Fremdes Heim, Glück allein

Gastfreunde Alternativ Unterwegs: Eine Initiative quartiert Thailand-Besucher bei Einheimischen einer kleinen Insel ein. Davon profitieren beide Seiten

Erst einmal klingt es etwas seltsam: Urlaub im Haus einer Buchhalterin. „Unsere Gäste können sich nicht aussuchen, wo sie untergebracht werden“, sagt Bang Bao, der Koordinator des Koh Yao Noi Homestay Clubs. In jedem Fall aber steht das Haus auf einer tropischen Insel, die Strände, Sonnenuntergänge und Meeresfrüchte bietet. Und die Buchhalterin ist ausgebildete, ehrenamtliche Mitarbeiterin einer preisgekrönten Tourismus-Initiative. Da erscheint die eingeschränkte Wahlfreiheit plötzlich nicht ohne Charme.

Das Haus der Buchhalterin zu erreichen, ist denkbar einfach. Die kleine öffentliche Fähre vom Bangrong-Anleger, eine Stunde östlich von Phuket, befördert Besucher in einer Stunde nach Koh Yao Noi – auf eine Insel mitten in der schillernden Phang-Nga-Bucht, die mit ihren hervorspringenden Kalkstein-Karsts eine der schönsten Thailands ist.


Es ist der Sitz des Koh Yao Noi Homestay Clubs. Dessen Idee ist, Touristen von Einheimischen beherbergen zu lassen. Die Besucher bekommen so nicht bloß ein Zimmer, sondern auch gleich einen Reiseführer – und hoffentlich ein Gespür für die Eigenheiten des Landes. Während ich aus dem Boot steige, sagt Bang Bao: „25 Familien sind Teil des Programms und wir verfolgen eine strikte Rotationspolitik. Auf diese Weise wird das Geld, das wir erhalten, bestmöglich verteilt.“

Gegründet wurde der Club von der Community Based Tourism Initiative, einer Organisation, die Gemeinden bei Tourismus-Projekten hilft, die direkt von der örtlichen Bevölkerung geleitet werden. Das Projekt auf Koh Yao Noi – einer mehrheitlich muslimischen Insel, deren Wirtschaft von der Krebs-und Garnelenfischerei lebt – hat dazu beigetragen, eine erfolgreiche Aktion zum Schutz der heimischen Gewässer zu finanzieren. Sie zwingt die Schiffe von Großfabriken nun dazu, anderswo hinzusteuern. „Teil des Pauschalpreises ist eine Spende für diese Kampagne,“ sagt Bang Bao.

Der Großteil des Geldes geht an die Gastfamilien

Sechs US-Dollar verdienen die Menschen hier im Schnitt pro Tag. Umso wichtiger ist, dass die Einkünfte aus den Aufenthalten von Touristen, direkt in die Hände der lokalen Bevölkerung fließen. „Etwa 80 Prozent des Geldes gehen unmittelbar an die Gastfamilie“, sagt Bang Bao noch. Dann brechen wir zu einer Inseltour auf.

Wir besuchen Fischerdörfer, die auf ausgeklügelten Pfahlkonstruktionen über der See stehen, sehen Reisfelder, Büffel und kleine verworrene Dschungelwäldchen. Verglichen mit Phuket ist Tourismus auf der Insel nahezu nicht existent – es gibt ein paar Resorts, die hinter Betonmauern versteckt sind und einige Bars – das war’s.

Mein „Zuhause“ befindet sich in dem kleinen Dorf Lam Sai und gehört dem Tischler Bang Sar und seiner Frau Jah Bat, der Buchhalterin des Homestay-Programms. Das luftige Holzhaus, umgeben von gepflegten Grünflächen und tropischen Blumen, hat Bang Sar selbst gebaut. „Das ist dein Zimmer,“ sagt er.

Schlafzimmer: ein Stern – Abendessen: fünf Sterne

Der Raum selbst ist schlicht, aber makellos und ausreichend gemütlich: eine weiche Matratze, ein kleiner, elektrischer Ventilator und ein Moskitonetz. Zu den weiteren Einrichtungen des Hauses zählen ein Eimer als Dusche, um sich mit kaltem Wasser zu überschütten – erfrischend in der Hitze –, und eine Hocktoilette.

Gesteht man dem Schlafzimmer vielleicht einen Stern zu, gebühren dem Abendessen definitiv fünf Sterne. „Ich zeige dir, wie man Krebse isst,“ sagt Bang Sar, während er fachmännisch die Schale aufbricht, flink das Fleisch herauslöst und auf meinen Teller füllt. Neben einem Berg saftiger, frischer Krebse und Garnelen reicht die Familie Schüsseln mit pikanter Limonen-Sauce sowie mehrere Rindfleischcurrys.

Der nächste Morgen beginnt mit dem Krähen der Hähne und dem Gebetsaufruf der Moschee. Jah Bat bringt heißen Tee und kleine, in Bananenblätter eingewickelte Leckereien: Scheiben von klebrigem Reis, garniert mit Jackfrucht und geraspelter Kokosnuss. Ich teile mein Frühstück mit Karem, Jah Bats jüngerem Bruder, der ausgezeichnet Englisch spricht. „Heute werden wir zu einer unbewohnten Insel übersetzen“, kündigt er an.

Auf Seeohren warten

Unser Transportmittel ist ein langes, schmales Fischerboot. „Der Fischer muss zuerst seine Krebsnetze einholen,“ erklärt Karem über den Motorenlärm hinweg. Wir machen zweimal Halt – während Dutzende von Seeohren und Krebsen von Hand eingesammelt werden – erreichen aber bald eine winzige tropische Insel mit makellosem Strand und einem kleinen, schattigen Wäldchen.

Die folgenden Stunden verbringen wir in herrlicher Abgeschiedenheit, wir faulenzen am Strand und schwimmen im warmen Meer. Jah Bats üppiges Picknick verlangt uns einiges ab, doch unsere Energien sind vom Müßiggang geschont – ein perfekter Augenblick.

Am Abend dann sitzen wir mit Cousins, Nichten und Neffen auf dem Familienbalkon und verschlingen ein weiteres Festmahl. Trotz der bescheidenen Unterkunft ist eine aufrichtige und ansteckende Wärme zu spüren, von der Luxus-Reise-Veranstalter nur träumen können. Dies ist das anmutige Thailand, das Reisende vor etwa 20 Jahren verzauberte, mittlerweile jedoch fast vollständig von Pauschaltouristen verdrängt worden ist.

Dann geht Jah Bat an ihren Schreibtisch und beginnt an den Geschäftsbüchern des Homestay Clubs zu arbeiten. Und da dämmert mir, dass die Idee, mit einer Buchhalterin Urlaub zu machen, mir nie wieder seltsam erscheinen wird.

Andrew Spooner reiste nach Koh Yao Noi mit dem britischen Öko-Erlebnisreisen-Unternehmen Symbiosis Expedition Planning. Ein 4-Nächte Programm inklusive Essen, Unterkunft (drei Nächte in der Privatunterkunft, eine Nacht in einem 3-Sterne-Hotel in Phuket), Aktivitäten, Exkursionen und Transfers von/nach Phuket Flughafen/Hotel beginnt bei 230 pro Person, bei mindestens Doppelbelegung. Dieser Preis beinhaltet keine Flüge. Ein Übersetzungsservice ist gegen Aufpreis erhältlich. Mehr Informationen unter: www.symbiosis-travel.com oder per Telefon +44-0845 1232844

Übersetzung der gekürzten Fassung: Birgit Schapow

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Geschrieben von

Andrew Spooner, The Guardian | The Guardian

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