Franzenfreude

Jonathan Franzen Amerika feiert Jonathan Franzens schriftstellerische Größe. Aber worin besteht die eigentlich?

Eine seltsame Hysterie hat vergangenen Monat von New York aus auf ganz Amerika übergegriffen. Ich meine nicht die Anti-Muslim-Kampagne einiger Rechtsextremer, die von den Medien skrupellos unterstützt wurde. Nein: Was diese Bessenheit auszeichnet, sind nicht misstönende Bosheiten sondern laute Lobreden. Der „geweihte Boden“ ist die amerikanische Literatur, und das Denkmal, das darauf durch einen breiten und energischen Konsens errichtet wurde, ist Jonathan Franzens neuer Roman Freiheit.

Ich habe nicht die geringste Absicht, diese Franzenfreude weiter anzuheizen. Die Auszüge, die ich gelesen habe, bestätigen, dass es sich um ein weiteres Stück verführerischer Fiktion handelt, das kühn und intelligent beschreibt, in welche Sackgase der amerikanische Lebensstil geraten ist. Die bloße Geschwindigkeit der Ereignisse in einer Welt, in der alles miteinander verknüpft ist, die Fragmentierung des Wissens und die Unmenge an digital verarbeiteten Daten, die täglich auf das Bewusstsein des Einzelnen einstürmt, machen einem Schriftsteller das Leben immer schwerer. Und so scheint Franzens Konterfei auf der Titelseite des Time Magazine von der Spezies der Romanautoren das endgültige Schicksal kultureller Irrelevanz noch einmal ein paar Jahre abzuwenden.

Und doch ist es äußerst selten, dass die Rezeption eines Romans zu einem soziologischen Phänomen wird. Lobpreisungen wie der „große amerikanische Roman“ und „der großartigste Roman des Jahrhunderts“ erheben Freiheit in einsame Höhen; und sie werfen die Frage auf, ob den Kriterien für Größe und das spezifisch Amerikanische eine Art Befangenheit gegen andere Arten von Romanen, Autoren oder literarische Genres innewohnt (nicht zu vergessen: gegen andere Medien. Die TV-Serie The Wire kann mit Recht für sich beanspruchen, die ambitionierteste und erfolgreichste amerikanische Fiktion des neuen Jahrhunderts zu sein). Die drei schrillen, sich überlagenden Signifikanzen der Phrase „großer amerikanischer Schriftsteller“ auf dem Cover des Time Magazine verschleiern die Bandbreite und Tiefe des zeitgenössischen amerikanischen Romans mehr, als dass sie sie beleuchten.

Ein Grund dafür ist, dass populistische Urteile über Literatur stets eine starke Neigung zu Familiensagen haben. Die meisten Leser, so beschwerte sich Don DeLillo einmal, „würden lieber über ihre eigenen Hochzeitungen und Trennungen und Ausflüge nach Tanglewood lesen“, denn das „würde ihrem eigenen Leben einen gewissen Glanz, eine gewisse Bedeutung geben“. Das mag bissig klingen. Doch fiktionale Werke, in denen es um gestörte Familien geht – von Schall und Wahn bis zu Amerikanisches Idyll – sind in der offiziellen literarischen Narration Amerikas tendentiell prominent vertreten; dasselbe gilt für die Geschichten ethnischer Minderheiten, die sich in der amerikanischen Gesellschaft assimilieren.

Reorganisierte Autoren

Die amerikanische Literatur hat tatsächlich etwas unverwechselbar Amerikanisches und Modernes. Ihre Autoren zählen zu den Ersten, die mit den seltsamen neuen Veränderungen des individuellen und gesellschaftlichen Lebens durch die Reorganisation der Arbeit, des Konsums und des Krieges konfrontiert waren. Aus dieser langen historischen Perspektive konnte das Time Magazine erfolgreich extrahieren, was Größe in der amerikanischen Literatur ausmacht. Doch die Zeitschrift ist sowohl politisch reaktionär – angefangen bei den „Wer hat China verloren?“-Hexenjagden des kalten Krieges bis hin zu dem irreführenden Cover, das eine verstümmelte Afghanin zeigte – als auch kulturell inflationär. Und sie reproduziert eben jene Selbstzufriedenheiten der konservativen amerikanischen Mittelschicht, die Franzen so präzise satirisch abbildet.

Für das Time Magazine stehen „groß“ und „amerikanisch“ für die leidenschaftliche Ambition und Energie weißer Männer (niemals Frauen), und „die Literatur“ lässt sich auf den großen, panoptischen Roman über die amerikanische, für gewöhnlich vorstädtische Verfassung herunterbrechen. Sie schließt formal einfallsreiche Gedichte oder Kurzgeschichten oder intellektuell präziese Essays nicht ein. Darüber hinaus (und das mag ein Erbe des Triumphalismus des kalten Krieges sein), geht die Zeitschrift davon aus, dass der große amerikanische Roman allein deshalb, weil es darin um Amerika geht, von universalem Interesse sein muss – anders als Amerika an sich, was in den Romanen zweier unterbewerteter amerikanischer Autoren, Robert Stone und Norman Rush, Nachhall findet.

Erzwungene Prüfung

Vor ein paar Monaten bat mich ein aufstrebender junger Autor aus einem der ärmsten Staaten Indiens (noch dazu dem mit der höchsten Gewaltrate) um eine Lektüreliste zeitgenössischer amerikanischer Literatur. Seine Bitte zwang mich dazu, meine eigenen bislang unterbewussten Vorlieben zu prüfen. Zu meiner Überraschung standen auf meiner Liste mehr Gedichte, Essays und Kurzgeschichten als Romane.

Ich musste die heilige Dreifaltigkeit der großen amerikanischen Schriftsteller (Updike, Roth und Bellow) ausschließen, da ihre Auseinandersetzungen, insbesondere die mit ihrer spätkapitalistischen Gesellschaft, einem Leser, der Romane benutzt, um sich seine Welt zu erklären, wenig bringen würden. Die Autoren einer unruhigeren und kosmopolitischeren Periode in der Geschichte Amerikas – der Großen Depression und der Jahrzehnte davor – erschienen mir hilfreicher. Die Essays James Baldwins, die stets vor Weisheiten strotzen, die aus bitteren Erfahrungen und schonungsloser Selbstprüfung gewonnen wurden, waren eine einfache Wahl. (Im Vergleich dazu wirken Bellow und die aktuellen Werke Philip Roths wie ausgedehntes Gejammere). Und der alte rebellisch-subversive Geist der amerikanischen Literatur schien mir am lebhafteste in den Werken nach 1945 durch die Beat-Autoren verkörpert. Kaum überraschend beeinflussten Allen Ginsberg und Jack Kerouac Autoren von Tangier bis Yokohama und darüber hinaus weit mehr als ihre amerikanischen Kollegen.

Weiße Autorinnen?

Unter den jüngeren amerikanischen Werken erschienen mir Dave Eggers triumphale, nicht-fiktionale Erzählung Zeitoun und David Means’ erfrischend schrullige und minimalistische Belletristik für einen nicht-westlichen Leser viel handhabbarer als die gigantistische postmoderne Ironie eines David Foster Wallace. Doch die meisten amerikanischen Romane, die ich auswählte – aufgrund ihrer formalen, politisch wagemutigen und, ja, universalen Implikationen – stellten sich als Werke weißer Autorinnen heraus, von denen einige Meisterinnen der Kurzprosa sind.

Meine Liste enthielt Mary McCarthy, Elizabeth Hardwick und Carson McCullers ebenso wie zeitgenössische Fachfrauen wie Shirley Hazzard, Deborah Eisenberg, Jane Smiley, Lorrie Moore und Jennifer Egan, deren neuer Roman A Visit from Goon Squad auf weniger als 300 Seiten sparsam eine Reihe ungleicher amerikanischer Lebensläufe heraufbeschwört und dabei zeigt, wie die Tugenden der realistischen Tradition – historische Tiefe und ein klarer Standpunkt – mit einer modernistischen Ästhetik der Fragmentierung und Auflösung kombiniert werden können.

Stillschweigende Vorurteile

Mag sein, dass die Bestseller-Autorin Jodi Picoult mit ihrem Protest gegen die Vernachlässigung durch die Kritiker die Dinge ein wenig verkompliziert hat. Doch die gnadenlose Regelmäßigkeit, mit der weiße Autorinnen sowie Autoren von Kurzgeschichten, Gedichten und Essays aus dem Kanon der „großen amerikanischen Autoren“ ausgeschlossen werden, sollte uns argwöhnisch werden lassen.

Wie immer sind viele politische und ideologische Vorurteile in diesen vordergründig unschuldigen literarischen Kritieren stillschweigend am Werk. Edmund Wilson hat einst vor „der manchmal allzu offensichtlichen literarischen amerikanischen Selbstverherrlichung, die Teil unseres amerikanischen Imperialismus ist“ gewarnt. Doch es gibt mehr Gründe, vor dem Kulturimperialismus innerhalb Amerikas auf der Hut zu sein, der, die lebhafte Vielfalt an Künstlern und Genres in diesem Land ignorierend, ein eigentümliches Denkmal für amerikanische „Größe“ errichtet.

Übersetzung: Christine Käppeler

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14:40 14.09.2010
Geschrieben von

Pankay Mishra | The Guardian

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The Guardian

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