Festlich versumpft

Weihnachtsfeier Haufenweise Drinks, dann Sex mit der Kollegin: Alle Jahre wieder werden Firmen-Weihnachtsfeiern zum Exzess. Wer weiß das besser als Barmänner, Klofrauen oder Taxifahrer

Der Barkeeper

Dan Hewitt arbeitet hinter dem Tresen des As You Like It in Newcastle

Eigentlich arbeite ich in einem relativ ruhigen Restaurant, doch wir zählen im Nordosten Englands zu den größten Veranstaltungsorten für Weihnachtsfeiern, deshalb kann es um diese Jahreszeit ganz schön chaotisch werden. Mehrere Hundert Firmen feiern bei uns, die Gäste verteilen sich auf drei Stockwerke, alle wollen zu einer anderen Zeit essen. Bei uns feiern der Finanzdienstleister Northern Rock, Banken und Bauunternehmer.

Die Leute drehen einfach durch. Wir verkaufen an solchen Abenden 40 bis 50 Prozent mehr Alkohol als sonst, auch wenn es ein normaler Werktag ist, und die Leute am nächsten Tag um neun bei der Arbeit erscheinen müssen.

Je älter die Gäste, desto schlimmer sind sie. Es sind die 60-Jährigen, die Jägerbombs [Jägermeister mit Red Bull] und Cava trinken, und sie stellen die höchsten Ansprüche. Die Jüngeren müssen sich dann für gewöhnlich auf ihre Chefs aufpassen.

Aus irgendeinem Grund scheinen viele zu denken, dass sie auf ihrer Weihnachtsfeier unbedingt etwas mit einem Kollegen oder einer Kollegin anfangen sollten. Entweder sie verschwinden diskret in eine stille Ecke – oder sie knutschen an der Bar. Und das tun immer die, die definitiv kein Paar sind. Das erkennt man schnell, wenn der eine einen Ehering trägt, der andere nicht.

Die Leute sind definitiv unhöflicher als sonst. Wir haben einen sehr hohen Service-Standard, doch wenn die Leute im Voraus bezahlt haben, dann denken sie, wir sollten sie wie Könige behandeln. Sie schnipsen mit den Fingern, kommandieren uns herum und kommen hinter den Tresen. Ab ein Uhr morgens schenken sie sich einfach selber ein.

Im vergangenen Jahr hat eine Frau einem unserer Barkeeper 10 Pfund für einen 4-Pfund-Drink gegeben und gesagt, der Rest sei Trinkgeld. Eineinhalb Stunden später kam sie zurück und beschwerte sich, er habe ihr kein Wechselgeld gegeben. Zuvor hatte die Lady sich noch an den Manager gewandt und sich beschwert, dass der Barkeeper ein Dieb sei.

Mein schlimmster Moment war, als eine Gruppe von zehn Leuten kam, von denen jeder etwa 190 Kilo wog. Ich hatte soetwas noch nie gesehen. Sie passten nicht an einen unserer großen Tische, also organisierten wir einen noch größeren. Doch unterdessen fiel ihnen nichts Besseres ein, als mich anzubrüllen und sich zu beschweren.

Zu Schlägereien kam es allerdings noch nie. Im vergangenen Jahr setze sich ein Typ von einer Bank an den Tisch einer anderen Bank und begann deren Wein zu trinken. Aber es gab kein Geschrei. Böse Blicke waren alles.

Um Weihnachten ist die Arbeit hart und die Schichten sind lang, aber wir haben auch unseren Spaß. Oft bekommen wir am nächsten Tag Kuchen, Blumen, Schokolade und Dankeskarten geschickt. Und wenn 70-Jährige zu Lady Gaga auf der Tanzfläche ausflippen – das allein ist es schon wert.

Protokoll: Patrick Kingsley


Die Putzfrau

Tina Brown arbeitet in den Royal Courts of Justice in London

Ich arbeite wirklich gerne bei Weihnachtsfeiern. Die Räume sehen so wunderschön aus, wenn die Tische gedeckt sind und die Leute in ihrer Abendgarderobe kommen. Auf den Toiletten wird viel gelabert, aber meistens geht es um die Arbeit. Kürzlich lief ich hinter drei Typen her, die tratschten – als sie mich bemerkten, drehten sie sich um und sagten „Psssst“. Ich erwiderte: „Ist schon O.K., ich werde es nicht weitererzählen.“ Um ehrlich zu sein: Ich verstand sowieso nur Bahnhof, es ging die ganz Zeit nur um irgendwelche Vorgänge in der Firma. Auf den Damentoiletten taucht immer irgendwann ein Mann auf, der mit einer Frau in einer Kabine verschwindet. Ich glaube, den Anderen fällt das überhaupt nicht auf, solange das Paar diskret vorgeht. Wir Putzfrauen sind die einzigen, die es mitbekommen. Wenn wir einen Typen dabei ertappen, wie er aus der Kabine kommt und den Reißverschluss hochzieht, entschuldigt er sich in der Regel. Wir Putzfrauen tauschen uns darüber aus, sagen dann zum Beispiel: „Oh, sieh mal, das war sie – die Hübsche in dem roten Kleid.“

Die meisten Leute sind die großen Mengen Alkohol und das Durcheinandertrinken bei Firmenfeiern nicht gewohnt. Das Schockierendste, was ich einmal erlebt habe, war ein Mann, der über und über mit Kotze verschmiert auf der Toilette eingeschlafen war. Die anderen Gäste fotografierten ihn mit ihren Mobiltelefonen. Wie peinlich! Können Sie sich das vorstellen? Ich sah sie an und dachte: „Niemals würde ich so etwas tun.“

Und ich erinnere mich an eine besonders furchtbare Party – die Gäste spielten mit den Lampen Fußball und verwendeten andere als Kotzeimer. Die Kellner mussten sie zurechtweisen: „Wenn Sie sich nicht zusammenreißen, bekommen Sie nichts zu essen.“ Allerdings waren nicht alle so – es waren auch nette Gäste dabei. Aber in derselben Nacht erlebte ich, wie eine Gruppe von erwachsenen Frauen auf der Toilette ein paar andere Frauen einkreiste und brüllte: „Kämpft! Kämpft! Kämpft!“ Ich zwängte mich mit meinem Wischmob und meinem Eimer an ihnen vorbei, um den Sicherheitsdienst zu rufen. Ich versuchte nicht, sie aufzuhalten – sie waren riesig und muskulös! Am nächsten Tag wurden sie von ihrem Boss in sein Büro bestellt und mussten einen Entschuldigungsbrief schreiben.

Die meisten Gäste sind jedoch sehr liebenswert. Es ist schön, wenn Leute sich mal gehen lassen.

Protokoll: Homa Khaleeli


Der Taxifahrer

John Williams fährt in London für das Unternehmen Computer Cab

In der Regel werde ich von Firmen für ihre Weihnachtsfeiern fest gebucht, insofern reißen sich meine Fahrgäste im Großen und Ganzen zusammen, weil sie ihre Firma repräsentieren. Aber ein paar sind immer dabei, die der Einfluss des Alkohols etwas verwandelt hat.

Das Allerletzte, was man sich als Taxifahrer wünscht, ist natürlich, dass jemandem schlecht wird. Einmal hat mir eine Frau an Weihnachten das ganze Taxi vollgekotzt. Der Mann wollte noch nicht einmal die 40 Pfund Gebühr für die Verschmutzung bezahlen, wobei die letzten Endes nur fair ist, denn man muss das ganze Taxi saubermachen und dann ist alles nass – und die Nacht ist gelaufen.

Manchmal hat man Paare auf dem Rücksitz, die sich etwas zu nahe kommen. Einmal habe ich ein Paar gefahren, das sich extrem nahe kam. Ich hielt das Taxi an und sagte: „Das läuft nicht auf dem Rücksitz meines Taxis.“ Und er sagte zu mir: „Aber sie werden dafür bezahlt, dass sie uns fahren!“ Als ich die Dame abgesetzt hatte, sagte er zu mir: „Das tut mir furchtbar leid. Aber sie hat sich auf mich gestürzt wie ein Ausschlag.“ Ich sagte nur: „Na klar, ich habe bemerkt, wie Sie sie abgewehrt haben.“

Wenn Leute zu betrunken sind, dann weigere ich mich, sie mitzunehmen. Insbesondere Frauen, die alleine sind. Falls sie einschläft, dann kann ich nicht einfach nach hinten gehen und sie aufwecken, denn dann kann es sein, dass sie sagt: „Er hat versucht, mich anzufassen.“ Mir ist das einmal passiert als ich eine Frau nach Wimbledon fuhr. Ich versuchte am Taxi zu rütteln, damit sie aufwachte, aber keine Chance – sie war völlig weg. Wie es der Zufall wollte, führte gerade eine Frau ihren Hund spazieren. Also bat ich sie um Hilfe und erklärte ihr, dass ich nicht zu der Frau auf den Rücksitz wollte. Sie stieg ein und brüllte: „He!“ Mein Fahrgast war zu Tode erschrocken.

Außerdem muss man aufpassen, dass man nicht von einer vollkommen nüchternen Person herangewunken wird, die dann sagt: „Nicht für mich, für die Person da am Boden.“ Ich sage dann: „Der braucht kein Taxi sondern einen Krankenwagen!“

Einen Vorteil haben die Weihnachtsfeiern: Man bekommt ein paar richtig lange Strecken zusammen. Trinkgelder sind eher selten, wenn das Taxi von der Firma bezahlt ist, aber manchmal darf man die 100 Kilometer bis Hampshire fahren, weil es zwei Uhr morgens ist und kein Zug mehr fährt.

Protokoll: Patrick Kingsley

Übersetzung: Christine Käppeler

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16:30 17.12.2010
Geschrieben von

Patrick Kingsley, Homa Khaleeli | The Guardian

Der Freitag ist Syndication-Partner der britischen Tageszeitung The Guardian
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The Guardian

Ausgabe 38/2020

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