Feminismus macht nicht fett

Ernährung Sind Feministinnen schuld, dass viele Menschen nicht mehr richtig kochen können? Unsinn, meint Jessica Reeds. Die Gründe für den Verfall der Esskultur liegen woanders

Feministinnen bringen viel Zeit damit, gegen Klischees zu kämpfen: Nein, wir hassen Männer nicht. Und nein, wir sind auch kein monolithischer Block, sondern haben die verschiedensten sozialen und kulturellen Hintergründe und vertreten selbst in Bezug auf feministische Schlüsselthemen wie Sex-Arbeit, Klassenfragen oder postkoloniale Entwicklung verschiedene Standpunkte. Die überwiegende Mehrheit von uns hat Spaß an Sex – und entgegen der Darstellung von Rose Prince in der Daily Mail auch am Kochen.

Prince' Angriff auf den Feminismus ist zwar ziemlich wirr, aber recht unterhaltsam: Weil die zweite Frauenbewegung das Kochen zu einem Symbol für die Fronarbeit der Hausfrau erklärt habe, sei sie verantwortlich für die um sich greifende Fettleibigkeit unserer Kinder, die mangelnde sportliche Ertüchtigung der Jugend, die Verbreitung von Fast-Food-Ketten und eine „Gesundheits-Krise, die uns Milliarden kostet“ – vom Kapitalismus, gerechten Löhnen oder Lebensmittelpreisen keine Rede. Ein Blogger kommentierte Princes Einlassungen wie folgt:

„Welche Antwort ist richtig? Dieser übergewichtige Mensch starb, weil es in seiner Nachbarschaft keinen Gemüseladen und keinen öffentlichen Nahverkehr gab. Oder: Dieser übergewichtige Mensch starb, weil er in drei Jobs gleichzeitig arbeitete und keine Zeit hatte, sich seine Mahlzeiten selbst zuzubereiten. Oder: Dieser übergewichtige Mensch starb, weil seine Schule von einem Limonadenhersteller gesponsort wurde und er daher während seiner gesamten Schulzeit mit Werbung zugeballert wurde.“

Feministinnen sind oft gute Köche

Aber abgesehen von ihrer kurzschlüssigen und dümmlichen Sozialanalyse, liegt Prince auch falsch damit, wenn sie Feministinnen als Takeaway-Liebhaber darstellt, die nicht in der Lage sind, Kohlrabi zu schneiden. Die besten Köche, die ich kenne, sind Feministen und Feministinnen aller Generationen. Sie haben ihren Söhnen und Töchtern das Kochen beigebracht, weil diese ihnen wichtig sind.

Kochen zu können ist unabdingbar, um sich zu einem unabhängigen, erwachsenen Menschen zu entwicklen, der ein selbstbestimmtes Leben führen kann. Diese Leute haben nie damit aufgehört, Brotteig zu kneten, Kuchen zu backen oder neue Suppen zu kreieren, nur weil es auf einmal Fast-Food-Restaurants gab – schließlich haben sie ja auch nicht damit aufgehört, Kinder zu bekommen, als die Pille eingeführt wurde. Vielleicht sollte Prince einmal Bloodroot besuchen – eines der ersten feministischen Restaurants der USA, das nun bereits seit 33 Jahren floriert. Oder vielleicht sollte ich sie zu mir nach Hause einladen und sie mit dem bekochen, was meine feministische Mutter mir beigebracht hat.

Prince sollte auch nicht so tun, als hätten Männer keinen Einfluss darauf, was sie zu sich nehmen. Als erwachsene Menschen sind sie doch nicht darauf angewiesen, das zu essen, was ihnen vor die Nase gesetzt wird. Heutzutage kochen die meisten Männer mit großem Vergnügen (auf meine Twitter-Anfrage, wer meiner männlichen Follower gerne kocht, bekam ich unzählige positive Rückmeldungen) – und ein wenig verdanken sie diesen Zugewinn auch der Frauenbewegung.

Kochunterricht für Mädchen und Jungs

Prince meint es mit Sicherheit gut, wenn sie sich um die Qualität unserer Lebensmittel und Ernährungsweise sorgt. Indem sie aber allein die Frauen in die Pflicht nimmt und ihnen die alleinige Verantwortung für das Kochen zuweist, erreicht sie aber überhaupt nichts. Wenn man will, dass Familien sich gut ernähren, muss man ihnen einen leichteren Zugang zu qualitativ hochwertigen Produkten ermöglichen, ihnen in ihrem hektischen Alltag mehr Zeit einräumen und in den Schulen wieder Hauswirtschaft unterrichten – für Mädchen und für Jungs.

Man muss die Leute an die Hand nehmen und ihnen zeigen, wie man gut, schnell und kostengünstig kochen kann. Man muss mit dem Mythos aufräumen, es sei eine höhere Kunst, ohne Fertigprodukte zu kochen. Man muss den Leuten beibringen, welche Vorteile es hat, bestimmte Dinge immer vorrätig zu haben, Brot selbst zu backen und Obst und Gemüse selbst zu ziehen. All dies sollte ohne Druck geschehen, mit Vorwürfen kommt man selten weit. Es dürfte in jedem Fall zielführender sein, den Menschen die Freude am Essen zu vermitteln und ihnen nahezubringen, es als etwas zu feiern, auf das man stolz ist und das man genießt.

Natürlich sollte auch permanent Druck auf Supermärkte und Fast-Food-Ketten ausgeübt werden, bessere Produkte anzubieten, die ohne Farb- und Zusatzstoffe auskommen und gleichzeitig das Billige allzu billiger Lebensmittel hinterfragen.

Prince beklagt in ihrem Text den Niedergang der weiblichen Kochkunst. Für mich ist dagegen entscheidend, sich um die zu kümmern, die mensch liebt – und das auch im Essen zu zeigen. Die Probleme, die sich in Bezug auf Lebensmittel, Kochen und Ernährung auftun, betreffen nicht die Geschlechterfrage, sondern müssen vor dem Hintergrund größerer gesellschaftlicher und politischer Zusammenhänge angegangen werden.

Übersetzung: Holger Hutt
17:10 25.09.2010
Geschrieben von

Jessica Reeds | The Guardian

Der Freitag ist Syndication-Partner der britischen Tageszeitung The Guardian
Schreiber 0 Leser 9597
The Guardian
Aboanzeige Artikel Aboanzeige Artikel

Kommentare 1