Femme terrible

Porträt Virginie Despentes hat die gefeierte „Vernon Subutex“-Trilogie geschrieben und findet, dass Terror als Thema in einen Roman gehört
Femme terrible
„Als Lesbe ist es leichter, eine Feministin zu sein“

Fotos: Alexandre Iisard/Paris Match/Getty Images

In ihrer Wohnung im Norden von Paris sitzt Virginie Despentes – Ex-Punkerin und „Junge Wilde“ der französischen Literatur – auf dem Sofa, mit einer Motörhead-Kaffeetasse in der Hand. Sie rollt sich eine Zigarette und bilanziert: „Als Person habe ich mich sehr verändert – Wut und Angst sind weniger stark.“

Fast 25 Jahre sind vergangen, seit Despentes 1994 mit ihrem Debütroman Baise-moi (der deutsche Titel lautet Fick mich!) in die französische Literaturszene platzte. Sie hatte die Rache-für-eine-Verwaltigung-Geschichte mit 23 Jahren zu schreiben begonnen, während sie gelegentlich als Prostituierte jobbte. Im Jahr 2000 führte sie für die Filmversion Regie und arbeitete mit Porno-Darstellerinnen. Wegen zu viel Gewalt und Sex wurde der Film in Frankreich zeitweise verboten – und in ganz Europa zum Kultfilm. Despentes erhielt den Stempel, „vulgär, empörend und erfrischend“ zu sein. Das Arbeiterklasse-Kind, Tochter von Postlern aus Nancy im Nordosten Frankreichs, wurde zur literarischen „Stimme der Außenseiter“.

Dekolonialisiert euch!

Migrantische, weibliche Stimmen, hier sieht Virginie Despentes für die französische Kultur das derzeit größte innovative Potenzial. Léonora Miano zum Beispiel, Jahrgang 1973, die preisgekrönte Schriftstellerin mit kamerunischen Wurzeln, wurde 2005 bekannt mit ihrem Debüt L’intérieur de la nuit.

Die 1985 geborene Faïza Guène wuchs als Kind algerischer Einwanderer in der Pariser Banlieue auf. Mit lakonischem Humor schildert sie in Kiffe kiffe demain (Paradiesische Aussichten,2004) den Alltag von Doria in einer französischen Vorstadt, enervierende Gespräche mit der Schulpsychologin, dem Lebensmittelhändler oder ihrem Dealer-Freund Hamoudi (der eines Tages mit dem Dealen aufhört). Guènes Roman wurde in 22 Sprachen übersetzt. Die französisch-karibische Rapperin Casey hörte als Kind schon Public Enemy. Casey singt über Armut, Deklassierung, Rassismus, Polizeigewalt.

Die Filmemacherin und Anti-Rassismus-Aktivistin Rokhaya Diallo ist Regisseurin von Les marches de la liberté, einer Dokumentation über die erste europäische Massendemonstration, die 1983 arabische und schwarze Franzosen initiierten. Die Gründerin der Assoziation „Les Indivisibles“ wurde 2013 vom amerikanischen Online-Magazin Slate zu einer der 100 einflussreichsten Frauen Frankreichs gewählt.

Amandine Gay, Jahrgang 1984, ist eine afrofeministische Filmemacherin. Sie lebt heute in Montreal. In ihrem ersten, letztes Jahr erschienenen Dokumentarfilm Film Ouvrir La Voix (im deutschen Kino: Speak Up)gibt sie schwarzen Frauen ihre Perspektive auf Fragen der Identität zurück. Informationen zu Kinovorführungen in Deutschland: www.femmes-totales.de

Seitdem hat Despentes zehn weitere Bücher geschrieben, Literaturpreise gewonnen und mit ihrem 2006 veröffentlichten Manifest King Kong Theorie den französischen Feminismus neu definiert. In diesem autobiografischen Essay beschreibt sie detailliert, wie sie mit 17 Jahren beim Trampen mit einer Freundin vergewaltigt wurde, als drei junge Männer sie mit einem Gewehr bedrohten und überfielen.

Heute, mit 49, ist es Despentes’ witzige, respektlose und bissige Trilogie Das Leben des Vernon Subutex über das zeitgenössische Paris, die ihren Status als „Rock-’n’-Roll-Zola“ zementiert. In Frankreich wurden die Romane Hunderttausende Male verkauft, Despentes erhielt Preise, sie wurde für den internationalen Man-Booker-Preis nominiert, die Trilogie wurde als hochbudgetierte Fernsehserie adaptiert und weltweit übersetzt. Erzählt wird die Geschichte eines Plattenladen-Besitzers, der nach der Schließung des Geschäfts aus seiner Wohnung fliegt (Freitag 33/2017, 10/2018). Nachdem er sich eine Zeit lang Nächte auf den Sofas alter Bekannter erschwindelt hat, rutscht er in die Obdachlosigkeit ab. Auch sein alter Freund, der Rockstar Alex Bleach, kann ihn nicht mehr unterstützen, er wird nach einer Überdosis tot in einem Hotel aufgefunden und besitzt einige Videotapes, hinter denen verschiedene Leute her sind ...

Das Spektrum der Charaktere geht quer durch alle Gesellschaftsschichten: von pensionierten Pornografie-Darstellern über einen widerlich sexuell übergriffigen Filmproduzenten (geschrieben, bevor die Vorwürfe gegen Harvey Weinstein öffentlich wurden), einen rechtsradikalen Kleiderverkäufer bis hin zu einer muslimischen, kopftuchtragenden Studentin, die – ganz gezielt – weder unterwürfig noch radikalisiert ist, sondern einfach genau weiß, was sie will. Sie sei es leid, erklärt Despentes, wie kopftuchtragende Frauen in Frankreich stereotypisiert und zur politischen Zielscheibe gemacht würden.

Das Leben des Vernon Subutex ist geschrieben wie eine TV-Serie – eine Kunstform, die dabei sei, das Kino abzulösen, meint Despentes, „und vielleicht sogar den Roman“. Die Trilogie beschreibt die schleichende Ausbreitung rechtsextremen Gedankenguts in der französischen Gesellschaft, die die Autorin beobachtet: alltägliche Diskriminierung wegen Herkunft oder Hautfarbe und Verachtung der Armen.

„Es geht um den Übergang vom 20. ins 21. Jahrhundert und das Gefühl der Franzosen, die Vorherrschaft zu verlieren“, erklärt Despentes. „Westeuropäer sind von Geburt an privilegiert und fühlen sich als herrschende Macht. Auch ein gewisser Verlust an Männlichkeit wird thematisiert und wie man damit umgeht – Männer wie Frauen.“

Despentes kämpft seit Jahrzehnten an der Front des Gender-Kriegs. Die MeToo- und die Time’s-Up-Bewegung hält sie für Zeichen eines „tiefgreifenden Wandels“: „Erstmals betrachten es junge Frauen als ihr Recht, sich entspannt im öffentlichen Raum zu bewegen. Das ist eine Revolution. Nie zuvor gab es eine Generation von Frauen, denen klar gesagt wurde: Wenn du aus der Haustür gehst, gibt es keinen Grund, warum du abends niedergeschlagen zurückkommen solltest, weil ein Mann dich berührt oder verbal angegriffen hat.“

MeToo hat das Interesse an King Kong Theorie wiederbelebt. Eine Theater-Adaption kehrt im Herbst nach Paris zurück. In Deutschland ist Anfang September eine Neuübersetzung (KiWi) erschienen. Aber es könne ein Jahrzehnt dauern, bis sich bewerten lässt, was die Bewegungen wirklich gebracht haben, sagt die Autorin, die sich der Gefahr eines Backlashs bewusst ist.

Mit Vernon Subutex hat Despentes eine männliche Hauptfigur geschaffen, die in Frankreich einen Nerv getroffen hat. Rückblickend glaubt sie, dass Lesepublikum und Kritik diesen Mann wohlwollender aufgenommen haben, als wenn ihr Hauptcharakter eine Frau gewesen wäre. „Dann hätte man die Figur viel weniger als Porträt einer Generation gelesen, sondern als Geschichte einer Frau, die versagt.“

Von Despentes’ Fenster aus sieht man in der Ferne den Buttes-Chaumont, den weitläufigen Park im 19. Arrondissement, wo Hochhauswohnsiedlungen dicht an gentrifizierte Straßen stoßen und ein Großteil ihrer Geschichte spielt.

Bataclan und Betäubung

In diesem Park bereiteten sich die Brüder Kouachi auf den Dschihad vor, bevor sie im Januar 2015 den Terroranschlag auf das Satire-Magazin Charlie Hebdo verübten. Am gleichen Morgen wurde der erste Vernon-Subutex-Teil veröffentlicht.

In die Zeit, in der Despentes an Teil drei arbeitete, fielen im November 2015 die Anschläge auf ein Pariser Fußballstadion, Restaurants und die Konzerthalle Bataclan. Die Autorin änderte das Buch, um die Reaktion der Gesellschaft zu reflektieren: „Das Thema Terrorismus lässt sich in einem zeitgenössischen französischen Roman nicht umgehen, genauso wenig wie Flüchtlinge, Obdachlose und der Aufstieg der Rechtsextremen. Ich wollte eine Momentaufnahme von Frankreich schreiben.“

Das war nicht immer einfach: „Nach einem großen Terroranschlag herrscht zunächst Betäubung – darum geht es beim Terrorismus. Nach dem Bataclan-Attentat schrieb ich monatelang gar nichts; es schien eine so bedeutungslose Tätigkeit zu sein. Aber dann dachte ich: Ich brauche ein Buch, das ich genau jetzt lesen möchte. Und machte mich wieder an die Arbeit.“

Sie hält kurz inne und sagt, es sei vielleicht überraschend, aber literarisch am stärksten beeinflusst habe sie der britische Autor Nick Hornby. „Er hat eine Art, über Probleme zu schreiben, die fast ein gutes Gefühl hinterlässt. Seine Bücher haben mich viel über das Schreiben gelehrt, aber auch meine Moral gestützt. Wenn es mir nicht so gut ging, las ich zwei oder drei Nick Hornbys hintereinander weg, und es ging wieder.“

Der Sex verschwindet

Als größtes innovatives Potenzial für die französische Kultur und Denkweise betrachtet sie derzeit weibliche migrantische Stimmen wie die Schriftstellerinnen Léonora Miano und Faiza Guène, Rapperin Casey, Essayistin Rokhaya Diallo und Dokumentarfilmerin Amandine Gay. In den vergangenen 30 Jahren sei deren Perspektiven so wenig Platz eingeräumt worden, dass es jetzt wie ein geballter „Ausbruch“ wirke.

Ihr eigenes Schreiben wäre nicht, was es ist, wenn sie nicht mit 30 Jahren aufgehört hätte, Alkohol zu trinken, erzählt die Autorin, die Abhängigkeit auch als literarisches Thema reizt. Mit 35 hat sie sich „von der Heterosexualität verabschiedet“: „Als Lesbe ist es einfacher, Feministin zu sein. Man muss weniger Angst haben, bestimmte Dinge zu sagen oder die Person, mit der man lebt, vor den Kopf zu stoßen, weil man zu radikal ist. Das Leben steht nicht im Widerspruch zu den Ansichten, die man vertritt.“

Die Subutex-Trilogie wurde durch zwei Ereignisse angestoßen. Eins war die Wirtschaftskrise, die zeigte, wie leicht Menschen Mitte 50 Arbeitsplatz und Zuhause verlieren konnten, ohne den Aufstieg je wieder zu schaffen. Das zweite Ereignis war der Tod von US-Sängerin Whitney Houston: „Damals erschienen Artikel über sie und die Beziehung, die sie mit einer wenig bekannten Freundin hatte, die immer im Schatten blieb und – wie einige mutmaßten – vielleicht ihre Geliebte war. Daher stammt die Idee von jemandem, der unbekannt, aber mit einem berühmten Sänger befreundet ist.“

Sex kommt vor in Das Leben des Vernon Subutex, aber das Trauma des Skandals rund um Baise-moi sitzt tief, und daher „gibt es heute viel weniger Sex in meinen Büchern“. Viele zeitgenössische Autorinnen hielten das Thema Sex aus ihren Büchern heraus und bekämen dadurch bessere Kritiken, meint Despentes. Aber es habe immer noch einen Stellenwert in der französischen Literatur und Kunst und müsse thematisiert werden. Sich selbst beschreibt Despentes als „Pro-Sex-Feministin“.

Als ehemalige Porno-Rezensentin, die weiterhin den Markt beobachtet, ist sie besorgt über die Veränderungen in der Branche und die Demütigung der Darstellerinnen. Da immer jüngere Kinder Zugang zu Pornos haben, fordert sie mehr öffentlichen Diskurs, spezielle Porno-Portale für Teenager und Aufklärung darüber, dass Porno nicht gleich Porno ist. „Lange Zeit – in den 70ern und 80ern, sogar noch in den 90ern – konzentrierte sich Pornografie auf die Vorstellung, dass Frauen Sex genießen. Heute ist in internationalen Pornos das Gegenteil der Fall: Es ist ein Problem, wenn eine Frau Vergnügen verspürt. Nicht alle Pornos sind von Frauenhass geprägt, aber die, die gerade angesagt sind. Was geht in den Köpfen von Männern vor, was mit ihrer Sexualität, wenn die Lust von Frauen ein Problem geworden ist?“

Despentes wehrt sich auch gegen heuchlerische Diskussionen über Prostitution und dagegen, dass sie vom Gesetz nicht wie jede andere Arbeit behandelt wird und Männer an der Macht – etwa männliche Abgeordnete – sich nicht dafür einsetzen, die Arbeitsbedingungen in der Branche zu verbessern. In King Kong Theorie schreibt sie, dass die Sexarbeit ihr half, über ihre Vergewaltigung hinwegzukommen.

Heute ist King Kong Theorie das Buch, um dessen Signierung sie am häufigsten gebeten wird – auch von immer mehr jungen Männern. Vor der Veröffentlichung vor zwölf Jahren weigerte sich ihr Verleger, das Wort „Feminismus“ auf den Titel zu setzen. „Es gab damals in Frankreich diese Denkweise: dass Feminismus sich nicht verkauft; dass Feminismus abschreckt; dass der Feminismus am Ende ist“, erklärt sie. „Aber ich wusste, dass ich nicht die Einzige bin, die sich dafür interessiert, und das ist jetzt ganz eindeutig.“

Angelique Chrisafis arbeitet als Korrespondentin des Guardian in Paris

Übersetzung: Carola Torti
06:00 16.10.2018
Geschrieben von

Angelique Chrisafis | The Guardian

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