Sierra Leone: Fischer im Überlebenskampf

Atlantik Die Fischer vor der Küste Westafrikas rivalisieren mit chinesischen Fangflotten. Dadurch nimmt der illegale Raub zu – mit weitreichenden Problemen
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Fischer bei Freetown, Sierra Leone: In manchen Familien reicht es nur noch für eine Mahlzeit am Tag
Fischer bei Freetown, Sierra Leone: In manchen Familien reicht es nur noch für eine Mahlzeit am Tag

Foto: Ann Johansson/Corbis/Getty Images

Entlang der bröckelnden Uferpromenade von Tombo laufen Dutzende von Hand bemalte Holzboote in der glühenden Mittagssonne mit dem Fang der vergangenen Nacht ein. In Kürze werden sich die Fischer ins Marktgedränge eines der größten Fischereihäfen Sierra Leones stürzen. Nicht so Joseph Fofana,der sich Zeit nimmt und an einem schattigen Flecken der Docks zerrissene Netze repariert. Der 36-Jährige meint, er verdiene mit seinem Fang höchstens 50.000 Leone (vier Euro) für einen harten 14-Stunden-Turn auf See. Es werde selten mehr, müsse er doch wie die anderen Fischer dem Eigentümer eine Gebühr entrichten, um diesen Kutter benutzen zu dürfen. „Hinauszufahren, das ist der einzige Job, der uns hier bleibt. Mein Wunsch ist das nicht, schon gar nicht meine Wahl. Aber Gott hat mich hierhergestellt, auch wenn ich darunter leide.“

Jeden Tag legen etwa 13.000 kleine und mittlere Fischerboote vor der gut 500 Kilometer langen Küste Sierra Leones ab. Der Fischfang beschäftigt mehr als 500.000 der acht Millionen Einwohner des westafrikanischen Landes, sorgt für zwölf Prozent des Wirtschaftsertrags und deckt vier Fünftel des Proteinbedarfs der Bevölkerung. Doch nehmen die Fangquoten wegen anhaltender Überfischung rapide ab. „Vor fünf oder sechs Jahren konnte man unweit der Küste die Fischschwärme im Wasser mit bloßem Auge sehen“, erzählt Fofana. „Das ist vorbei, es gibt im Moment weniger Fisch als je zuvor.“ Die Schuld an der Misere schiebt er auf ausländische Flotten. Über gut zwei Fünftel der Fanglizenzen verfügen chinesische Schiffe, die nach Ansicht der Einheimischen eine zu magere Gebühr für ihre Zertifikate zahlen und den Fang zudem unzureichend deklarieren.

Gleichzeitig stellt sich das illegale, ungeregelte, nicht angemeldete Fischen als riesiges Problem dar. Die dadurch jährlich anfallenden Verluste beziffert die Regierung von Sierra Leone auf 50 bis 60 Millionen Dollar. Im Vorjahr konnte eine gemeinsame Aktion der Streitkräfte und der Umweltschutzorganisation Sea Shepherd Global innerhalb von zwei Tagen fünf wildernde Fischereischiffe festsetzen, darunter zwei, die unter chinesischer Flagge fuhren und ohne Lizenz unterwegs waren. Auf den Versuch, sie aufzubringen, reagierten die Schiffsbesatzungen mit Gewalt. Dies passiere ebenfalls, wenn sich die Männer aus Tombo dieser Wilderei entgegenstellen, berichtet der 34-jährige Makrelen-Fischer Alusine Kargbo. Die Crew eines Schleppnetzbootes hätte ihn einmal sogar mit kochendem Wasser übergossen, als er sie damit konfrontierte, dass sie sich in Revieren befänden, in denen diese Art des Fangs verboten sei.

„Der größte Teil des Fangs geht an die Chinesen“

„Früher traf man keine Schleppnetzboote in unserem Revier, jetzt schon“, so Kargbo. „Was wir aus dem Wasser holen, ist so stark zurückgegangen, dass wir nicht einmal mehr unsere Familien ausreichend ernähren können.“ Man sehe sich gezwungen, sein Glück weiter draußen zu versuchen. So fährt der 47-jährige Ibrahim Bangura häufig zu dreitägigen Fangfahrten hinaus auf den Atlantik – bei Sturm ein lebensgefährliches Unternehmen, auch wenn die Ausbeute größer sei, sagt Bangura. Je weiter man sich nach draußen wage, umso wahrscheinlicher würden Zusammenstöße mit chinesischen oder Schiffen unter anderer Flagge. „Es sind derart viele“, klagt Bangura. „Sie zerstören mein Eigentum, zerreißen meine Netze. Und wenn man versucht, sie zu stoppen, wird man angegriffen.“

China dominiert nicht nur die lizenzierten Märkte. Es wird in einem globalen Index von 152 Ländern immer wieder als größter Übertreter des Verbots von IUU-Fischerei (illegal, unreported, unregulated) eingestuft. In ganz Westafrika zerstört der geächtete Schleppnetzfang die Meeresökosysteme und untergräbt die lokale Fischerei, an der viele Arbeitsplätze und die Ernährungssicherheit einer Region hängen. Laut einer Studie von 2017 verlieren Sierra Leone, Senegal, Mauretanien, Gambia, Guinea-Bissau und Guinea jährlich 2,3 Milliarden Dollar durch IUU-Fischerei, was 65 Prozent des legal gemeldeten Fangs entspricht. Experten warnen, dass die legale wie die illegale Überfischung verheerende Konsequenzen für sehr viele Küstenorte hätten. „Die chinesische Fangflotte hat 30 Jahre lang die Gewinne aus großen Fanggründen abgeschöpft. Die schrecklichen Folgen für das Fischaufkommen liegen auf der Hand“, sagt Stephen Akester, der zwischen 2009 und 2021 Berater für Sierra Leones Ministerium für Fischerei und Meeresressourcen war. „Die Ressourcen schwinden, und die Fischer leiden. Für nicht wenige Familien reicht es nur noch für eine Mahlzeit am Tag.“

„Stellen Sie sich vor, wochenlang auf See zu sein und so gut wie nichts zu fangen“, wird Woody Backie Koroma in der Hauptstadt Freetown als Sprecher der Gewerkschaft traditioneller Fischer deutlich. „Die Leute verschulden sich. Sie gehen ohne Essen zu Bett.“ Die Belastung sei so groß, dass sich im zurückliegenden Jahr ein verschuldeter Fischer das Leben nahm, nachdem die Behörden sein Boot beschlagnahmt hatten.

Es gibt Anstrengungen, die Branche zu regulieren und auf Nachhaltigkeit zu achten. So wird inzwischen eine Schutzzone reklamiert, die sich auf die ersten sechs Seemeilen vor der Küste bezieht und festlegt, dass dort ausschließlich Fischerei für den eigenen Gebrauch erlaubt ist. Schleppnetzfänger werden mit Bewegungsmeldern verfolgt, mit denen sich Fischerei-Vereinigungen zu helfen suchen. Der Erfolg solcher Maßnahmen hält sich bisher in Grenzen, weil die finanziellen Mittel fehlen. 2019 wurde industrielle Fischerei für einen Monat verboten, nur sei das zu kurz gewesen, um den Fischbeständen eine Erholung zu gönnen, monieren Kritiker. „Wir erhalten viele Hinweise auf illegales Fischen“, erklärt Abbas Kamara von der Fischereibehörde in Tombo. Aber dies nachzuweisen, bleibt schwierig. Die Kutter arbeiten Tag und Nacht. Fisch ist sehr wichtig für Tombo – den Leuten hier sichert er das Überleben. Der größte Teil des Fangs jedoch geht an die Chinesen.“

Jetzt jagen sie die Jungtiere

Auf die Bitte, sich zu äußern, reagiert die chinesische Botschaft in Freetown nicht. Amara Kalone von der Environmental Justice Foundation wundert das nicht. Ihre Organisation überwachte bis zum Auslaufen der Finanzierung im Jahr 2021 ausländische Schiffe in den Hoheitsgewässern Sierra Leones. Nach Kalones Beobachtungen verändern die Fangflotten ihre Taktiken, um Restriktionen gegen industrielle Fischerei zu umgehen. „Halbindustrielle Schiffe fahren immer näher an die Flussmündungen heran und bewegen sich in einer rechtlichen Grauzone. Ihre Besatzungen benutzen sehr feine Monofil-Netze, die illegal, aber schwer aufzuspüren sind.“

Eine weitere Sorge ergäbe sich aus der wachsenden Zahl räuberischer Fischerboote aus den Nachbarstaaten Guinea und Liberia, die in geschützten Brutgebieten Jungfische fangen und so die Populationen auf fatale Weise reduzieren, sagt Salieu Sankoh, Koordinator für regionale Fischereiprogramme in Westafrika. „Die Versorgung der lokalen Bevölkerung ist dadurch ernsthaft bedroht. Es fahren Kutter hinaus und kehren ohne einen einzigen Fisch zurück.“

Mit dem sich orange färbenden Abendhimmel über Tombo und dem um diese Zeit ungewöhnlich ruhigen Ozean verbreitet sich ein Gefühl der Verzweiflung, das viele kleine Fischer erfasst, die versuchen, sich über Wasser zu halten. Der 40-jährige Ali Mamy Koroma, der zwei Frauen und sechs Kinder zu ernähren hat und Rechnungen nicht mehr bezahlen kann, hat das Gefühl, langsam zu ertrinken. Er sitzt zusammengesunken an einer Wand hinter Tombos Markthalle. „Aber ich kann nicht schwimmen. Wie soll ich mich retten?“

Peter Yeung schreibt als Freelancer für den Guardian. Sein Schwerpunkt ist der Westen Afrikas

Übersetzung: Carola Torti

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Geschrieben von

Peter Yeung | The Guardian

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