Flexibel bis zum Abgang

Kasachstan Nach den Protesten ist vom Erbe des einstigen Staatschefs Nursultan Nasarbajew nicht mehr viel übrig. Über den Abgang eines selbsternannten „Führers der Nation“
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Eine Skulptur des früheren Präsidenten Nursultan Nasarbajew in Almaty
Eine Skulptur des früheren Präsidenten Nursultan Nasarbajew in Almaty

Foto: Ruslan Pryanikov/AFP/Getty Images

Vor einem Jahr noch hat US-Regisseur Oliver Stone ein hagiografisches Filmporträt über Kasachstans Langzeitpräsident Nursultan Nasarbajew gedreht. Der Titel: Qazaq. History of the Golden Man („Geschichte des Goldenen Mannes“). Gezeigt wurden zahlreiche Statuen, die für den um diese Zeit noch fast Allmächtigen aufgestellt waren. Und dann plötzlich, innerhalb weniger Tage, wird er zum Blitzableiter für Wut und Hass. Inzwischen kursieren Gerüchte, wonach Nasarbajew zu seiner Sicherheit das Land verlassen hat. Nicht auszuschließen, dass der schon vor den Unruhen schwer Erkrankte zur medizinischen Behandlung im Ausland weilt. Unbestreitbar haben die Ereignisse seit dem 4. Januar, als die Massenproteste begannen, ein Erbe verändert, das Nasarbajew so nicht hinterlassen wollte. Der heute 82-Jährige war fast drei Jahrzehnte lang Führer des Landes und lächelte landesweit von den Werbetafeln. Als Staatschef hatte er sich irgendwann einen zweiten Titel zugelegt: „Elbasy“, übersetzt „Führer der Nation“. Davon hat aggressiver Volkszorn so gut wie nichts übrig gelassen. Nasarbajews Standbilder, die sein Vermächtnis verewigen sollten, wurden teilweise von Demonstranten heruntergerissen. Statt „Elbasy“ zu singen, skandierten sie im Chor: „Shal ket!“ („Alter Mann, verschwinde!“).

Als er 2019 zurücktrat, freilich als Chef des Nationalen Sicherheitsrats der Machtvermittler hinter den Kulissen blieb, wurde Astana, die Hauptstadt, die er im Herzen der kasachischen Steppe erbauen ließ, zu seinen Ehren in Nur-Sultan umbenannt. Für Nasarbajew muss es so ausgesehen haben, als hätte er eine Antwort auf das Problem gefunden, das alternde Autokraten in der gesamten Region quält: Wie tritt man im Alter beiseite, ohne Vergeltung zu riskieren? Die Präsidenten der Nachbarländer, womöglich auch Wladimir Putin, schauten zweifellos interessiert zu.

Unter den Staatschefs im postsowjetischen Zentralasien schien Nasarbajew immer der flinkste und flexibelste zu sein. 1940 geboren, stieg er in den Reihen der KP Kasachstans rasch auf und war in der finalen Phase der Ära Gorbatschow bis Ende August 1991 deren Generalsekretär. Als kurz zuvor der Umsturzversuch einer auf den Erhalt der UdSSR bedachten Nomenklatura in Moskau gescheitert war, wusste Nasarbajew, dass es an der Zeit war, sich aus der Partei zu verabschieden. Am 1. Dezember 1991 – die Sowjetunion war noch nicht aufgelöst – ließ er sich zum ersten Präsidenten eines unabhängigen Kasachstan wählen. Es gelang ihm, das Land in den 1990er Jahren zusammenzuhalten und später die repressive Gewalt seiner Kollegen in Usbekistan und Turkmenistan zu vermeiden, gleichzeitig auch revolutionäre Stimmungen, wie sie sich 2005 mit der „Tulpenrevolution“ in Kirgisien zeigten, in Schach zu halten. Als bei Protesten in Almaty 2011 16 Menschen getötet wurden, bat er Britanniens Ex-Premier Tony Blair um Rat, wie man Gewalt auf der Straße eindämmen könne.

Er schlug in den Jahren nach der Unabhängigkeit einen heiklen geopolitischen Kurs ein, blieb russlandfreundlich, hofierte jedoch ebenso westliche Führer und Energiekonzerne, die den Mangel an Demokratie ignorierten und lukrative Verträge zu schätzen wussten. Anwälte und Finanzberater aus Bern oder London halfen der kasachischen Elite, ihr Vermögen gut anzulegen. Es wird vermutet, dass Nasarbajews Tochter über 80 Millionen Pfund schweres Eigentum in England verfügt. Nasarbajew engagierte einen ganzen Tross westlicher Stadtplaner und Architekten, um die neue Hauptstadt Astana zu bauen. 2010 regte er an – wohl mit einem Auge auf der eigenen Lebensuhr –, die Schaffung eines „Elixiers“ zu untersuchen, mit dem sich das Leben merklich verlängern ließe.

Shaun Walker ist Osteuropa-Korrespondent des Guardian

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Shaun Walker | The Guardian

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