Gefallene Helden

Ägypten Das Militär will seine Machtposition in Ägypten sichern und geht mit Gewalt gegen Kritiker und Demonstranten vor. Viele erinnert das Vorgehen an Mubaraks Sicherheitskräfte

Inmitten der Dunkelheit, des Rauchs und des ohrenbetäubenden Lärms der Sprechchöre von Tausenden Menschen um sie herum, wirken der Mann und die Frau mittleren Alters wie mit Fotoshop in die Szene hineinmontiert. Er trägt ein schickes Jackett, sie ein Kleid und ein Kopftuch. Beide gehen ruhig Hand in Hand über den Schutt, den Blick nach vorne gerichtet, jeder von ihnen einen Stein in der Hand.

Die Szene ereignet sich Sonntagabend kurz nach Einbruch der Dunkelheit in der Talaat-Harb-Straße – für gewöhnlich eine der belebtesten Verkehrsstraßen und ein Shopping-Mekka für preisreduzierte Schuhe und Kleidung. Jetzt haben die Geschäfte geschlossen und die Sterbenden und Verletzten werden gegen die heruntergelassenen Gitter gelehnt. In der Richtung, auf die das Paar zugeht, stehen die Soldaten der einst von den Ägyptern gefeierten Armee, dazwischen verläuft die neue Front in der wieder aufgeflammten Revolution des Landes.

Helden des Aufstands? Das ist vorbei

Es hat viele Monate gedauert, bis die herrschende Junta vom Helden des Aufstandes zum Gegenstand seines Zorns geworden ist. Und diese Verwandlung hat viele, zu viele Opfer gefordert. Einige, wie der Regimekritiker Alaa Abd El Fattah oder der kritische Blogger Maikel Nabil sitzen hinter Gittern. Nabil befindet sich mittlerweile den 90. Tag in Hungerstreik. Andere, wie Mina Daniel – der vergangenen Monat zweimal von Schüssen getroffen und getötet wurde, als er Rechte für die Minderheiten des Landes einforderte – und der von der Polizei zu Tode gefolterte Essam Atta liegen nun tot unter der Erde.

Die ganze Zeit über hat eine kleine, engagierte Gruppe von Aktivisten versucht, die Bevölkerung wachzurütteln und zum Widerstand zu bewegen, doch sie hatte bei der breiten ägyptischen Bevölkerung wenig Erfolg. Die meisten betrachteten den Obersten Militärrat als notwendige Säule der Stabilität in unruhigen Zeiten – trotz der 12.000 Zivilisten, die vor Militärtribunale gestellt wurden: In zehn Monaten waren es mehr als unter Mubarak in 30 Jahren.

Die Ursache dafür, dass die Stimmung letztlich kippte, ist recht ungewöhnlich. Den Ausschlag gab ein Dokument, das die Armee noch auf Jahrzehnte hinaus der politischen Kontrolle entziehen und ihr bei der neu zu schreibende Verfassung ein Vetorecht einräumen sollte. Das Militär hatte es der oft sehr nachgiebigen politischen Elite des Landes aufgedrängt, die dann aber letztlich doch vor der Vorstellung zurückwich, ihr könnte in einer von der Armee dominierten Zukunft weniger Macht zukommen.

Wieder griffen sie am frühen Morgen an

Die Demonstrationen und Proteste, die am vergangenen Freitag auf das Bekanntwerden des Dokuments folgten, mobilisierten so viele Menschen wie noch nie seit dem Sturz Mubaraks – was bereits darauf hindeutete , dass die Skepsis gegenüber der Junta und deren Vorstellungen darüber, wie die demokratische Umgestaltung sich vollziehen soll, weitere Kreise zu ziehen begann. Wie gewöhnlich warteten die Sicherheitskräfte, bis die Zahl der Demonstranten zurückgegangen war und griffen erst am darauffolgenden Morgen an. Ihre angekündigte Reform erwies sich als ebenso illusorisch wie die Behauptungen, sie habe sich während des Blutvergießens am Wochenende „auf bewundernswerte Weise“ zurückgehalten.

Die Soldaten dachten, sie müssten nur noch mit ein paar übergebliebenen Demonstranten fertig werden, doch die 200, die noch auf dem Tahrir ausharrten, erwiesen sich als Benzin für ein Feuer, das nun durchs ganze Land fegt.

Am Sonntagmorgen wird nach 24 Stunden voller erbitterter Straßenkämpfe und der Eroberung des Tahitis durch die Revolutionäre in der Hauptstadt das Mobiliar des Aufstandes gegen Mubarak erneut in Anschlag gebracht. Der Platz ist mit Checkpoints und Barrikaden aus heruntergerissenem Wellblech überzogen, auch die selbstgemachte Krankenstation ist wieder im Einsatz und behandelt Hunderte Jugendliche, die auf Motorrädern aus dem Niemandsland herangebracht werden, das nur ein paar Blocks entfernt liegt.

Die Maske ist gefallen

„Wir werden hierbleiben bis zu unserem Tod oder dem Tod der Militärherrschaft“, sagt der 27-jährige Mahmud Turg mit einer Bestimmtheit, die keine Zweifel zulässt. Auf der einen Seite seines Gesichtes trägt er einen Verband, weil eine Gummi-ummantelte Kugel sein Ohr getroffen hat, eine andere hat ihm ein Loch in den Rücken gerissen. „Der Militärrat muss gehen, denn die Menschen haben ihn durchschaut“, fügt der Politikwissenschaftler hinzu. „Es hat lange gedauert, aber die Maske ist gefallen.“

An der vordersten Front der Kämpfe behält die Ordnung Oberhand über das Chaos. Späher und Beobachter platzieren sich auf Balkonen, zum Schutz gegen das Gas haben sie sich Schals um den Kopf gewickelt. Auf ihre Anweisungen hin drängen Wellen von Demonstranten Steine und Molotowcocktails werfend in Richtung der Polizeilinien vor, um dort von einem Hagel aus beinahe immer in Kopfhöhe abgeschossenen Tränengaskartuschen und Schrotpatronen zurückgeschlagen zu werden. Die blind Schutz Suchenden finden rasch Unterstützung von denen, die weiter hinten geblieben sind, überall auf den mit Schutt übersäten Straßen teilen Demonstranten Taschentücher aus und träufeln kühlende Flüssigkeit in brennende Augen.

Tränensgaskartuschen aus Pennsylvania

Als die Sonne zu sinken beginnt, nehmen auch andere Seitenstraßen rund um den Tahrirplatz die gespenstische Atmosphäre verlassener Kriegsgebiete an, in denen hier und dort das ganz alltägliche Leben aufblitzt. Zwei Blocks weiter kann man eine Shisha rauchen, die vorsichtig ausbalanciert auf dem auf der Suche nach einem Wurfgeschoss aufgerissenen Pflaster steht. Ab und zu fährt ein verirrtes Taxi vorbei, das irgendwo falsch abgebogen ist.

Abgesehen vom Dröhnen und Krachen in der Luft könnte man denken, die Gewalt ereigne sich in weiter Entfernung und dennoch ist eine neue intime Nähe zu spüren. Aktivisten unterrichten einander über Twitter-, Facebook- und SMS-Updates von Alexandria bis Aswan über die erneuten Revolten in allen Winkeln des Landes. Tränengaskartuschen, auf die Name und Anschrift einer Firma aus Pennsylvania gedruckt stehen, werden in die Höhe gehalten und die Frage wird laut, ob die Aktivisten in Kairo und Amerika mit Waffen von ein und derselben Firma bekämpft werden.

Schließlich erfolgt der Angriff der Armee. Er ist kurz und brutal und wischt ein für alle Mal die letzten Reste von Unterschieden beiseite, die in den Köpfen der Demonstranten noch die Armee von der verhassten, schwarzgekleideten Polizeieinheiten trennten, die Mubaraks Sicherheitsapparat symbolisierten. Schüsse werden in die Luft abgegeben, Zivilisten zu Boden geprügelt, einige Soldaten zerren offenbar leblose Körper – ob bewusstlos oder tot vermag niemand zu sagen – zu kleinen Müllhäufen am Straßenrand.

Der Tahrir-Platz ist einmal mehr befreit

Doch wie am 28. Januar, als der Aufstand gegen Mubarak einen Wendepunkt erreichte, von dem an die Staatsgewalt ihre Opfer nicht mehr einschüchterte, sondern ihren Mut herausforderte, finden die zersprengten Gruppen wieder zusammen, sie singen so laut sie können und marschieren zurück, ihren Peinigern entgegen. Das elegant gekleidete Paar ist unter ihnen. Die Soldaten, in der Unterzahl und unterlegen, fliehen, wenngleich erst, als einige von ihnen in die Hände der Demonstranten geraten sind. Es wird in alle Richtungen gefeuert , doch der Tahrirplatz, dessen Name auf arabisch Platz der Befreiung bedeutet, ist einmal mehr befreit worden – für wie lang, darüber wagt allerdings niemand eine Aussage zu treffen.

Und so ist in diesem Jahr – in dem Ägyptens Aufstand gegen die Tyrannei Proteste auf der ganzen Welt inspiriert hat, auch wenn er daheim ins Stocken geriet – der Kreislauf des Wandels zu seinem Ausgangspunkt zurückgekehrt. „Die Leute kommen aus ihren Häusern und helfen uns“, erzählt die 25jährige Reporterin Mai Adly, während sie sich auf eine Nacht auf dem Tahrir einrichtet. „Der Oberste Militärrat hat zu viele Verbrechen begangen“, fügt sie hinzu. „Zum ersten Mal in den vergangenen Monaten denke ich, dass die Menschen sehen, dass die Überreste des alten Regimes weiterleben und wir die Sache zu Ende bringen müssen.“

Übersetzung: Zilla Hofman /Holger Hutt

Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

15:00 21.11.2011
Geschrieben von

Jack Shenker | The Guardian

Der Freitag ist Syndication-Partner der britischen Tageszeitung The Guardian
Schreiber 0 Leser 11841
The Guardian

Ausgabe 32/2020

Hier finden Sie alle Inhalte der aktuellen Ausgabe

3 Ausgaben kostenlos lesen

Der Freitag ist eine Wochenzeitung, die für mutigen und unabhängigen Journalismus steht. Wir berichten über Politik, Kultur und Wirtschaft anders als die übrigen Medien. Überzeugen Sie sich selbst, und testen Sie den Freitag 3 Wochen kostenlos!

Kommentare 1

Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community