Fast im Aus

Monica Seles Sie galt als größtes Talent der Tennisgeschichte - bis ein Attentäter sie auf dem Court niederstach. Dann begann ihr härtestes Match: gegen sich selbst

Ein Interview mit Monica Seles hätte ich mir auch anders vorstellen können. Wir hätten uns über das Leben der größten Tennisspielerin unterhalten können, die jemals zum Schläger griff. Aber wir fanden ein spannenderes Thema: Seles Leben danach. Das Leben, das für Seles vorgezeichnet schien – schon als Teenager errang sie acht Grand-Slam Siege – endete gewaltsam im April 1993, als ein geistesgestörter Steffi-Graf-Fan während eines Turniers in Hamburg an den Platz rannte und der 19-jährigen Seles ein 22 Zentimeter langes Küchenmesser in den Rücken stach.

Seles ist heute 35 Jahre alt. Sie ist größer, als sie auf dem Tennisplatz wirkt und sehr viel schlanker als in den letzten Jahren ihrer Tenniskarriere. Ihre Stimme hat noch immer das Kicherig-Mädchenhafte eines Tennis-Wunderkinds. Was die Geschichte, die sie zu erzählen hat, noch ergreifender macht. Sie trinkt schwarzen Kaffee und springt so unbeirrt zwischen den verschiedenen Themen hin und her, wie sie auf dem Tennisplatz jedem verlorenen Ball nachjagte. Vor fünf Jahren zog sie sich vom Tennis zurück. Sie lebt allein mit ihren vier Hunden in der Tampa Bay in Florida und weigert sich entschieden, sich mit irgendwelchen „Was-wäre-wenn“-Fragen zu beschäftigen. „Ich wäre längst verrückt geworden, wenn ich mich das ständig gefragt hätte“, sagt sie. Lieber erzählt sie vom größten Sieg ihres Lebens, den sie höher als alle anderen schätzt – ihren Triumph über ihre destruktiven Essgewohnheiten.

Sie hat ein Buch über diesen langwierigen Kampf geschrieben: Getting a Grip („Halt finden“ oder auch „in den Griff bekommen“, „sich zusammenreißen“) Es ist die Autobiografie einer Sportlerin und eine sehr gute Anleitung zur Selbsthilfe – eine, die nicht sagt, was du essen, sondern wie du leben kannst. Im Kern ist es die Geschichte einer verlorenen Unschuld. Das Leben aller professionellen Tennisspieler ist davon bestimmt: die Fokussierung des ganzen Daseins auf einen Punkt. Die Einengung des Gesichtsfelds auf ein bewegliches Ziel, das getroffen werden muss und Linien, die nicht überschritten werden dürfen.

Monica Seles’ Geschichte begann – wie fast jede Tennisgeschichte – damit, dass sie ihrem Vater zusah. Eines Morgens während eines Familienurlaubs an der Adria beobachtete sie, wie ihr Vater und Bruder sorgfältig Tennisschläger in eine Tasche packten. Sie fragte, wohin sie gingen, und ihr Bruder sagte: „Tennis spielen“. Sie habe nur das Wort „spielen“ gehört, entsinnt sie sich. Es klang nach Spaß. Ob sie mitspielen könne?

Danach hörte sie viele Jahre lang nicht mehr auf zu spielen, auch wenn es bald nicht mehr viel mit Spaß zu tun hatte. Ihre Familie lebte in Novi Sad im serbischen Jugoslawien. Der Vater arbeitete als politischer Cartoonist für verschiedene Zeitungen, in seiner Jugend aber war er Topathlet gewesen, eine nationale Größe im Dreisprung, der die Angewohnheit hatte, den Wettkampf barfuß anzutreten. Er bedauerte, seine Athletenkarriere aufgegeben zu haben. Seinen Kindern wollte er dieses Gefühl des Bedauerns unbedingt ersparen.

Ihr Vater habe sie nicht gedrängt, erzählt Seles, aber er habe sie auch nicht entmutigt. „Mein Vati“, sagt sie, „war sehr darauf bedacht, dass ich beim Spielen meine kindliche Vorstellungskraft nicht verliere.“ Das Üben war an die Phantasiewelt geknüpft. Sie liebte Trickfilme. Also malte ihr Vater auf den Ball das Gesicht von Jerry, der Maus, und Monica war Tom, der versuchte, den ständig flüchtenden Jerry mit dem Schläger zu verdreschen. Das konnte sie damals stundenlang.

Seles erinnert sich daran wie an goldene Zeiten. Ihre einzige Angst war: zu verlieren. Kürzlich kam ihr ein Foto unter, auf dem sie sieben Jahre alt war. Bei einem Tennismatch für Mädchen, die sämtlich älter waren, hatte sie den dritten Platz gewonnen. Auf ihrem Gesicht stand die pure Selbstverachtung. Sie ertrug das Scheitern nicht.

Mit 13 Jahren war Seles die beste U-18-Tennispielerin der Welt. Ein Jahr zuvor hatte der legendäre Trainer Nick Bollettieri sie auf einem Turnier in den USA entdeckt und in seine Tennisakademie in Florida eingeladen. Erst zog sie mit ihrem Bruder hin, später folgte die ganze Familie. Bis dahin wusste sie von der Welt des Tennis nichts. Ihr Vater hatte sie angespornt, jeden Punkt so auszuspielen, als wäre es ihr letzter, ohne über irgendetwas anderes nachzudenken. Auch in Bollettieris Schule verstand sie lange Zeit das Punktesystem des Tennis nicht. Sie interessierte sich nicht dafür. Selbst unter all den Jugendlichen in der Tennisakademie, die alle nur auf eine Sache fixiert waren, galt sie als ein Phänomen.

Die Ängste nahmen ihren Anfang, als sie 13 war

Heute erinnert sie sich, wie einige ihrer Ängste hier ihren Anfang nahmen. „Ich habe meine Eltern und all meine Freunde mit 13 Jahren verlassen. In einem Alter, in dem man sehr unsicher ist, über den eigenen Körper und alles andere. Ich hatte ein Stipendium. Die anderen Mädchen konnten es sich leisten, für die Schule zu zahlen. Sie hatten alles, aber ich war das einzige Mädchen, das wirklich gut war. Ich war sehr schüchtern.“

Bollettieri nannte sie damals das größte Talent, das er je gesehen hätte. Seles meint, sie habe nie wirklich daran geglaubt, dass sie eine großartige Spielerin sein könnte – bis sie 1990 mit 16 Jahren im French-Open-Finale Steffi Graf schlug. Graf war fünf Jahre älter als sie. Nach diesem Sieg schaute Monica nur noch nach vorn. Es war, als hätte sie die Regeln des Frauentennis neu erfunden; sie war so aggressiv in ihrem Spiel, von so unbeirrbarer Konzentration, als könnte sich ihr nichts in den Weg stellen.

Drei Jahre lang gewann sie praktisch alles, was es zu gewinnen gab – außer Wimbledon. Dann änderte sich alles. Es war 1993, sie hatte eine realistische Chance, alle vier Grand-Slam-Turniere zu gewinnen. Sie war Siegerin der Australian Open – Paris lag in Reichweite. Doch als sie während eines Platzwechsels bei einem Hamburger Turnier mit dem Rücken zur Menge saß, schrieb Günter Parche die Tennisgeschichte um, indem er Seles mit einem Messer attackierte. Der 38-jährige hatte Graf jahrelang nachgestellt und konnte nicht ertragen, dass Seles ihr den Platz Eins auf der Weltrangliste „gestohlen“ hatte.

Seles kann heute über das Attentat sprechen, aber sie möchte nicht zu lang dabei verweilen. Sie musste den Schock überwinden und die physische Verletzung ihrer Schulter – ein Zentimeter weiter links, und sie wäre für immer gelähmt gewesen. Das Schlimmste aber war, dass dieses Leben, an dem ihr ganzer Glauben hing, in einem einzigen Augenblick ausgelöscht war.

Der Alptraum wurde immer schlimmer. Noch während sie im Krankenhaus lag, erfuhr Seles, dass bei ihrem Vater Magenkrebs im Endstadium diagnostiziert worden war. Und sie lernte eine brutale Lektion über die Welt des Spitzentennis. „Der Deutsche Tennis Bund entschied, das Turnier fortzusetzen, als wäre nichts passiert.“

Steffi Graf besuchte Seles im Krankenhaus „für eine oder zwei Minuten“, aber es gab nicht viel zu sagen: Sie waren schon immer eher Rivalinnen als Freundinnen gewesen. „Ich hatte das Gefühl, als würde jeder von dieser Attacke profitieren – außer mir“, sagt Seles.

Auch Günter Parche ließ Seles nicht los. Schließlich stand er wegen Körperverletzung und nicht wegen Mordversuchs vor Gericht. Und obwohl er gestanden hatte, dass der Anschlag vorsätzlich war, entkam er aufgrund eines psychiatrischen Gutachtens einer Gefängnisstrafe. „Das war nicht, was ich mir unter Gerechtigkeit vorstellte.“

Wenn Seles nach ihrer Genesung versuchte, wieder einen Tennisplatz zu betreten, kehrte sie unverrichteter Dinge wieder um, weil sie es nicht ertrug. Sie fing an zu essen. Es hatte ihr immer geschmeckt. Als Kind hatte man sie nie zwingen müssen, den Teller leer zu essen. Jetzt aß sie bei weitem mehr. Sie hatte ein ganzes Olympia-Fitnessprogramm absolviert, um wieder spielen zu können. Es half nichts. Nachts ging sie wieder an den Kühlschrank. „Kartoffelchips waren mein Untergang.“ An ihrem 21. Geburtstag, als ihr die Welt zu ihren Füßen hätte liegen sollen, blieb sie mit einer Tüte Kekse zu Hause und weinte.

„Das Problem war, dass ich nie an ein Comeback denken konnte, ohne mir vorzustellen, dass dieser Mensch, der mich angegriffen hatte, nie ins Gefängnis kam“, sagt Seles.

Nach zweieinhalb Jahren dachte sie: Ich muss es einfach versuchen. „Mein Comeback war in Toronto, die Unterstützung der Fans war phantastisch. Das erste Turnier, gleich zu gewinnen, hat geholfen. Und ich merkte: Ich bin immer noch ziemlich gut.“

Andererseits fingen Seles’ Probleme aber jetzt erst richtig an. Sie hatte hart gearbeitet, um sich für das Turnier in Form zu bringen, und dennoch wog sie weit mehr als mit 19. Damals hörte sie zum ersten Mal die Stimmen.

„Ich hatte vielleicht zehn Kilo mehr“, erinnert sie sich. „Und ich hörte Kommentare wie: ‚Oh mein Gott! Was ist mit Seles passiert? Hast Du gesehen, wie dick die ist?’ Zeitgleich begannen die Medien, über ihr „Stöhnen“ zu klatschen. Den Laut, den sie von sich gab, wenn sie den Ball traf. „Plötzlich hatte ich diesen Ruf, aggressiv zu stöhnen, wie ein Junge.“ Seles sagt, sie sei sich dessen nie bewusst gewesen, obwohl sie schon als Kind gestöhnt habe. 1992 in Wimbledon spitzten sich die Dinge zu. Der Medienklatsch über Seles’ Stöhnen war in voller Fahrt – als die Spielerinnen anfingen, sich darüber zu beschweren. Besonders Martina Navratilova, die das Halbfinale gegen Seles verlor.

Seles sagt, das Gerede habe sie verfolgt. „Ich hatte es im Kopf, als ich im Finale gegen Steffi Graf spielte – und verlor. An diesem Tag“, sagt Seles, „bin ich erwachsener geworden. Ich beschloss, nie wieder auf das Gerede der Leute zu hören.“

Einfach war das nicht. „Meine Generation war die letzte, in der man als Tennisspielerin vermarktet wurde – wie Graf und Hingis. Wenig später, als Anna Kournikova bekannt wurde, drehte sich alles ums Aussehen. Mir brauchte niemand zu sagen, wie ich aussehe. Ein Blick in den Spiegel genügte. Ich bemühte mich so sehr abzunehmen. Zwei Monate später hatte ich es wieder drauf – und sogar noch mehr.“

Seles holte einen weiteren bedeutenden Titel: bei den Australian Open 1996. Aber sie kam gegen den Hunger nicht an. „Der Jahrestiefpunkt war immer Wimbledon“, sagt sie. Sie musste auf Rasen spielen, was nicht ihr bevorzugter Boden war, spürte die britsche Presse im Nacken und die Essstörungen verschlimmerten sich. Wimbledon 1997 kulminierte alles: „Mein Vater war sehr krank, das Outfit, das ich tragen musste, war nicht eben vorteilhaft, und ich hatte 15 Kilo Übergewicht. Wenn eine Gegnerin einen Stopp gespielt hatte, dachte ich: ‚Wenn ich dünner wäre, hätte ich den Ball bekommen’.“

Nur wenige Ex-Champions schaffen das: einfach leben

Seles erlitt nun eine Serie von Verletzungen. Überbelastungserscheinungen im Fuß- und Sprunggelenk bescherten ihr schließlich ein vorzeitiges Karriereaus. Auf diese Weise zur Ruhe gezwungen, nahm sie Urlaub, um ihren 30. Geburtstag zu „feiern“. Das Feiern ist für einen Menschen mit Essstörung mit Anstrengungen verbunden. Aber dieses Mal nahm sich Seles etwas besonderes vor: Sie würde alle Diätprogramme vergessen und einfach versuchen, zu entspannen. Sie mietete ein Ökohäuschen auf Costa Rica, schaltete das Telefon aus, vergaß Tennis, machte Yoga und lange Spaziergänge. Und: Zum ersten Mal seit zehn Jahren hatte sie mehr Lust auf Obst als auf die „gefürchteten Kohlenhydrate“.

Seles wurde bewusst, dass sie sich durch Essen vom Schmerz ablenkte. Die Krebsdiagnose ihres Vaters hatte das alles verdrängt – doch jetzt konnte sie es klar sehen: Es war zu spät für sie, zum Tennis zurückzukehren. Ihre Sprunggelenke setzten ihr Grenzen. Aber nun gelang Seles das Schwierigste für einen Ex-Champion überhaupt: ein Leben jenseits des Spielfeldes zu finden.

Sie blieb am Ball. Sie begann, ehrlich zu sich selbst zu sein. Sie hörte auf, sich zu etwas zu zwingen, das sie nicht konnte. Und sie beschäftigte sich nicht mehr mit den Grand-Slams, die sie verloren hatte, sondern war stolz auf diejenigen, die sie gewonnen hatte. Das Geheimnis um ihre Ernährung war, dass es kein Geheimnis gab.

„Sobald ich mir im Klaren darüber war, was wirklich mit meinen Emotionen los war, konnte ich einen Ausweg sehen,“ sagt sie. „Ich hatte Ursache und Wirkung verwechselt. Es ging nicht darum, was ich aß, sondern darum, was an mir nagte.“

Übersetzung: Katharina Weikl

Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

05:00 30.07.2009
Geschrieben von

Tim Adams, The Observer | The Guardian

Der Freitag ist Syndication-Partner der britischen Tageszeitung The Guardian
Schreiber 0 Leser 11833
The Guardian

Ausgabe 32/2020

Hier finden Sie alle Inhalte der aktuellen Ausgabe

3 Ausgaben kostenlos lesen

Der Freitag ist eine Wochenzeitung, die für mutigen und unabhängigen Journalismus steht. Wir berichten über Politik, Kultur und Wirtschaft anders als die übrigen Medien. Überzeugen Sie sich selbst, und testen Sie den Freitag 3 Wochen kostenlos!

Kommentare 1