Flucht mit dem Hubschrauber

Staatsbankrott Was passiert, wenn Griechenland pleite geht? Ein Vergleich mit Argentinien und Island macht Angst – und ein wenig Hoffnung

Verriegelte Banken, leere Supermarktregale. Die Reichen stopfen sich die Koffer mit Geld voll und verlassen das Land. Der Präsident flieht mit dem Hubschrauber vom Dach seines Palastes. Es gibt kein Drehbuch für einen möglichen Staatsbankrott in Griechenland. Das Einzige, was mit Sicherheit prophezeit werden kann, ist ein Ansturm auf die Banken. Als Argentinien vor zehn Jahren diese schmerzhafte Erfahrung machte, schliefen verzweifelte Bürger vor den Geldautomaten, um etwas abheben zu können, sobald die Maschinen wieder befüllt wurden.

Friss oder stirb

In Griechenland hat sich der Run auf die Banken bisher in Zeitlupe abgespielt. Während die Einlagen seit Mitte 2010 lediglich um 14 Prozent schrumpften, wurden allein im Oktober 2011 zehn Milliarden Euro abgehoben. Vieles davon floss nach Zypern, in die Schweiz oder nach London. Die Parallelen zwischen Athen und Buenos Aires versprechen nichts Gutes.

Ende 2001 fror die argentinische Regierung alle Sparguthaben ein und stoppte Abhebungen von Dollar-Konten. Aber die corralito, die es untersagte, mehr als 250 Dollar abzuheben, funktionierte nicht und die Banken wurden von verzweifelten Kunden belagert. Die Wirtschaft rutschte noch tiefer in die Rezession, kleine Firmen gingen pleite, in den ärmeren Vierteln von Buenos Aires kam es zu Plünderungen. Der in seinem Palast Casa Rosada praktisch gefangene Präsident Fernando de la Rúa floh mit dem Helikopter. Tage später verkündete Argentinien offiziell seine Zahlungsunfähigkeit. Nur wenige gehen davon aus, dass ein Austritt Griechenlands aus der Gemeinschaftswährung und ein Wechsel zur „neuen Drachme“ weniger schmerzhaft verliefe. Dawn Holland vom National Institute of Economic and Social Research (NIESR) sagt: „Wir erwarten, dass die Währung mindestens 50 Prozent ihres Wertes verliert. Die Frage, wie eine erzwungene Umschreibung des Nominalwertes von Wertpapieren auf eine neue Währung ablaufen könnte, hält die Ökonomen in Atem. Was zum Beispiel ist mit Briten, die in Griechenland in Sterling ausgewiesene Wertpapiere halten? Würden auch die zwangsweise auf die neue Drachme umgestellt? Niemand weiß das.

In Argentinien führte die Nichtbegleichung von Schulden in Höhe von 93 Milliarden Dollar zu einem Rückgang des Binnenkonsums um 60 Prozent, weil die Menschen ihre Sparguthaben verloren und alle Importwaren – ob BMW oder ein Sack Reis – zu Luxusartikeln wurden.

Kommt es zu einer Staatsinsolvenz, dann kann freilich die jeweilige Regierung die Bedingungen diktieren. Im Falle Argentiniens hieß das, die Aktienbesitzer erhielten ein Friss-oder-Stirb-Angebot von 35 Cent pro Dollar – bei Griechenland haben die Finanzmärkte bereits die Staatsanleihen auf weniger als 50 Cent pro Euro herunter gestuft. Das National Institute of Economic and Social Research kann sich vorstellen, dass bei einem griechischen Staatsbankrott die Banken für Wochen – wenn nicht gar Monate – schließen. Der Geldverleih käme zum Erliegen, das Wirtschaftsleben würde stagnieren. Im Fall Argentiniens kletterte nach 2001 die Arbeitslosenrate auf 25 Prozent, so dass die Hälfte der Bevölkerung unter der Armutsgrenze leben musste.

Historische Geschäfte

Die Kapitalflucht vor einer heraufziehenden Insolvenz kann sich freilich schnell wieder in ihr Gegenteil verkehren. Als die Anleihen in Argentinien erst einmal 80 Prozent billiger waren als zuvor, kehrten ausländische Käufer zuhauf zurück. Letzten Endes hat sich das südamerikanische Land von den Schrecken des Jahres 2001 schneller erholt, als irgendjemand für möglich gehalten hätte. Der abgewertete Peso löste eine spürbare Erholung der Exporte aus, so dass schnell ein gewaltiger Handelsüberschuss erzielt wurde. Das Wirtschaftswachstum erreichte chinesische Ausmaße. Es kletterte zwischen 2003 und 2007 auf 8,7 bis 9,2 Prozent.

Als das isländische Bankensystem 2008 zusammenbrach, mussten die Bürger nicht die brutalen Erfahrungen der Argentinier machen. Es wurden keine Demonstranten erschossen, die Supermärkte blieben von Plünderungen verschont, aber die Währung verlor gegenüber dem Euro mehr als die Hälfte ihres Wertes. Doch kam es auch in Island zu einer eindrucksvollen Genesung. Schon im Januar 2009 konnte sich die Währung stabilisieren, und Mitte 2011 waren internationale Anleger gern bereit, dem Land wieder eine Milliarde Euro zu leihen.

Dennoch ist vor der Annahme zu warnen, bei einem Bankrott seien Schmerzen nur von kurzer Dauer. Zu Argentiniens Bankrott kam es in einer Phase, in der sich die Weltökonomie in einem Aufwärtstrend befand. Griechenland würde in einer Welt voller Double-Dip-Ökonomien Konkurs anmelden. Und dem könnten eine Massen­emigration sowie ein Ausverkauf staatlicher Anleihen folgen. Es dürfte jedoch auch Gewinner geben. Als Frankreich während der Napoleonischen Kriege kurz vor dem Bankrott stand, riss sich die US-Regierung Lousiana zu einem Preis von drei Cent pro Morgen unter den Nagel – dies gilt noch immer als bester Immobilienkauf aller Zeiten. Heute könnte China ein ähnlich historisches Geschäft machen.

Patrick Collinson ist Wirtschaftsanalyst und Kommentator des Guardian

Übersetzung: Holger Hutt

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07:00 10.11.2011
Geschrieben von

Patrick Collinson | The Guardian

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The Guardian

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