Ganz unverdächtig

Reichtum Sie haben Geld und sie geben es auch gerne aus, gleichzeitig aber tun sie so, als ginge es ihnen so schlecht wie allen anderen. Über den Aufstieg der "Poorgeoisie"

Was meinen Sie damit, Sie hätten noch nie ihren eigenen Wildschwein-Schinken geräuchert? Wollen Sie mir allen Ernstes erzählen, Sie machten sich keine Sorgen, wie es ihren Jerusalem-Artischocken in dem Gemüse-Beet ergeht, das ihr litauisches Au-Pair in ihren Designer-Garten angelegt hat? (Tun Sie nicht so, als wüssten Sie von nichts.) Bestimmt wissen Sie auch, dass Sie im Internet ein klassisches, handgemachtes südamerikanisches Guayabera-Shirt für 176 Euro kaufen können, welches dem, das Sie bei H für 3,50 erstehen können, verblüffend ähnlich sieht?

Sie fragen sich, wovon in aller Welt ich rede? Na, über die Poorgoisie, Opa! Das ist der neueste Must-have-Begriff frisch aus Brooklyn und Portland, wo die Straßen voll sind von poorgeoisen Hippstern. Die Poorgoisie rekrutiert sich aus gegenkulturell sozialisierten Reichen, die eine Art von Konsumismus gegen den Konsumismus entwickelt haben, eine Art, Geld auszugeben, um so auszusehen, als habe man kein Geld ausgegeben. Es ist eine Möglichkeit für Reiche, die nicht als Reiche erkannt werden wollen, und sich von der Scham freizukaufen möchten, in Zeiten der wirtschaftlichen Depression Geld zu besitzen. Es ist eine Form, reich zu sein, ohne erkannt zu werden. Niemand wird Ihnen die Scheiben einschmeißen, selbst wenn Sie es verdient hätten.

Bescheidener Heuchler

Der Poorgeois ist nie protzig, beharrt aber dennoch auf seinem Luxus. Er ist ein Heuchler, aber ein geschmackvoller. In seinem 1899 erschienenen Buch "The Theory of the Leisure Class" prägte der Ökonom Thorstein Velben den Begriff des „auffälligen Konsums“. Heute, 110 Jahre, später erleben wir den „unauffälligen Konsum“ der Poorgeoisie, der genauso sehr von dem Bedürfnis nach unmittelbarer Befriedigung getrieben und ebenso narzistisch und süchtig-machend ist wie der von Velbens „Klassen des Müßiggangs“.

Der Poorgeois fährt keinen Maserati, trägt keinen Anzug (allein der Gedanke!), wenn er spricht, verbirgt er seine rhetorischen Fähigkeiten und seinen distinguierten Stil, die er auf Elite-Schule und -Universität erworben hat. Er muss in der Arbeit keinen Anzug tragen, denn er arbeitet in der Kreativbranche. Er lässt sein Au-pair das eigene Gemüse ziehen, und wenn's nichts wird, dann fährt sie eben zum nächsten Bauernhof und kauft das Zeug.

Der Poorgeois ist in politischer Hinsicht auf eine konformistische Art und Weise subversiv. „Wenn die Leute die Erzeugnisse der Mainstream-Kultur entsetzlich finden, dann kaufen sie eben etwas anderes. Schon in den Sechzigern gab es das Phänomen des subversiven Konsums, um sich gegen die Anomie der Waren- und Konsumgesellschaft abzugrenzen“, erklärt Thomas Frank, Autor eines Buches über alternatives Marketing mit dem Titel "The Conquest of Cool".

Glaubt mir nur nicht

Aber der Poorgeois trägt auch ein Paradox in sich: Er will nämlich nicht, dass alle ihm seine Tarnung abnehmen. Wenn nur Roland Barthes noch leben würde, um die subtile semantische Kleidersprache des Poorgeois zu beschreiben und zu entschlüsseln. Ja, er will von den Hungerleidern auf der Straße nicht als Reicher erkannt werden, aber selbstverständlich will er seinesgleichen mit seinem guten Geschmack beeindrucken. Die Gäste sollen schon wissen, dass der Wildschwein-Schinken selbst geräuchert ist (allerdings nicht, dass das Au-pair aus Litauen ihn räuchern musste) und dass das Kleid handgemacht ist (und vom Au-pair von Hand gewaschen und gebügelt).

Die Armen werden immer bei uns sein, wie bereits Jesus Christus treffend festgestellt hat (Matthäus 26, 11). Und auch die Poorgeois dieser Welt werden solange unter uns weilen, bis wir etwas dagegen unternehmen. Deshalb schnitze ich bereits an einem Schlagstock. Später werde ich dann mein eigenes Arsen mischen. Wie Sie sehen, ist mir diese ganze Poorgeois-CO2-frei-Selbstversorger-Masche sehr sympathisch.

Übersetzung: Holger Hutt

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13:00 21.06.2009
Geschrieben von

Stuart Jeffries, The Guardian | The Guardian

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The Guardian

Ausgabe 37/2021

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