Sally Williams
Ausgabe 5016 | 11.01.2017 | 06:00 2

Fensterflügel knarren im Wind

Irak Die Bewohner von Dschalawla kehren in ihre vom IS befreite Stadt zurück. Das alte Leben blüht wieder auf. Aber nichts ist wie früher

Fensterflügel knarren im Wind

Den Faden des Lebens wieder aufnehmen: Assams Kinder in der Schule

Fotos: Abbie Trayler-Smith/Guardian News & Media

Als kurdische Quellen am Abend des 11. August 2014 meldeten, die Stadt Dschalawla sei vom IS erobert, war Assam Dara Ali zu Hause bei seiner Familie. Seine Frau Teba brachte gerade die beiden Kinder zu Bett. „Plötzlich hörten wir, wie von der Moschee her ‚Allahu Akbar‘ gerufen wurde.“ Der „Islamische Staat“ (IS) ließ die Botschaft, die Stadt eingenommen zu haben, von Minaretten verbreiten, die man vom Haus der Familie aus sehen konnte. Es war jene Zeit, als IS-Einheiten fast überall im Irak auf dem Vormarsch waren. Die Stadt Falludscha, 60 Kilometer westlich von Bagdad, Sindschar und Machmur im Westen sowie die Metropole Mossul im Norden gerieten ins Visier. Es war leicht auszumachen, wie sich das neu ausgerufene Kalifat von Tag zu Tag ausbreitete.

Assams achtjährige Tochter Hanin hatte den Allahu-Akbar-Ruf schon früher gehört, wenn der Imam das Ende des Ramadan verkündete und mit Geschenken, Süßigkeiten und festlichem Essen gefeiert wurde. „Papa“, rief sie und rannte in großer Aufregung zu ihrem Vater, „ist heute Fastenbrechen?“

Assam sagte Teba und den Kindern, sie sollten sich unter der Treppe verstecken. „Wir blieben die ganze Nacht wach. Wir hatten Angst, dass sie in unser Haus eindringen.“ Ringsherum wurden Minivans und Autos beladen. Man verließ die Stadt auf Nebenstraßen, von denen einigermaßen sicher war, dass sie den ortsfremden Soldaten des IS nicht bekannt waren. Assam und seine Familie flohen am nächsten Morgen. Es trieb sie zu Tebas Eltern nach Bagdad. „Wir riefen bei den Nachbarn an und fragten sie, welcher Weg sicher sei“, erzählt er. „Wir konnten nicht mehr mitnehmen als unsere Pässe.“ Es fehlte einfach die Zeit.

Dann kam der Exodus

An einem Tag im Spätherbst 2016 fahre ich frühmorgens auf einer leeren Straße durch die Wüste in Richtung der iranischen Grenze. Zwei Dinge fallen ins Auge, wenn man sich dem etwa 160 Kilometer nordöstlich von Bagdad gelegenen Dschalawla nähert – zum einen gibt es Menschen zuhauf, die entlang der Straße lokale Produkte verkaufen: zu Pyramiden aufgestapelte Granatäpfel und Körbe voller dicker Rettiche. Das Zweite sind die zahlreichen Checkpoints. Seit die kurdischen Peschmerga Dschalawla im November 2015 dem IS wieder entrissen haben, wurde die Stadt in eine Festung verwandelt, deren Zufahrten man an den langen Schlangen aus verstaubten Allradfahrzeugen, rußenden Taxis und Radfahrern erkennt. Peschmerga und Polizeibeamte laufen wild durcheinander; junge Männer schieben Handkarren und bieten Zigaretten feil. Ein bewaffneter Soldat klopft ans Fenster, lehnt sich herein, um meine Papiere zu überprüfen und winkt mich durch.

Dschalawla war einmal eine Stadt mit 80.000 Einwohnern, ein Ort, an dem die Menschen gern lebten. Es gab zwölf Moscheen, gute Schulen, ein Hospital, das sich dank seiner Ärzte und ausgezeichneten Hebammen einen Namen gemacht hatte. Ein Klub junger Iraker hatte seinerzeit gerade eine hochgelobte Inszenierung von Oliver Twist aufgeführt. Was die Menschen am meisten anzog, war der Basar: Ein Labyrinth aus Ständen, sowohl im Freien als auch überdacht, an denen alles verkauft wurde, von Melonen und Tomaten über edlen Schmuck bis hin zu Mobiltelefonen. Im Umkreis von mehreren Kilometern gab es nichts Vergleichbares.

Dann der Exodus – die meisten Bewohner flohen während der 15-monatigen Besatzung durch den IS nach Bagdad oder in weiter entfernte Städte. Etwa 300 Familien blieben zurück. Entweder hatte man ihnen bedeutet, sie seien unter der Herrschaft des IS sicher, oder sie sympathisierten mit den Eroberern.

Wie mir erzählt wird, hielten sich die Islamisten durch Brandschatzung an zahllosen Häusern und Geschäften von schiitischen und kurdischen Familien schadlos, sie sprengten ein schiitisches Gotteshaus in die Luft und jagten jeden, der irgendetwas mit der irakischen Nationalarmee zu tun hatte. Während der Besatzungszeit wurden 175 Peschmerga-Kämpfer und 40 Mitglieder des kurdischen Inlandsgeheimdienstes Asayîş getötet, dazu so ziemlich jede leerstehende Wohnung geplündert, aber nicht allein von Männern des IS.

Als die Peschmerga Dschalawla nach einem zweitägigen Gefecht im November 2015 zurückerobert hatten, wurde die Stadt Haus für Haus von Sprengfallen befreit und im Februar 2016 schließlich für Zivilisten freigegeben. Doch blieb es ein langer Weg, bis alles wieder so sein konnte wie ehedem. Die Straßen wurde vom Schutt zerstörter Häuser geräumt. Vom Rathaus blieb nur ein Schutthaufen und bleibt es weiter. Gleiches trifft auf das einstige Hauptquartier des Asayîş zu. Der kurdische Geheimdienst hat seinen Sitz nun in einem improvisierten Büro im Anbau eines Privathauses.

Geboren im Exil

Nach Monaten einer gespenstischen Leere sind die Menschen nach und nach zurückgekehrt. Im Augenblick liegt die Bevölkerungszahl bei gut 66.000. Man kann an den Marktständen wieder süßen schwarzen Tee trinken, Gemüse und Konfektion kaufen, den Platz als Nachrichtenbörse schätzen. Eine Ambulanz mit ihrem Zahnarzt, dem Allgemeinmediziner und einer Apotheke ist wieder zugänglich. Fast überall ist Baulärm zu hören: Bagger und Bulldozer, Hämmern und Sägen.

Noch ist das Leben ein flackerndes Licht. Auch deshalb, weil gut ein Fünftel der Häuser weiter einen Stromanschluss entbehren muss oder über kein fließendes Wasser verfügt, weil die Regierung die 650.000 Dollar für Reparaturen nicht zahlt. Sieben Schulen sind noch geschlossen, und es gibt zu wenig Lehrerinnen. Das Krankenhaus kann bis auf Weiteres nur Notaufnahme und Zahnärzte anbieten. Uniformierte patrouillieren durch die Straßen, in manchen Nächten herrscht eine stadtweite Ausgangssperre.

„Wir fühlen uns nicht wirklich sicher“, sagt mir Hiwa Jabari und fasst damit einen kollektiven Gemütszustand zusammen. Der kleine, muskulöse Mittvierziger, der ausgezeichnet Englisch spricht, betreibt im Keller des Krankenhauses eine Apotheke. Der IS habe an dieser Stelle seine verwundeten Soldaten versorgt und alles gestohlen. Damit meint er Medikamente im Wert von 200.000 Dollar, die Hiwa Jabari mittlerweile dank der Hilfe eines Freundes wieder ersetzen konnte. Es habe offenbar eine ungeheure Faszination der IS-Leute für technische Geräte gegeben. „Sie stahlen die Klimaanlage des Wasserwerkes ebenso wie die Bohrmaschinen von Privatpersonen. Aus einer Schule entwendeten sie einen Generator und aus dem Jugendzentrum Computer. Doch sie haben nicht alles mitgenommen“, fügt Jabari hinzu. „Ein Souvenir ist mir geblieben: ein Barcode-Scanner, auf den mit schwarzem Stift ‚Besitz des Islamischen Staates‘ geschrieben steht. Ich habe keine Ahnung, warum sie den nicht mitgenommen haben. Vielleicht wussten sie nicht, was das ist.“

Assam kam im Juni mit der Familie wieder in sein Haus, in dessen Nähe auch sein Geschäft für Hochzeitskleider liegt. Als ich sie besuche, windelt Teba gerade den vier Monate alten Asal, der im Bagdad-Exil zur Welt kam. Mit 26 ist Teba 30 Jahre jünger als Assam. Sie sagt, sie habe sich in ihn verliebt, weil „er ein Mann war und nicht wie die Jungs in meinem Alter“. Sie lernten sich 2003 kennen, zu Beginn des Irakkriegs, als Tebas Familie vor den US-Bomben auf Bagdad nach Dschalawla floh. „Ich sagte zu meiner Mutter, Teba ist sehr schön“, erinnert sich Assam. „Ich würde gern um ihre Hand anhalten.“ So heirateten sie vor zehn Jahren, als Teba gerade 16 war.

Hauptquartier des IS

Assam hat seine Frau dazu ermutigt, sich ihre eigene berufliche Existenz aufzubauen – ungewöhnlich für einen irakischen Ehemann. So besitzt Teba einen Salon, den sie nach ihrer Tochter benannte: Hanin. Hier können Frauen sich die Augenbrauen zupfen und die Haare schneiden oder färben lassen. An den Wänden hängen Poster von Britney Spears und Avril Lavigne. Auf dem Vorhang vor der Tür steht: „Ich liebe dich, mein geliebter Ehemann“. Der führt den Laden nebenan, wo Bräute sich aufwendige Hochzeitskleider ausleihen können.

Assam erzählt mir, sie hätten sich nie gestritten – bis zu diesem Jahr. Das Paar kehrte zurück und fand den Laden ausgebrannt, den Salon verwüstet. Den wollten die IS-Leute auch anzünden. Als das misslang, wurden Spiegel und Fenster zerschlagen. Und es gab noch weitere traumatische Ereignisse. „Ein Freund, der geblieben war, rief uns an und sagte: ,Der IS hat euer Haus requiriert. Sie benutzten es als Hauptquartier.‘ Das heißt, sie schliefen und aßen in unserem Haus – ein Albtraum“, stöhnt Assam

Er glaubt, dass sie sein Haus nicht deshalb auswählten, weil es groß und zentral gelegen war, sondern weil er Schiit ist. Inzwischen ist wieder alles tadellos hergerichtet, ein schattiger Hof, weiße Wände, bunte Läufer und Kissent. Teba schlägt ein Fotoalbum auf und zeigt mir ein Bild von einem Haufen Plastikabfällen. „Das Spielzeug der Kinder“, sagt sie. „Es wurde alles zerstört. Hanin hatte eine Puppe in kurdischer Tracht. Sie konnte nur einmal mit ihr spielen; Aiman hatte ein Spielzeugauto mit Fernsteuerung.“ Berge aus schmutzigen Töpfen und Pfannen türmten sich in der Wohnung. Den Fernseher, den Kühlschrank, das Bett und Tebas Unterwäsche nahmen die Milizionäre mit. Mittlerweile konnte Tebas Salon mit der Hilfe von Oxfam wiedereröffnet werden. Die Hilfsorganisation hat zwölf Geschäftsleuten aus der Stadt jeweils 2.000 Dollar gezahlt und will dies auch bei 150 weiteren so handhaben. Kurdische Sicherheitskräfte schätzen, dass 400 Bewaffnete Dschalawla besetzt hielten, und viele ihre Familien mit in die Stadt brachten. Die Frauen seien aus dem Libanon und Syrien, teilweise aus Europa gewesen. Zwei Frauen aus Dschalawla hätten ihre Ehemänner verlassen und sich dem IS angeschlossen.

Teba meint, auch wenn vieles wieder sei wie früher, fühle sie sich unbehaglich. Vor kurzem seien ihre Eltern aus Bagdad zu Besuch gewesen und hätten eigentlich eine Weile bleiben wollen. Doch nach einer Nacht mit Ausgangssperre packten sie ihre Sachen und fuhren am nächsten Morgen zurück. „Ich verstehe sie, auch wenn Bagdad nicht gerade ungefährlich ist. Am liebsten wäre ich mitgegangen“, raunt Teba, die sich um die Ausbildung ihrer Kinder sorgt, solange die Schulen so überfüllt sind wie im Moment.

Während der Woche macht sie den Kindern morgens Eier und Brot zum Frühstück. Sie flechtet Hanins Haar und gelt Aimans Pony, das sei an der Schule gerade angesagt. Sie packt die Ranzen, gibt beiden einen Kuss und versucht, nicht an die von Einschusslöchern übersäten Wände zu denken, an denen die beiden unterwegs zur Schule vorbei müssen.

Sally Williams ist Nahost-Korrespondentin desGuardian

Übersetzung: Holger Hutt

Dieser Beitrag erschien in Ausgabe 50/16.

Kommentare (2)