Exzentriker seiner selbst

Nachruf Don van Vliet ist am 17. Dezember im Alter von 69 Jahren gestorben: Als Captain Beefheart beeinflusste er die Popmusik stärker, als den meisten Menschen bewusst sein wird

1969 verfiel ein selbsternannter jugendlicher Spinner aus Portland, Oregon dem Zauber des just erschienen Doppelalbums Trout Mask Replica von Captain Beefheart and His Magic Band. 40 Jahre später ist es Matt Groenings Lieblingsalbum geblieben und seiner Ansicht nach „das beste Album, das je gemacht wurde“. Dass Trout Mask Replica einen entscheidenden Einfluss auf die Fantasie des Erfinders der Simpsons hatte, zeugt davon, wie sehr Captain Beefhearts Musik die Popkultur durchdrungen hat – auch dort, wo man es nicht direkt erwarten würde. Obgleich Beefheart sich 1982 von der Musik verabschiedete, um seiner anderen großen Obsession, der Malerei, zu frönen, und obwohl sein musikalisches Vermächtnis stets nur von einigen wenigen geschätzt und von den Massen ignoriert wurde, bleibt er einer der ungezwungensten Exzentriker, die die Rockmusik je hervorgebracht hat.

Captain Beefheart, der am vergangenen Freitag im Alter von 69 Jahren an den Folgen Multipler Sklerose starb, war ein Klang- und Sprachvisionär, ein Outsider-Künstler, dessen lebhafte und nicht selten extreme Vorstellungskraft oft die engen Parameter der Rockmusik sprengte. Mit Trout Mask Replica erschuf er das wohl brillant-komplizierteste Album aller Zeiten. Bereits 1964 vermischte er Mississippi Delta Blues mit Hard Rock und erschuf so einen rauen Noise, der den Ton für so vieles von dem, was dann kommen sollte, vorgab – sowohl für seine kreative Bilderstürmerei als auch den mangelnden kommerziellen Erfolg.

Spuren dieser primitivistischen Stoßrichtung kann man aus einigen der einflussreichsten Entwicklungen des Rock heraushören: In den Strategien, mit denen Post-Punk-Bands wie PiL und Devo die Rockmusik dekonstruierten; im Swamp Blues, den Nick Cave und PJ Harvey entlehnten; in dem ursprünglichen Knurren und Stampfen des Tom Waits und dem groben Punk Blues der White Stripes. „Wenn du einmal Beefheart gehört hast, ist es schwer, ihn wieder aus den Kleidern zu waschen“, hat Tom Waits einmal gesagt. „Er hinterlässt Spuren, wie Kaffee oder Blut.“

Staubsaugervertreter bei Aldous Huxley

Beefheart wurde im kalifornischen Glendale unter dem Namen Don van Vliet als Sohn holländischer Einwanderer geboren. Die van Vliets bekräftigten ihren dickköpfigen Sohn in dem Glauben, er sei ein künstlerisches Wunderkind. Bereits mit fünf Jahren malte und modellierte er Vögel, Fische und Bäume. Seine Hingabe an die Kunst wurde so obsessiv, dass seine Eltern ihm eine zeitlang sein Essen nur noch durch die Tür in sein Kinderzimmer/Atelier reichen konnten, da er sich weigerte, das Zimmer zu verlassen. Auf der High School im südkalifornischen Lancaster lernte er Frank Zappa kennen, der seine Liebe für R’n’B und Avant-Garde-Jazz teilte. Zappa sollte zu Beefhearts größter Fan und sein größtes Ärgernis werden.

Nachdem er von der Schule abgegeangen war, leitete Vliet zunächst ein Schuhgeschäft. „Als eine Art künstlerisches Statement kündigte ich mitten im Weihnachtsgeschäft und hinterließ ein Riesenchaos“, sagte er später und lieferte damit – ob unbewusst oder nicht – eine Metapher für seine musikalische Karriere. Es folgte eine kurze Zeit als Staubsaugervertreter, während der er seine Waren durch die Wüstenstädte des südlichen Kalifornien schleppte. Einmal, so die Legende, soll er an die Tür eines Wohnwagens geklopft haben und kein geringerer als Aldous Huxley öffnete. Beefheart soll auf einen Staubsauger gezeigt und gebrüllt haben: „I assure you Sir, this thing sucks.“ Er machte sein Geschäft.

Es gibt unzählige Anekdoten über Beefhearts radikales Verhalten und die meisten scheint er selbst in Umlauf gebracht zu haben: Er war einer, der sich unermüdlich selbst verklärte. Und er war ein strenger Arbeitgeber, der die ihm untergebenen Musiker schikanierte und peinigte. Unzählige Geschichten ranken sich um die Aufnahmen von Trout Mask Replica. Beefheart sagte, er habe sich ans Klavier gesetzt, obwohl er nie zuvor Klavier gespielt habe, und alle 28 Songs in etwas mehr als acht Stunden geschrieben. Dann soll er die Musiker der Magic Band in seinem Haus eingesperrt haben, bis sie jede Note konnten, wobei er sie mit verbalen Drohungen, körperlichen Angriffen, Schlaf- und Nahrungsentzug und Gehirnwäschen so tyrannisiert haben soll, dass sie sich ihm unterwarfen. Zumindest diese letzte Geschichte scheint mehr als nur einen Funken Wahrheit zu enthalten und Drummer John French beschrieb die Atmosphäre in dem Haus später als „sektenmäßig“.

Ökokrieger avant la lettre

Trotz alledem sagte John Peel, ein weiterer unermüdlicher Beefheart-Fan, über das Album: „Wenn es in der Geschichte der Popmusik jemals etwas gab, das man in dem Sinne als Kunstwerk bezeichnen würde, wie es auch Menschen aus anderen Kunstbereichen verstehen, dann wäre das vermutlich Trout Mask Replica." Beefheart hat einige andere, mit Sicherheit weniger schwierige Alben gemacht, doch Trout Mask Replica bleibt die Messlatte, an der dieses eigentümliche Genie gemessen wird. Neugierige sind gut beraten, zunächst mit dem vorangehenden Album Safe As Milk einzusteigen, bevor sie zu Lick My Decals Off, Baby oder dem brillanten, wenn auch unterbewerteten Spätwerk Doc at the Radar Station fortschreiten. Der Titel lässt erahnen, dass Beefheart auch ein Meister der sprachlichen Erfindung war, ein Künstler, der sich weigerte, in linearen Bahnen zu Denken, Schreiben oder zu Singen und stattdessen absurde, unlogische Wortspiele vorzog, die James Joyce, wie wir ihn aus Finnegan’s Wake kennen, vermutlich unterhaltsam gefunden hätte.

Captain Beefheart war auch in einer anderen Hinsicht ein Visionär, die oft übersehen wird: Er sang auf seine eigene, unnachahmliche Art ein Loblied auf die Natur etwa mit My Human Gets Me Blues und Wild Life. Er war ein Ökokrieger, lange bevor das in Mode kam. Sein Tod, nach einer langen Periode der selbst auferlegten Zurückgezogenheit, fällt in eine Zeit, da es schwierig ist, sich vorzustellen, dass jemand, der so exzentrisch ist – und so exzentrisch begabt – in der aktuellen Popkultur einen Platz finden könnte. Im Zeitalter von Castingshows wie The X Factor kehren die altmodischen Werte des Showbusiness mit aller Macht zurück, die von der Rock-Revolution der Sechziger eigentlich hinweggespült werden sollten. Heute gibt es für die Spinner und die wunderbar Verrückten keinen Platz mehr im Pop, doch es wird immer einen Platz für Trout Mask Replica geben. Nähern Sie sich dem Album mit Vorsicht!

Übersetzung: Christine Käppeler

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15:30 20.12.2010
Geschrieben von

Sean O'Hagan | The Guardian

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The Guardian

Ausgabe 38/2020

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