Ganz der Kater

Porträt Morrissey war als Sänger der Smiths die Stilikone einer ganzen Generation. Heute pflegt er sein Image als exzentrischer Einzelgänger voller Widersprüche

Unser Treffen hat etwas von einem Date, wenn auch nicht gerade von einem Blind Date: Dichter trifft Songwriter lautet das grobe Konzept. Aber ich habe keinen Schimmer, ob Morrissey weiß, wer ich bin. Und obwohl ich den Mann und seine Musik seit Jahren verehre, kann ich kaum behaupten, ich wüsste, wer er wirklich ist.

Als sich die Tür öffnet und er in den Raum schreitet, scheint keiner von uns zu wissen, was das Protokoll nun vorsieht. Ich schüttle seine Hand, eine eckige, schwere Hand, die besser zu dem Gangster- und Bareknuckle-Boxer-Image passt, das er seit einiger Zeit kultiviert, als zu der klapperdürren Campness vergangener Jahre. Morrissey deutet eine Verbeugung an, eine leicht abgewandelte Version des Dieners, den ich ihn tausend Mal auf der Bühne habe machen sehen – ein Fuß nach vorn, der andere zurück, den Kopf gebeugt, die Augen zu Boden gerichtet. Ich blicke ebenfalls zu Boden und stelle fest, dass er goldene Turnschuhe trägt. Sie gleichen den Fußballschuhen, die den besten Spielern der Welt vorbehalten sind. Fehlen nur noch Flügel an den Seiten.

Tee und Fanta Orange

Wir befinden uns im Ballsaal eines mondänen Hotels in einer mondänen Straße in London. Während der Fotograf Morrissey zu einem Stuhl geleitet, schaue ich mir den Catering-Wagen an. Ich befinde mich in der Gesellschaft eines Mannes, der für seine Abstinenz bekannt ist. Auf dem Wagen steht Tee in handgenähten Aufgussbeuteln, daneben mehrere Dosen Fanta Orange, Morrisseys Lieblings-Brause.

Er dreht den Kopf, wie ihm von dem Fotografen geheißen wird. Das Licht fällt auf sein Kinn – und es beleuchtet seine mittlerweile etwas dünne Tolle. Er trägt ein rotes Polo-Shirt und dicke Ringe an den Fingern. Wenn der Blitz aufleuchtet, ist für einen Moment im Gesicht des 51-Jährigen das des jungen Mannes zu erkennen, dann verblasst es wieder.

„Jetzt ihr beide zusammen“, sagt der Fotograf. Er setzt uns keinen Meter voneinander entfernt vor einen Spiegel. „Etwas näher, bitte“, sagt er, ich rutsche näher. Morrissey fragt: „Schaue ich in den Spiegel?“ Der Fotograf bejaht. Dann fordert er mich auf: „Etwas näher ran.“ Ich tue, wie mir geheißen, bis meine Nase höchsten 15 Zentimeter von Morrisseys Wange entfernt ist. Ich kann mich nicht erinnern, wann ich dem Gesicht eines Mannes zuletzt so nahe gekommen bin. Ich bemerke die grauen Haare in seinen Koteletten, seinen Teint, der niemals das Tageslicht zu sehen scheint und das kühle Grau seiner Augen. Ich rieche den Duft eines ziemlich teuren Rasierwassers.

Man könnte diese Begegnung für mich als Zielpunkt einer Reise beschreiben, die vor über einem Vierteljahrhundert begann. Am Beginn der Reise lag ich in der Badewanne in einem Haus an der englischen Südküste, das ich mit fünf Geografiestudenten und einigen nigerianischen Marinesoldaten teilte. Auf dem Fenstersims des Badezimmers stand ein Radio, aus dessen winzigen Lautsprechern ich John Peel über eine Band Namens The Smiths sprechen hörte. Peel war nie einer, der den Hype bediente oder Lobeshymnen sang, aber irgendwo hinter seiner melancholischen Stimme und dem trockenen Vortrag meinte ich ein wenig Begeisterung und vielleicht sogar ein anerkennendes Adjektiv herauszuhören. Ich tauchte noch einmal kurz unter, um mir den letzten Rest Shampoo aus den Haaren zu waschen und als meine Ohren wieder frei waren, hörte ich die Klänge von Hand In Glove. Es war Liebe auf den ersten Ton: Bei den Smiths stimmte alles, nicht nur die Musik, auch der Stil. Als Morrissey ein mit Klebeband geflicktes Brillengestell trug, hielt ich auf dem Flohmarkt nach einem ähnlichen Modell Ausschau. Als er Blusen und Perlenketten trug, wartete ich, bis meine Mutter zu einer Gemeinderatssitzung aufbrach und durchstöberte ihren Kleiderschrank. Und als er bei Top Of The Pops mit einem Strauß Gladiolen auftrat, den er in seine Gesäßtasche gequetscht hatte, wurde für mich jeder Garten auf dem Weg zur Disco zur Sammelstelle.

Die Smiths lösten sich 1987 auf, Morrissey aber stürzte sich in eine Solo-Karriere und produzierte ein Werk, das ihn als den herausragenden Singer-Songwriter seiner Generation bestätigte. Ich habe seine Alben ständig gehört. Treffen wollte ich ihn trotzdem nicht unbedingt, in Interviews wirkte er stets zurückhaltend, etwas arrogant, als fühle er sich unwohl. Ich habe mich gefragt, weshalb sich einer, der sich in der Gesellschaft anderer unbehaglich fühlt, mit den Qualen öffentlicher Auftritte plagt?

Er sagt: „Weil ich als kleiner Junge die Einsamkeit des Sängers im Scheinwerferlicht so dramatisch und mutig fand. Über die Schiffsplanke ins Wasser gehen, freiwillig. Den Gedanken fand ich wunderschön. Es macht einen extrem verletzlich.“

Wir sitzen uns nun an einem Tisch gegenüber, Morrissey mit seinem Fanta-Vorrat, ich mit meinem Fragenzettel. Es zeigt sich schnell, dass sein Witz, seine Wortgewandtheit und Smartness ihn im Musikbusiness immer von anderen abheben werden. Seine scharfe Zunge bringt ihm mehr Feinde als Freunde ein. Über andere Sänger sagt er: „Sie verfügen über zwei oder drei Melodien – und wiederholen sie bis zum Erbrechen 28 Alben lang.“ Über die Menschen im Allgemeinen: „Sie sind ein Problem.“ Und sein schockierendes Statement über Chinesen: „Haben Sie mal im Fernsehen gesehen, wie sie Tiere behandeln? Absolut grauenvoll. Man bekommt einfach das Gefühl, dass sie eine Subspezies sind.“

Unauflösbare Widersprüche

Wie so viele vor mir muss ich feststellen, dass es mir nicht gelingen will, die Widersprüche aufzulösen. Der Charme und die beißenden Kommentare. Die weibischen Gesten und der ruppige Machismo. Der Drang, im Mittelpunkt zu stehen und der Mangel an Unbefangenheit. Die Insignien des Erfolgs, des Ruhms und Reichtums und die Beschwerden über ungerechte Behandlung und Missachtung. Nur eines steht für mich fest: Keiner scheint sich der Gegenwart Morrisseys bewusster zu sein als er selbst. Egal, ob man es nun Befangenheit, Ichbezogenheit oder Selbstverteidigung nennt, jede Geste wirkt sorgfältig konzipiert, jede Silbe scheint genau abgewogen.

„Ich bin mit der Gabe des Hellsehens gestraft“, sagt er. Ich muss grinsen angesichts der Vorstellung, dass einer der bekanntesten Sozialrealisten der Welt Kaffeesatz lesen will. Ich will ihn gerade dazu auffordern, seine Behauptung zu beweisen, indem er mir den Sieger des 15:30-Uhr-Rennens auf der Pferderennbahn in Market Rasen verrät, als ich feststelle, dass er keine Witze macht.

„Denken Sie, dass Sie reich sind?“ fragt er unvermittelt.

„Ich komme über die Runden.“

„Wollen Sie damit sagen, Sie haben eine Menge Geld, aber es ist Ihnen peinlich, das zuzugeben?“

„Wie würde es Ihnen denn gefallen, wenn ich fragen würde, wieviel Sie verdienen?“

„Das ist keine Antwort.“

„Ich verdiene mehr, als ich gedacht hätte, als ich mich entschied Dichter zu werden.“

„Sind Sie ein gewalttätiger Mensch?“, frage ich ihn. „Sie flirten in Ihrem Werk mit der Gewalt. Schusswaffen, Messer ...“

„Alles nützliche Gegenstände. Sollten Sie wissen, dort wo Sie wohnen. Gehen Sie oft aus in den Seitenstraßen von Leeds?“

„Nein.“

„Sie verpassen alles.“

Über seine Fans spricht er sehr ergreifend, als wären sie Blutsverwandte oder etwas noch Intimeres. Ich fasse das als Stichwort auf, um ihn zu seinem Liebesleben zu befragen, oder vielmehr zu seinem angeblichen Zölibat. Nicht weil ich wissen möchte, ob er schwul, bi oder hetero ist, sondern weil ich verstehen möchte, wie ein Mann, der so offensichtlich jegliche emotionale und physische Nähe scheut, mit soviel Leidenschaft und Begehren schreiben kann. Wenn er nicht über Persönliches schreibt, hat er dann alles erfunden?

„Ich glaube nicht, dass man im Spannungsfeld von Beziehungen aus Fleisch und Blut feststecken muss, um sie zu verstehen. Wenn das der Fall wäre, wäre jeder auf diesem Planeten, der schon einmal eine Beziehung hatte, so etwas wie ein Prophet.“ Dann fügt er hinzu: „Wenn man sich auf eine Beziehung einlässt, muss man sich auch auf Familie und Freunde des anderen einlassen und das ist .... wirklich zu viel. Ich verzichte dankend. Plötzlich machen Sie Überstunden in einer Fabrik, damit Sie ein Geschenk für eine Nichte kaufen können, die Sie nicht ausstehen können.“

„Sind Sie nicht einsam?“

„Wir sind alle einsam, aber ich bin lieber allein einsam als mit einer langen Liste von Aufgaben und Verpflichtungen. Ich glaube, das ist der eigentliche Grund, weshalb Menschen sich umbringen.“

Ich schiele auf die Liste mit meinen verbliebenen Fragen: „Besitzen Sie einen gültigen Führerschein?“

„Was für eine nichtssagende Frage ist das denn?“

„Eine gute Frage, nicht wahr? Hat Sie das schon mal jemand gefragt?“

„Nein. Aber das ist kaum überraschend.“

„Ich fand die Frage gut.“

„Warum? Weil Sie dachten, ich wäre nicht in der Lage ein derart großes und komplexes Werk der Technik zu bedienen?“

„Na gut, wie wäre es mit: ‚Haben Sie irgendwelche Haustiere?‘“

„Ja, Katzen. Ich habe eine Menge Katzen. Und eine Menge Verluste zu beklagen.“

Eine vorausschauende Bemerkung, die zeigen wird, dass ich Morrisseys hellseherische Fähigkeiten ernster hätte nehmen sollen. Ungefähr eine Woche nach unserem Gespräch bekomme ich eine Nachricht, in der er mir mitteilt, dass er die Fotos mit uns beiden hasst. So sehr, dass er darauf bestanden hat, dass sie nie jemand sehen wird. Jetzt bin ich es, der einen Verlust zu beklagen hat – Morrissey wäre lieber tot, als dass er sich mit mir zusammen sehen ließe. Stattdessen kommt eine Katze auf das Foto. Dreißig Jahre an Besessenheit grenzende Bewunderung, ein Date, dann bin ich abserviert. Sitzengelassen wegen einer Mieze.

Simon Armitage ist ein englischer Dichter und Schriftsteller, der regelmäßig für den Guardian schreibt. Übersetzung der gekürzten Fassung: Christine Käppeler

Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

14:00 07.10.2010
Geschrieben von

Simon Armitage | The Guardian

Der Freitag ist Syndication-Partner der britischen Tageszeitung The Guardian
Schreiber 0 Leser 14699
The Guardian

Ausgabe 42/2021

Hier finden Sie alle Inhalte der aktuellen Ausgabe

3 Ausgaben kostenlos lesen

Der Freitag ist eine Wochenzeitung, die für mutigen und unabhängigen Journalismus steht. Wir berichten über Politik, Kultur und Wirtschaft anders als die übrigen Medien. Überzeugen Sie sich selbst, und testen Sie den Freitag 3 Wochen kostenlos!

Kommentare