die 6.000 Baumschulen betreuen. Zusammen haben sie sowohl auf privatem wie auf öffentlichem Land, das von Erosion bedroht war, in ganz Kenia mindestens 30 Millionen Bäume gepflanzt. Die Bewegung, die in 30 Ländern arbeitet, ist aber weit mehr als ein Projekt zur Pflanzung von Bäumen, sondern wurde zu einer inoffiziellen kenianischen Landwirtschaftsberatungsagentur und einem Projekt zur Wiederbelebung der Gemeinden, das nicht zuletzt auch Arbeitsplätze schafft.

"Es findet ein Wandel statt. Wir können kaum mit den Hilfsgesuchen mithalten. Der Baum ist einfach ein Symbol dafür, was mit der Umwelt passiert. Der Akt, einen zu pflanzen, ist ein Symbol für die Wiederbelebung der Gemeinde. Das Pflanzen von Bäumen ist aber nur der Anfang und Einstieg in eine Debatte über die Umwelt. Jeder sollte einen Baum pflanzen."

Seit sie den Nobelpreis gewonnen hat, ist Bäume-Pflanzen bei allen sehr populär geworden, die sich gerne einen umweltfreundlichen Ruf verschaffen wollen. 2007 führte sie einen UN-Plan an, der die Pflanzung von einer Milliarde Bäumen auf der ganzen Welt vorsah. Mittlerweile wurden 3,1 Milliarden gepflanzt und das Ziel auf sieben Milliarden erhöht – einen für jeden Menschen und ein paar mehr bis Ende 2009.

In einem aufregenden Leben als Demokratie- und Umweltaktivistin wurde Maathai viele Male verhaftet, eingesperrt und geschlagen. Sie ging in den Hungerstreik, musste sich in ihrem Haus vor der Polizei verbarrikadieren, kandidierte für die Präsidentschaftswahlen und wurde ins Parlament gewählt. Ihr Privatleben war ebenso stürmisch. Sie und ihr Mann, die zusammen drei Kinder haben, ließen sich vor Jahren scheiden: Damals sagte er, für eine Frau habe sie einen viel zu starken Willen und er sei nicht in der Lage, sie unter Kontrolle zu halten. Maathai nannte den Scheidungsrichter "inkompetent" und wurde wegen Beleidigung sechs Monate ins Gefängnis gesteckt.

Wald im Kongo

Nun versucht sie das weltweit zweitgrößte Waldgebiet im Kongo vor der Abholzung zu retten. Wenn der Kongo fällt, sagt sie, werde dies nicht nur Millionen von Menschen die Lebensgrundlage entziehen, sondern auch katastrophale Folgen für das Klima haben, die man bis in Großbritannien und den USA spüren würde. Großbritannien und Norwegen haben zusammen 100 Millionen Pfund bereitgestellt, aber um in dieser Sache etwas zu erreichen, muss man mit den am schlimmsten von Krieg und Korruption gezeichneten Ländern der Erde zusammenarbeiten.

Zehn afrikanische Regierungen haben sie gebeten, den Vorsitz über ihre Initiative im Kongobecken zu übernehmen. "Sie wollen vom Friedensnobelpreis profitieren und die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit steigern. Ich weiß, dass es in dieser Hinsicht Befürchtungen gibt. Aber es wäre falsch, diese Herausforderung abzulehnen. Ich mache mir keine Illusionen, aber es gibt keine Alternative." Letzten Endes ist Hilfe von außen allerdings nicht die richtige Antwort. "Spender kommen mit Geld, Material und Know-how und werden begrüßt wie der Weihnachtsmann. Die Leute tanzen und klatschen, bis der Hahn wieder versiegt. Die Hilfsgelder können dem Verantwortungsgefühl schaden, wenn die Leute sich für das von außen kommende Geld nicht verantwortlich fühlen. Die Absichten der Spender werden oft von Regierungen wie von Einzelpersonen missverstanden oder untergraben."

Ihre Botschaft in London war heftig und dringend. "Die Natur wird immer noch als selbstverständlich angesehen. Wenn sie aber zerstört wird, gibt es kein Leben mehr. Politiker auf der ganzen Welt stellen die kurzfristigen Bedürfnisse über die langfristigen. Wir müssen die Entscheidungsträger herausfordern. Wir müssen nicht nur an ihren Verstand, sondern auch an ihre Herzen appellieren. Ich kann nur sehen, dass die Dinge sich verschlechtern, wenn wir nichts unternehmen."

Wangari Maathais Buch Die Herausforderung für Afrika ist bislang noch nicht in deutscher Übersetzung erhältlich. Wangari Maathai: The Challenge for Africa. A New Vision, Pantheon 2009


Gekürzte Fassung. Übersetzung: Holger Hutt

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12:30 09.06.2009
Geschrieben von

John Vidal, The Guardian | The Guardian

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The Guardian

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