Ganz schön schlau

Intelligenzbestien Sie haben mit drei Jahren einen riesigen Wortschatz oder lösen komplexe Gleichungen. Und sie werden Wunderkinder genannt, was oft eine schwere Bürde ist. Drei Begegnungen

Karina Oakley, 3 Jahre 9 Monate. Sie hat einen IQ von 160, was in etwa jenem des Astrophysikers Stephen Hawkings entspricht:

„Alle meine Pferde heißen Athena“, erklärt Karina. Außer Sandy, eine kleine Plastikkreatur mit einem gebrochenen Bein. Karina legt Sandy in ein Bett, das sie aus Filz gebastelt hat. „Bitteschön, kleines Pferd. Ich werde ihm eine besondere Pferdemedizin geben“, sagt sie. „Fünf verschiedene Medikamente. Dann kann es wieder mit seinen Freunden spielen.“

Karina ist das einzige Kind von Charlotte Fraser. Die zwei leben gemeinsam mit ihrer Katze Truffles in Surrey. „Als Karina zu reden begann, kam das einer gewaltigen Wortexplosion gleich“, erzählt Charlotte. „Alle, die mit ihr zu tun hatten, sagten: „Meine Güte, wie alt ist sie denn?“

Charlotte fände es "ein bisschen mies" Karina mit den Kindern ihrer Freunde zu vergleichen: „Sie alle entwickeln sich auf ihre eigene Art und ich will keine dieser wetteifernden Mütter sein“. Doch nachdem einer Aushilfe in der Kita Karinas "unglaubliche Vorstellungskraft" aufgefallen war, fand Charlotte über das Internet eine Kinderpsychologin, die sich mit Hochbegabten auskennt. Vor einem Jahr ging sie mit ihrer Tochter nach London, um einen IQ-Test machen zu lassen. "Karina hat für ein so junges Mädchen eine außergewöhnliche Reife", befand Prof. Joan Freeman in einem vorsichtigen Bericht, in dem sie – unter der Betonung, dass IQ-Tests in einem so jungen Alter unzulänglich sind – nahelegt, dass Karina einen IQ von 160 haben könnte. Das entspräche dem des Astrophysikers Stephen Hawkings – und würde bedeuten, dass sie zu den intelligentesten 0,03 Prozent ihrer Altersgruppe gehört.

Als Karina im Rahmen dieses Tests gefragt wurde, was wir mit unseren Augen machen, antwortete sie, wir würden Kontaktlinsen reinmachen. Als man ihr das Bild einer Teekanne ohne Griff zeigte und fragte, was fehle, antwortete sie "die Picknickdecke". Als man ihr das Bild eines Handschuhs, bei dem ein Finger fehlte, zeigte und dieselbe Frage stellte, antwortete sie "der andere Handschuh".

Charlotte fand es "beruhigend" zu erfahren, dass Karina nicht unter „einer vollkommen merkwürdigen Art zu Denken“ leidet. Woher Karinas sprachliche Frühreife kommt, weiß sie nicht. Sie selbst sei in den Naturwissenschaften immer gut gewesen, Karinas Vater Nick (der von ihnen getrennt lebt) soll gut in Physik und Mathe gewesen sein.

Geschichten über Außenseiter, die zuhause unterrichtet werden, machen ihr Angst. "Alle Eltern wünschen sich doch für ihre Kinder, dass sie eine glückliche, ausgeglichene und angenehme Kindheit haben. Ich glaube nicht, dass irgendein Erwachsener jemals denken wird: 'Verdammt, hätte ich nur mit neun die Mittlere Reife gemacht.'" Und so besucht Karina einen normalen Kindergarten und verbringt viel Zeit damit „Quatschmodelle“ zu bauen. Sie zeigt stolz eine Pralinenverpackung vor, die sie mit Stoff und Papier ausgekleidet hat: ein Futterplatz für Schmetterlinge.

Auch wenn Charlotte gewisse Vorbehalte gegen diese Form des Lernens hat, bei der das Kind das Tempo vorgibt – "Ein Teil von mir denkt: Das ist ein Kindergarten, ihr seid Pädagogen, ihr könntet ihr etwas mehr beibringen" – so beabsichtigt sie doch, dass Karina mit ihren Freunden in die örtliche Grundschule gehen soll. "Wenn sie älter wird, werde ich das neu entscheiden müssen", meint Charlotte. "Ich fürchte wohl, dass sie sich in der Schule langweilen könnte. Das äußert sich in manchen Fällen dann ja nicht als Langeweile – sondern als Ruhestörung in den hinteren Reihen."

Megan Ward, 10 Jahre. Sie ist Erfinderin. Ihr Anti-Raucher-Schlüsselring ist bereits in Produktion gegangen

Wenn Paula und Rory Ward nicht mit ihrer Installateursfirma in Kent beschäftigt sind, dann werden sie von ihren fünf Kindern auf Trab gehalten: Alfie, 6, Joe, 8, Charlie, 13, Steph, 19, und Megan, 10, das Sandwich-Kind. Während ihr Zuhause vom Lärm fußballspielender Kinder, mürrischer Teenager, drei herumtollender Hunde, eines Hasen und eines Hamsters brummt, widmet Megan sich still ihren Erfindungen. Vor einem Jahr sollte sie für ein Schulprojekt ein Poster gegen das Rauchen gestalten. Doch anstelle des Posters entwickelte Megan ein durchsichtiges, weiches Lungenpaar, das braune Lebensmittelfarbe enthielt, die für die durchschnittliche Menge Teer stand, die ein Raucher mit vier Packungen Zigaretten inhaliert.

"Ich finde es besser, wenn die Leute etwas zum Spielen haben, als wenn sie lesen sollen", erklärt sie. Sie recherchierte im Internet, ob schon vor ihr jemand die Idee hatte, fand eine chinesische Firma, die ihre Lunge produzieren konnte, sparte ihr Taschengeld und konnte ihre Erfindung mit Hilfe einer kleinen Finanzspritze ihrer Mutter realisieren. Mutter Paula half ihrer Tochter dabei, die Lungen patentieren zu lassen und inzwischen hat die Anti-Raucher-Initiative Gasp 25.000 von Megans Schlüsselanhängern im Wert von 12.000 Pfund bestellt.

Megan ist Legasthenikerin. Paula sagt, ihre Tochter "denke anders". Sie male lieber und sei offensichtlich ziemlich kreativ. Wenn sie fernsieht, kommen ihr plötzlich Ideen. Als sie im Urlaub einen Sonnenbrand bekam, erfand sie ein Plasikarmband, das in der Sonne die Farbe ändert und anzeigt, wann es Zeit ist Sonnencreme aufzutragen. Ihre nächste Idee war ein T-Shirt, das nach demselben Prinzip funktioniert. Einige Hersteller von Sonnenschutzmitteln haben bereits Interesse angemeldet. "Einmal, als wir die Hunde ausführten, kam sie auf einen mit Wasser gefüllten Ball, den sie Quetsch nannte [Eine Zusammensetzung aus dem englischen Wort „fetch“ für „apportieren“ und „quench“, was so viel wie „den Durst stillen“ bedeutet; Anm. der Übers.]. Aber wir haben die Idee nicht weiter verfolgt. Wir haben einige Ideen fallen gelassen, aber bei den Anti-Raucher-Schlüsselringen habe ich sie unterstützt, weil ich dachte, Meg, das ist gut.“

Meg trägt seit langem die Idee eines Hundehalsbands mit sich herum, das einen Lautsprecher enthält, über den der Besitzer seinen Hund rufen kann. Dann holt sie das Bild einer besonderen Angelrute hervor, die sie entwickelt hat. „Am Haken ist eine wasserdichte Kamera“, erklärt sie. „Der Bildschirm ist in der Rute und zeigt an, ob man einen Fisch gefangen hat oder nicht.“

Megan ist bei den Pfadfinderinnen und will später nicht auf die Universität. Sie ist ein Fan des Erfinders Trevor Baylis, springt gerne Trampolin und mag Miley Cyrus und den Film The BFG. Ihr pink- und cremefarbenes Kinderzimmer hält sie tadellos sauber. Paula ist erstaunt und auch ein wenig verwirrt über ihre Tochter, die in ihrem hektischen Haushalt das ruhigste, aber auch ein recht anspruchsvolles Kind ist. "Alles muss bei ihr eine Routine haben", erzählt sie. "Ihre Brüder und Schwestern lassen sich eher treiben, aber Meg muss immer wissen, um welche Uhrzeit wir was machen. Deshalb ermuntere ich sie, wenn sie etwas gerne tut. Sie benötigt sehr viel Ermunterung."

Andrew Halliburton, 23 Jahre, lernte als Achtjähriger schon mit Gymnasiasten Mathe

Noch bevor er zwei Jahre alt war, erkannte Andrew bei der Fernsehsendung Countdown bereits die Zahlen, wenn er mit seinen Eltern im Wohnzimmer ihrer Wohnung in Dundee vor dem Fernseher saß. Vater Al, der bei der Polizei als Fahrer arbeitete, und Mutter Jean, eine Putzfrau, waren baff. "Als er klein war, hielt ich ihn für hyperaktiv", sagt Jean. "Wir waren mit ihm dann beim Arzt und der sagte das auch. Es stimmte dann aber nicht." Glücklicherweise erkannte man sein Talent, als er noch sehr jung war, und stellte ihm einen Tutor und einen Computer zur Verfügung.

Andrew löste Rätsel der britischen "Gesellschaft für Menschen mit einem überdurchschnittlichen Intelligenzquotienten" (Mensa) aus der Zeitung und spielte in seinem Zimmer mit dem Computer. "Ich habe das Gefühl, dass meine Kindheit vergeudet wurde. Ich war nicht so viel draußen wie andere Kinder, aber mir machte Spaß, was allen kleinen Jungs gefällt." Wie Fahrradfahren? Er überlegt. "Ich habe nie Fahrradfahren gelernt."

Als er acht Jahre alt war, telefonierte sein Grundschullehrer herum, um jemanden zu finden, der mit ihm schwierigere Mathe-Aufgaben durchgehen könnte. Als er neun war, saß er in Mathe mit 13- und 14-Jährigen in einer Klasse. „Mich hat das nicht aus der Ruhe gebracht.“ Er war groß für sein Alter, mit elf fast 1,80 Meter – da machte er gerade seine Abitur-Nebenfachprüfung in Mathe. Dabei spürte er zum ersten Mal in seinem Leben Druck und er bekam es mit der Angst zu tun. Alle erwarteten von ihm ein gutes Ergebnis. Und dann waren da auch noch die Medien. Im Wohnzimmer seiner Eltern hängt ein Bild von ihm, auf dem er auf einem Stapel von Büchern sitzt und Lineale in die Höhe hält. „Das Genie Andrew Halliburton“ nannte ihn die Boulevardzeitung The Sun. Schüchtern wie er war, tat er sich schwer, mit den Journalisten zu sprechen. „Ich habe kaum einen geraden Satz herausgebracht“, sagt er über einen Fernsehauftritt. „Dadurch baute sich vor der Prüfung viel Druck für mich auf.“

Schließlich schrieb er eine zwei. Danach ließ er es bei den Hauptfächern etwas ruhiger angehen, erhielt Bestnoten und belegte im Anschluss direkt einen Kurs für Angewandte EDV an der Uni. Seit Jahren war dies sein oberstes Ziel gewesen. Es sollte eine Enttäuschung werden. „Ich war ziemlich entmutigt, als mir klar wurde, dass es viel leichter war, als ich gehofft hatte. Und an der Uni hatte ich das einzige Mal Schwierigkeiten, neue Freunde zu finden.“

Nach dem ersten Jahr an der Uni schmiss er hin und nahm danach irgendwann einen Job bei McDonald’s an. Fehl am Platz und unsicher darüber, was er mit seinem Leben anfangen sollte, wurde er beinahe rausgeschmissen. "Was könnte noch schlimmer sein, als bei McDonald’s rausgeschmissen zu werden?", meint er. Fünf Jahre später arbeitet er immer noch dort – ein einfaches Mitglied des Service-Teams, das die Kunden von Zeit zu Zeit damit verblüfft, dass er die Posten im Kopf zusammenrechnet und nicht an die Kasse geht. Es ist ihm egal, ob die Leute ihn für einen Spinner halten ("Ich habe mich selbst immer ein wenig für einen Nerd gehalten"), er scheut aber vor dem Begriff Genie zurück: "Das hat mir noch nie gefallen." Bedeutete es eine Last? "Sicher, ich hatte immer das Gefühl, dem gerecht werden zu müssen, und glaubte nie, dass ich das könnte."

Die Leute sind geschockt, wenn sie es hören, sagt Andrew, aber er mag Mathe eigentlich gar nicht. Im September geht er wieder zur Uni, dieses Mal um seiner wahren Leidenschaft zu frönen: Computerspiel-Technik. "Ich habe immer geglaubt, meine Eltern würden das akzeptieren, aber Al ist vollkommen aus dem Häuschen." Sein Vater sagt: „Ich war schon enttäuscht, als er von der Uni abging. Aber wir hatten deswegen keinen Krach. Wir erwarteten viel von ihm, dass er viel erreichen würde. Ich sage nicht, dass er meine Erwartungen nicht erfüllt hat, denn er hat sich einen Job besorgt. Wobei McDonald's nicht gerade eine tolle Perspektive bietet." Andrew sieht seine Eltern an. Er sagt: „Ich habe das Gefühl, meinen Erwartungen nicht gerecht geworden zu sein.“

Übersetzung: Christine Käppeler/Holger Hutt

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15:30 19.05.2010
Geschrieben von

Patrick Barkham | The Guardian

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The Guardian

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