Faustrecht und Junkie-Bus

Drogenszene Drogenclans übernehmen an Madrids Peripherie die Kontrolle. Die Polizei traut sich kaum mehr, die betroffenen Viertel zu betreten, die Politik ist sowieso machtlos

Zwei Männer schlafen auf einer schmutzigen Matratze unter der schwachen Herbstsonne. Ein anderer liegt bewegungslos auf dem betonierten Streifen, der die Kirche Santo Domingo umgibt. Seine Kleidung ist zerrissen, die Haut vom Dreck und Sonne dunkel gefleckt. Auf dem staubigen, mit Abfällen übersäten Kirchenvorplatz sitzen Dutzende von Süchtigen und setzen sich ihre Spritzen.
Am Stadtrand von Madrid gedeiht in der Siedlung Cañada Real Galiana Europas größter Drogenmarkt. Etwa 30.000 leben entlang der alten Viehroute Cañada Real. Anarchie und Gesetzlosigkeit sind soweit fortgeschritten, dass ein rechtsfreier Raum existiert, in dem kommunale Politiker nicht mehr viel zu sagen haben.

Gigantische Villen

Drogenabhängige auf der Suche nach einem Schuss stolpern die breite Hauptstraße von Cañada hinunter und werden von Wachtposten oder Drückern der Drogenclans durch große Metalltore auf die eingezäunten Areale ihrer Bosse gerufen. Dort stehen gigantische Villen, die mit dem Geld aus dem Heroin- und Crack-Geschäft gebaut wurden. Vor ihnen sitzen untersetzte Männer auf Klappstühlen und überwachen das Geschäft auf ihrem Gelände. Gelegentlich fährt ein Polizeiauto vorbei, aber der unerbittliche Handel wird kaum gestört, es wird gekauft und verkauft, immerfort, Tag für Tag.

Wer hier als Street Worker unterwegs ist, braucht einen Wagen mit Allradantrieb, um sich durchzukämpfen. „Ich habe 20 Jahre in den Armenvierteln von Venezuela gearbeitet“, sagt einer von ihnen. „Ich habe dort nie ein solches Ausmaß an Schmutz gesehen. Was Drogen wirklich anrichten können, habe ich erst hier erfahren.“ Ein leichter Stau bildet sich, als ein Polizeijeep stoppt, um ein paar Leute zu befragen. „Das ist noch gar nichts. Sie sollten einmal abends um neun oder um drei Uhr morgens hier sein“, sagt Antonio García, der Gemeindepriester der Santo Domingo-Kirche. „Ich bezweifle sehr, dass es in Madrid einen einzigen Nachtclub gibt, vor dessen Tür so viele Menschen anstehen.“

Das Desinteresse der Politiker wie der Polizei hat die Drogenclans dazu eingeladen, dieses Viertel als ihr Revier zu reklamieren. „Solange die Politik nichts unternimmt, setzt sich das Faustrecht noch stärker durch“, meint Antonio García noch. „Wir sind hier mittendrin. Manche Leute kommen nicht mehr zum Gottesdienst oder zur Taufe. Sie haben zu viel Angst.“ In den vergangenen Monaten wurden Bulldozer ins Viertel gebracht, um einige der illegalen Häuser abzureißen. Die Häuser der Drogenclans aber, die wurden nicht angetastet.

Die Leute stürzen herein

Dort, wo der Drogenmarkt endet, wird der Cañada Real zu einer endlos anmutenden Häuserreihe, die sich kilometerweit durch die Gegend zieht. Viele der Gebäude haben die große Müllkippe im Rücken, vor der Lastkraftwagen darauf warten, den Müll der Madrilenen los zu werden. Wochenendhäuser und Bungalows mit Obstgärten wie die einfach gebauten Herbergen marokkanischer Einwanderer stehen neben baufälligen und windschiefen Bretterbuden – die Asyle spanischer und rumänischer Roma, in deren geschlossene Gemeinschaften kaum jemand vorzudringen vermag. „Wir haben Angst, dass sie mit ihren Bulldozern kommen und unser Haus abreißen, wie sie es mit anderen getan haben“, sagt Lucía Jiménez, die sich mit ihrem Mann und den drei kleinen Kindern eine kümmerliche Baracke mit drei Räumen teilt. „Mir wäre es egal, wenn wir hier raus müssten. Aber gehen würden wir nur unter der Bedingung, dass sie uns einen anderen Platz zum Wohnen geben. Nein, den müssten sie uns sogar anbieten.“

An Aufbruch oder Flucht denkt auch der Marokkaner Mohammed Gueyo, der einen kleinen Supermarkt neben der Moschee Ibn Nosair betreibt. „Die Leute stürzen herein und ziehen ihre Pistolen ...“ Gueyo hatte den Laden gemeinsam mit Verwandten ein paar Spaniern abgekauft, als er vor zwei Jahren auf den Baustellen Madrids arbeitslos wurde. Er weiß, dass die Kaufurkunde, die sie ihm ausgestellt hatten, gefälscht war. „Die Polizei kann hier jederzeit mit ihren Bulldozern vorbeikommen – und dann ist in ein paar Minuten alles vorbei. Und wenn sie meinen Supermarkt einreißen, dann werden sie wahrscheinlich die Moschee gleich mit zerstören.“
Ein Gesetz der madrilenischen Kommunalverwaltung – es liegt freilich erst im Entwurf vor – könnte es ihm ermöglichen, sein Haus zu legalisieren. Doch ob es wirklich beschlossen wird, weiß niemand. Mit den Drogenclans hat das wenig bis gar nichts zu tun, die lassen sich von nichts und niemandem vertreiben. „Die Kommunen, durch die der Cañada Real verläuft, müssen zu einer Entscheidung kommen, was mit dem Land geschehen soll“, meint José Masa, der linke Bürgermeister von Rivas Vaciamadrid, einer der drei Gemeinden. „Wir wollen es in eine grüne Lunge verwandeln, aber erst müssen wir uns darüber einig werden, wie wir die Leute umsiedeln können und vor allem wohin.“

Seit 40 Jahren

Elena Utrilla – sie leitet für den bürgerlichen Partido Popular (PP) das Ressort für Wohnungsfragen in der Stadtverwaltung von Madrid – geht davon aus, dass Anfang 2010 ein Gesetz verabschiedet wird, das es den Behörden erlaubt, an der Cañada Real aufzuräumen. Das Geld, um die Bewohner umzusiedeln, müsse allerdings erst noch gefunden werden. „Das Problem wird sich nicht über Nacht lösen lassen“, räumt Utrilla ein. „Aber ich hoffe darauf, dass es in ein paar Jahren kein Thema mehr ist.“

Es kann noch zwei Jahre dauern, bis sich die Rathäuser am Cañada Real einig werden, wer für die Umsiedlung der Menschen bezahlt. José Masa, der Bürgermeister von Rivas Vaciamadrid, schätzt, dass es sechs Jahre oder noch länger dauern könnte, bis die Gegend „wieder sauber ist“. Und dann müsse man dafür sorgen, dass sich der Drogenhandel nicht einfach eine neue Zuflucht sucht. Die Szene hatte sich ursprünglich an die Cañada Real verlagert, weil eine andere Siedlung geschlossen worden war.

"Manche leben hier seit 40 Jahren“, erzählt Gemeindepriester Antonio García. „Vor drei Jahren war das noch eine relativ ruhige Wohngegend. Heute haut jeder ab, der die Möglichkeit dazu hat.“Zur Zeit gibt es nur eine einzige Buslinie, die Bewohner von Cañada Real Galiana nach Madrid und wieder zurück bringt. Wer den Bus mit der Nummer 339 nimmt, teilt ihn sich mit Drogenabhängigen, die im hinteren Teil Heroin von Aluminiumstreifen rauchen. Man nennt ihn auch den Junkie-Bus.

Übersetzung: Christine Käppeler

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11:51 21.11.2009
Geschrieben von

Giles Tremlett, The Guardian | The Guardian

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The Guardian

Ausgabe 39/2020

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chrisamar | Community