Für Washington ein Alptraum

USA Dem Netzportal WikiLeaks ist ein geheimes US-Militär-Videos zugespielt worden, das einen der verheerendsten Luftschläge der Amerikaner in Afghanistan zeigt

Der nur schwer fassbare WikiLeaks-Gründer ist nach fast einem Monat im Verborgenen wieder aufgetaucht. Dem Guardian gegenüber erklärte er, sich zwar nicht um seine Sicherheit zu sorgen, aber stets wachsam zu sein. Der australische Hacker und Gründer der Online-Plattform für Whistleblower WikiLeaks, Julian Assange, war untergetaucht, als ein junger Analyst des US-Geheimdienstes in Bagdad verhaftet wurde. Dieser Bradley Manning hatte in einem Online-Forum damit geprahlt, er habe 260.000 brandheiße, die Kriege in Irak und Afghanistan betreffende Korrespondenzen an WikiLeaks geschickt. Die Aussicht, eine solche Menge geheimer Geheimdienstinformationen könnte ins Netz gestellt werden, ist für Washington ein Alptraum. Die Sensibilität der bewussten Informationen führte zu Medienberichten über eine Jagd auf Assange.

Isolationshaft in Kuwait

„Alle öffentlichen Erklärungen seitens der USA waren vernünftig. Aber andere Äußerungen, die privat gemacht wurden, sind da schon etwas fragwürdiger“, sagt Assange gegenüber dem Guardian in Brüssel. „Ich fühle mich vollkommen sicher, aber meine Anwälte raten mir, während dieser Phase nicht in die USA zu reisen.“ Assange ist in Brüssel erstmals seit fast einem Monat in der Öffentlichkeit aufgetreten, um bei einem Seminar des Europaparlaments über Informationsfreiheit zu sprechen. Er sagte: „Wir brauchen Unterstützung und Schutz. Das haben wir. Aber wir halten die Situation für stabil und unter Kontrolle. Es besteht kein Grund, sich Sorgen zu machen. Man muss nur immer auf der Hut sein.“

Bradley Manning wird vom US-Militär in Isolationshaft gehalten, seitdem er sich bei einem Chat einem kalifornischen Hacker anvertraut hat. Er wolle, dass „die Leute die Wahrheit erfahren“, hatte er dem gesagt. Er habe in Bagdad 260.000 streng geheime Dokumente gesammelt und an WikiLeaks geschickt, deren Server von Schweden aus arbeitet. Adrian Lamo, der kalifornische Hacker, mit dem Manning gechattet hatte, brachte die Abschrift des Austauschs dem FBI. Manning wurde daraufhin Ende Mai in Bagdad verhaftet und in ein Militärgefängnis nach Kuwait gebracht, wo er über drei Wochen ohne Anklage festgehalten wurde. Assange sagt, WikiLeaks habe drei Anwälte engagiert, um Manning zu verteidigen, ihnen sei aber kein Zugang zu ihm gewährt worden.

Während WikiLeaks es ablehnt, den Empfang des Materials zu bestätigen, hat das Online-Portal bereits einen Film veröffentlicht, auf dem ein US Apache-Hubschrauber zu sehen ist, der in Bagdad Zivilisten angreift. Gleichzeitig wurde ein vertrauliches Telegramm des State Department veröffentlicht, in dem zu sehen ist, wie in Reykjavík über den finanziellen Kollaps Islands verhandelt wird. Die Veröffentlichung weiteren Materials ist in Vorbereitung. Darunter soll auch ein Video über einen Angriff des US-Militärs in Afghanistan sein, bei dem mehrere Zivilisten getötet wurden. Es wird davon ausgegangen, dass dieses Material von Manning stammt, auch wenn WikiLeaks seine Quellen nicht preisgibt und die Mitarbeiter angewiesen sind, die Absender der Dateien zu decken.

Viele Kinder getötet

Prominente amerikanische Whistleblower und Anwälte haben Assange geraten, nicht in die USA einzureisen und auf Reisen wie bei öffentlichen Auftritten höchst vorsichtig zu sein. „Ermittler des Pentagon versuchen herauszufinden, wo Assange sich aufhält, weil sie Angst haben, er könnte eine große Menge geheimer Dokumente des State Department veröffentlichen und damit der nationalen Sicherheit einen großen Schaden zufügen“, so die US-Internetzeitung Daily Beast vor einer Woche.

Wir würden gern wissen, wo er ist – wir würden uns wünschen, dass er in dieser Sache mit uns zusammenarbeitet“, wurden offizielle Stellen zitiert. Daniel Ellsberg, der 1973 der Öffentlichkeit die Pentagon Papers zuspielte – eine streng geheime Studie über den Vietnamkrieg –, sagte im Gespräch mit dem Daily Beast: „Ich denke, dass Assange sich in Gefahr befindet. Wenn dem so ist, denke ich, dass seine Berühmtheit ihm nun einen gewissen Schutz bietet.“ Assange sagt: „Einige fürchten um mein Leben. Ich gehöre nicht dazu. Wir müssen ein paar Länder meiden und sollten nicht reisen, bis wir wissen, in welche Richtung der politische Pfeil zeigt.“ WikiLeaks habe bislang erfolglos versucht, mit Manning in Kuwait Kontakt aufzunehmen. „Ein junger Mann ist ganz eindeutig unter sehr schwierigen Umständen inhaftiert. Man wirft ihm vor, Informationen weitergegeben zu haben. Wir müssen unser Bestes geben, um ihn wieder frei zu bekommen.“ Zu seiner eigenen Lage sagt Assange, das State Department habe ihm signalisiert, es sehe von der Verfolgung von WikiLeaks-Mitarbeitern ab, da die Militärstrafverfolgungsbehörde den Fall übernommen habe.

WikiLeaks könnte demnächst ein geheimes US-Militär-Videos ins Netz stellen, das einender verheerendsten Luftschläge in Afghanistan zeigt, bei dem im Mai 2009 mutmaßlich viele Kinder getötet wurden. Nach Angaben der afghanischen Regierung traf es in Garani 140 Zivilisten, unter denen sich 92 Kinder befanden. Die US-Regierung hatte angegeben, 95 Menschen seien getötet worden, darunter 65 Aufständische. Seitdem wurde diese Behauptung allerdings relativiert.

Übersetzung: Holger Hutt
16:15 22.06.2010
Geschrieben von

Ian Traynor | The Guardian

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