Fast eingeholt

Porträt Jeff Bezos könnte Bill Gates vom ersten Platz der Superreichen verdrängen, wenn der Amazon-Kurs weiter steigt
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Bezos’ leiblicher Vater wusste lange nicht, dass sein Sohn zum Milliardär aufgestiegen war
Foto: Mandel Ngan/AFP/Getty Images

Für den 53 Jahre alten Jeff Bezos verläuft das Jahr bislang blendend. Sein Nettovermögen ist seit Januar um fast 20 Milliarden Dollar auf 85,2 Milliarden gestiegen. Er steht damit nur noch knapp hinter Microsoft-Gründer Bill Gates, den der Bloomberg Billionaires Index auf 89,3 Milliarden taxiert. Bezos verdankt diesen stattlichen Vermögenszuwachs dem starken Anstieg der Amazon-Aktie, deren Wert sich 2017 bereits um ein Drittel erhöht hat. Der Wert des Unternehmens liegt damit bei 475 Milliarden Dollar und Bezos’ Anteil (17 Prozent) bei über 80 Milliarden. Legt die Aktie weiter in dieser Geschwindigkeit zu, ist Bezos in wenigen Tagen der reichste Mann der Welt.

Dieser Magnat, der verändert hat, wie wir einkaufen, ist indes nicht erst seit gestern Internet-Milliardär. Er gründete Amazon 1994 und etablierte ein Unternehmen, das heute dreißigmal so hoch dotiert ist wie Großbritanniens größte Einzelhandelskette Tesco. Es begann damit, dass Bezos über seiner Garage in Seattle Bücher verkaufte. Seither hat Amazon seinen Warenkorb mit Lebensmitteln, Textilien und Elektrogeräten gefüllt, einen ausgezeichneten Cloud-Computing-Service etabliert sowie Fernsehshows und einen Elektronik-Assistenten für den eigenen Wohnraum kreiert. In jedem Jahresbericht druckt Bezos den Brief ab, den er 1997 an seine Anteilseigner schickte, als Amazon an die Börse ging. Darin skizziert er seine Geschäftsphilosophie und verspricht, langfristig Marktführer sein zu wollen, „anstatt auf kurzfristige Profite oder Reaktionen an der Wall Street“ zu setzen. Er wisse sehr gut, was dort ablaufe, habe er doch vor der Amazon-Gründung für einen Hedgefonds im New Yorker Finanzdistrikt gearbeitet.

Jeff Bezos hat seinen Mitarbeitern gegenüber stets erklärt, das Unternehmen durchlaufe noch immer „Tag eins“ seiner Existenz, auch wenn es derzeit 43 Prozent aller Online-Verkäufe in den USA abwickeln könne. So ist denn auch das Amazon-Hauptquartier in einem Gebäude untergebracht, das „Day 1“ heißt. 2017 begann ein Bezos-Brief an das Personal mit der Mutmaßung, wie sich „Tag zwei“ darstellen werde: „Tag zwei ist Stillstand, gefolgt von Bedeutungslosigkeit, gefolgt von einem qualvollen Niedergang, gefolgt vom Tod. Deshalb ist bei uns immer ‚Tag eins‘. Um mich klar auszudrücken: Unser Fall würde sich in extremer Zeitlupe vollziehen. Mich interessiert nur die Frage, wie man ‚Tag zwei‘ abwenden kann. Wie lässt sich die Vitalität von ‚Tag eins‘ aufrechterhalten, selbst innerhalb eines großen Unternehmens?“

Der beste Weg, Amazon vor einem Absturz zu bewahren, besteht Bezos’ Meinung nach darin, sich wie besessen auf die Kunden zu konzentrieren. Dieser Kurs hat Amazon geprägt – positiv wie negativ. Während das Unternehmen im Vorjahr 136 Milliarden Dollar Umsatz generiert hat, steht es in der Kritik, durch eine permanente Expansion kleinere Einzelhändler zu verdrängen und Traditionsfirmen weltweit in die Insolvenz zu treiben. Auch wird moniert, wie gering die Steuern ausfallen, die das Unternehmen bezahlt.

Bezos wurde 1964 in Albuquerque (New Mexico), geboren. Brad Stones Amazon-Buch The Everything Store vermerkt, dass Bezos‘ biologischer Vater, Ted Jorgensen, lange nichts davon wusste, dass sein Sohn zum Multimilliardär aufgestiegen war. Als Stone den Einradfahrer Jorgensen bei Recherchen für sein Buch unangekündigt besuchte, wusste dieser nicht, wovon Stone redete. Der Kontakt zwischen beiden war offenbar abgebrochen. Jeff Bezos war als Jeffrey Preston Jorgensen geboren worden, also als Sohn von Ted Jorgensen und Jackie Gise, die schon als Teenager geheiratet hatten. Als Bezos 17 Monate alt war, ließ seine Mutter sich scheiden und heiratete 1968 Miguel Bezos, der ihren Sohn adoptierte. Nach der Veröffentlichung von Stones Buch 2014 erklärte Ted Jorgensen, seinen biologischen Sohn unbedingt kennenlernen zu wollen – aber der verweigerte jeden Kontakt.

Mit dem Geld, das er mit Amazon verdiente, hat Jeff Bezos unter anderem die Washington Post gekauft, 2000 das Raumfahrtunternehmen Blue Origin gegründet und sich über den Investmentfonds Bezos Expeditions auch für andere Geschäftsideen erwärmt. So kam er zu Anteilen an Airbnb, Business Insider und Uber. Und auch wenn Bezos den Giving Pledge nicht unterzeichnet hat, mit dem Bill Gates und Warren Buffett sich verpflichtet haben, den größten Teil ihres Vermögens für wohltätige Zwecke auszugeben, sind er und seine Familie schon mehrfach als konziliante Spender aufgetreten. So gaben Bezos und seine Frau MacKenzie der Kampagne „Ehe für alle“ im Bundesstaat Washington im Jahr 2012 2,5 Millionen Dollar.

Durch einen verbalen Schlagabtausch mit Donald Trump während des Präsidentschaftswahlkampfs wurde Bezos – mehr als ihm lieb schien – in die nationale Politik hineingezogen. Der heutige Präsident hatte Amazon vorgeworfen, „mit Mord davonzukommen, steuerlich gesehen“. Und er versprach, Amazon werde Probleme bekommen, wenn er erst einmal im Weißen Haus sein werde, was freilich bislang ausblieb. Denn als Bezos kurz nach der Wahl im November 2016 an einem Treffen zwischen Firmenbossen und Trump teilnahm, ließ er danach verbreiten, er freue sich darüber, dass die nächste US-Regierung eine „Administration der Innovationen“ werden wolle. Worüber er inzwischen offenbar wieder anders denkt. Bezos hat angekündigt, rechtlich gegen Trumps Versuche vorzugehen, die Einreise für Menschen aus Ländern mit vorwiegend muslimischer Bevölkerung zeitweilig verbieten zu lassen.

Graham Ruddick ist derzeit Business-Reporter des Guardian

Übersetzung: Holger Hutt

06:00 27.06.2017
Geschrieben von

Graham Ruddick | The Guardian

Der Freitag ist Syndication-Partner der britischen Tageszeitung The Guardian
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