Ganz nach Obamas Geschmack

Großbritannien Schon die britischen Wahlen selbst bekamen in den USA viel Aufmerksamkeit. Mit Gordon Brown ist der US-Präsident nie warm geworden, mit David Cameron scheint es umgekehrt

Barack Obama hat David Camerons Ankunft in Downing Street Nr. 10 als Chance begriffen, um die Rückstelltaste in den amerikanisch-britischen Beziehungen zu drücken: Er sprach dem neuen Premierminister sein Lob aus und pries die historischenVerbindungen zwischen den beiden Staaten.

Kaum dass Cameron am Dienstag durch die Tür seines neuen Amtssitzes getreten war, erreichte ihn der Anruf des US-Präsidenten, der ihm gratulierte und ihm versicherte, die USA "hätten keinen engeren Verbündeten als das Vereinigte Königreich." Obama wiederholte diese Beteuerung am Mittwoch noch einmal im Rahmen einer Pressekonferenz mit dem afghanischen Präsidenten Hamid Karsai.

Obama sagte über Cameron: "Ich halte ihn für einen klugen, engagierten, effektiven Regierungschef und für einen, mit dem wir äußerst effektiv zusammenarbeiten werden können. Ohne dass ich selbst das Thema ansprechen musste, hat er mir bestätigt, dass er sich unserer Strategie in Afghanistan verpflichtet fühlt." Er fügte hinzu: "Wir haben beide beteuert, wie herausragend die besondere Beziehung zwischen den USA und Großbritannien ist, die einzelne Parteien und einzelne Regierungschefs überdauert. Sie wurde im Verlauf der Jahrhunderte aufgebaut und wird immer bestehen."

Der junge glatte Cameron

Die schnelle Gratulation und die Wärme, mit der Obama über die "besondere Beziehung" sprach, stehen in Kontrast zu dem oft unerfreulichen Verhältnis zwischen dem US-Präsidenten und Gordon Brown. Obama wird den britischen Premier nächsten Monat im Rahmen des G20-Gipfels in Washington treffen, doch er und seine Frau haben David und Samantha Cameron bereits eine weitere Einladung nach Washington für Juli ausgesprochen. Außenminister William Hague bereits am heutigen Freitag in Washington zu Gesprächen mit Hillary Clinton erwartet.

Reginald Dale, leitendes Mitglied des Centre for Strategic and International Studies in Washington, äußerte sich überrascht über die Wärme von Obamas Erklärung. "Er schien wesentlich mehr um ihn zu bemühen, als jemals zuvor um Gordon Brown. Bislang ließ er keine besondere Vorliebe für Großbritannien erkennen. Er behandelte Großbritannien wie ein Land, mit dem er nur dann spricht, wenn es ihm nutzt", erklärte er. Dale fügte hinzu, dass Cameron, den er als glatt und vorzeigbar beschrieb, mit Obama ein besseres Verhältnis etablieren könnte, als der "grantige alte Brown".

Der kantige alte Brown

Obama traf Cameron 2008 bei einem Besuch in Großbritannien im Rahmen seines Wahlkampfs. Der Journalist Richard Wolffe, der Obama damals begleitete und gute Verbindungen zum Weißen Haus unterhält, schrieb in seiner Obama-Biografie Renegade, dessen Berater "hätten die Energie des aufstrebenden Cameron dem mürrischen und düsteren Brown vorgezogen".

Die Beziehung zwischen Obama und Brown wurde von ständigen Brüskierungen begleitet, darunter die Entfernung einer Churchill-Büste aus dem Weißen Haus und schlecht ausgewählte Geschenke für den Premierminister als er DC besuchte. Doch Obama verhält sich in der Regel sachlich, und so war seine Beziehung zu Brown nicht kühler als die zu Sarkozy oder Merkel. Großbritannien und Europa rangieren für die USA zunehmend in der zweiten Reihe, auch wenn sie in Afghanistan die Partner der Amerikaner sind. Für den Präsidenten sind China und der pazifische Raum die vorrangigen Regionen, auf die sich sein Interesse richtet.

Die amerikanischen Medien haben den britischen Parlamentswahlen mehr Platz eingeräumt als sie das normalerweise im Fall von politischen Ereignissen im Ausland tun. Sowohl die Zeitungen als auch das Fernsehen verfolgten die Wahlnacht und den anschließenden Kuhhandel. Sowohl die New York Times als auch die Washington Post brachten Camerons Amtsantritt auf der Titelseite. Mark Blyth, Politologe an der Brown University, witzelte zunächst, es sei "wohl Sauregurkenzeit", bevor er das Interesse auf das Novum eines "hung parliament" zurückführte. Blyth machte drei mögliche Streitpunkte zwischen den USA und Großbritanniens neuer Regierung aus: Washingtons Sorge über das Ausmaß der britischen Staatsverschuldung; ein Zurückweichen der Briten was Ausgaben für amerikanische Verteidigungsprojekte betrifft und die ablehnende Haltung der Konservativen gegenüber der EU. Obamas Regierung unterstützt die Idee eines starken, vereinten Europas. "Den USA wird es lieber sein, wenn die Briten im Zelt sind und rauspissen, als dass sie draußen stehen und reinpissen", so Blyth.

Übersetzung: Christine Käppeler

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Ihre Freitag-Redaktion

15:56 14.05.2010
Geschrieben von

Ewen McAskill | The Guardian

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