Wie aus einem Käsesandwich 26.000 Euro wurden

Malerei Ende der 1960er tauscht ein Gastronomenehepaar ein Sandwich gegen ein Bild der kanadischen Malerin Maud Lewis ein. Nun soll das Bild versteigert werden – zu einem enormen Preis
Vor rund 50 Jahren bezahlten Irene und Tony Demas das Bild der Malerin Maud Lewis mit einem Käsesandwich. Jetzt bekommen sie dafür mehr als 25.000 Euro
Vor rund 50 Jahren bezahlten Irene und Tony Demas das Bild der Malerin Maud Lewis mit einem Käsesandwich. Jetzt bekommen sie dafür mehr als 25.000 Euro

Foto: Jon Dunford/Miller & Miller Auctions

Als Irene Demas und ihr Mann Tony in den 1970er Jahren in der Küche ihres kleinen Restaurants in Ontario standen, da lernten sie schnell den Tauschwert ihrer Mahlzeiten bei den örtlichen Bäckern, Handwerkern und Kunsthandwerkern zu schätzen.

„Damals unterstützte jeder jeden“, erinnert sich Irene, die seinerzeit eine umtriebige Köchin in ihren 20ern war. Im Tausch gegen täglich frische Blumen brachte das Paar beispielsweise Suppe und ein Sandwich zum Blumenladen nebenan.

Und mit einem englischen Maler, der einen sehr berechenbaren Gaumen hatte, schloss das Paar einen Deal ab: Sie bekamen von ihm und seinen Freund:innen eine Auswahl an Gemälden im Tausch gegen gegrillte Käsesandwiches.

Der Zufall wollte es, dass dieses Arrangement ihnen ein Gemälde der später berühmten kanadischen Volkskünstlerin Maud Lewis einbrachte – ein Werk, das fast fünf Jahrzehnte danach bei der Aktion noch diesen Monat voraussichtlich mehr als 35.000 kanadische Dollar (umgerechnet knapp 26.000 Euro) einbringen wird.

Käsesandwich für 2,95 Dollar

Fast täglich, kaum dass ihr Restaurant geöffnet war, aßen der Maler John Kinnear und seine Frau Audrey im Restaurant der Demasens in London, Ontario, zu Mittag. Das einzige Gericht, das Kinnear Tag für Tag bestellte, war ein gegrilltes Käsesandwich.

„Es war allerdings kein gewöhnliches gegrilltes Käsesandwich. Es war ein großartiges Sandwich, mit fünf Jahre altem Cheddar und herrlichem Brot“, betont Irene Demas. Jeden Morgen, bevor ihr Restaurant öffnete, suchte sie eine traditionelle Bäckerei auf, um frisch gebackene Brote und einen „wunderbaren Cheddar, den John einfach liebte,“ auszuwählen.

Sie bestrich sie dick mit Butter und grillte die Vollkornbrotscheiben, bis sie knusprig waren – so ein Sandwich kostete damals 2,95 kanadische Dollar. Doch die sich ewig wiederholenden Bestellungen frustrierten Irene Demas, sie versuchte, ihren störrischen Kunden hin und wieder dazu zu überreden, neue Gerichte und Tagesspezialitäten zu probieren. „Er war unbeirrbar. Er liebte dieses Sandwich einfach.“

Das erste Gemälde, das das Paar von John Kinnear erhielt, war ein Aquarell von Jumbo, einem zu trauriger Berühmtheit gelangten Elefanten, der in der nahe gelegenen Stadt St. Thomas von einem Zug überfahren und getötet worden war.

„Ich saß einfach eine ganze Weile schweigend da. Ich hatte noch nie zuvor solche Kunstwerke gesehen. Zuerst dachte ich, er wollte mir einen Streich spielen“, sagt Irene Demas über das Bild, das heute 26.000 Euro wert sein soll

Foto: Miller & Miller Auctions

Eines Tages kam Kinnear mit einer Auswahl neuer Bilder herein. Irene Demas kam aus der Küche und sah ein halbes Dutzend Bilder auf den Tischen und Stühlen des Restaurants verteilt. „Ich saß einfach eine ganze Weile schweigend da. Ich hatte noch nie zuvor solche Kunstwerke gesehen. Zuerst dachte ich, er wollte mir einen Streich spielen“, sagt sie über die leuchtenden Farben und den schlichten Inhalt der Werke. Ich dachte: „Hat ein Kind das gemalt?“

John Kinnear erzählte den Demasens von einer Künstlerin, die er in der Provinz Nova Scotia kennengelernt hatte, einer Frau, die „so arm war, dass sie nicht einmal richtige Utensilien zum Malen hatte“ und stattdessen auf Holzabfälle und die Farbreste zurückgreifen musste, mit denen die dortigen Fischer ihre Boote bemalten.

„Sie tat ihm leid“, erinnert sich Demas. Kinnear schickte Maud Lewis einige Holzplatten, die er zum Bemalen vorbereitet hatte, und im Gegenzug schickte sie ihm eine Handvoll fertiger Bilder zurück.

Das einzige Bild, das Demas an jenem Tag ins Auge fiel, war das eines schwarzen Lieferwagens. Sie war damals schwanger und dachte, das Motiv würde sich gut an der Wand ihres Sohnes machen, wo das Bild bis heute hängt.

Ein Leben in ärmlichen Verhältnissen

Maud Lewis, die die meiste Zeit ihres Lebens in ärmlichen Verhältnissen lebte, war bekannt für ihre heiteren Bilder des Lebens im ländlichen Nova Scotia. Sie wiederholte häufig Motive, Katzen und Schlittschuhläufer tauchen immer wieder bei ihr auf.

„Ich male immer die gleichen Dinge, ich verändere mich nie“, sagte sie 1965 einem Filmteam, das eine Dokumentation über sie drehte. Sie bemalte so gut wie jeden Zentimeter des Ein-Zimmer-Hauses, das sie mit ihrem Mann Everett teilte, einschließlich ihres Ofens. In den letzten Jahren ihres Lebens konnte Lewis kaum noch malen, da sie an rheumatischer Arthritis erkrankte. Sie starb 1970 im Alter von 69 Jahren.

In den vergangenen Jahren ist ihr Ruhm stark gewachsen, und ihre Werke erzielen zunehmend Preise im fünfstelligen Bereich. Das Biopic Maudie, in dem Sally Hawkins sie spielt, steigerte 2013 noch einmal das Interesse an und die Begeisterung für Lewis’ unkonventionelle Gemälde.

„Es ist einfach schade, dass sie nicht lange genug gelebt hat, um die Früchte ihrer Kunst zu ernten“, findet Irene Demas.

Ermutigt durch ihre Kinder hat das Paar beschlossen, das Werk zum Verkauf anzubieten, ebenso wie drei Briefwechsel zwischen John Kinnear und Maud Lewis, in denen die Künstlerin ihrem Kollegen für seine anhaltende Großzügigkeit dankt.

„Mein Mann ist 90, und ich glaube nicht, dass ich noch 50 Jahre etwas von den Bildern habe“, sagt Irene Demas. „Unsere Kinder sagen: Nehmt das Geld, geht auf Reisen und genießt das Leben.“

Leyland Cecco lebt in Toronto und schreibt als Reporter unter anderem für den Guardian

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