Gegen das Image

Porträt Diane Kruger ist in Cannes als beste Schauspielerin für ihre Rolle in Fatih Akins „Aus dem Nichts“ geehrt worden. Schon im letzten Jahr schwärmte sie von dem Projekt
Tim Lewis | Ausgabe 38/2016
Gegen das Image
„Ich kann es kaum erwarten anzufangen“, sagte Diane Kruger vergangenen Sommer zum gemeinsamen Projekt mit Fatih Akin
Foto: Pascal Le Segretain/Getty Images

Manchmal bleiben Kritikerworte hängen. Diane Kruger hatte das Pech, gleich zu Beginn ihrer Schauspielkarriere ein besonders fieses Etikett verpasst zu bekommen. „Zu schön, um jemals eine Rolle mit Tiefgang zu spielen“, befand damals Manohla Dargis, die Filmkritikerin der New York Times. Das war im Jahr 2006, und der Kommentar bezog sich vor allem auf den Film Troja, in dem Diane Kruger neben Brad Pitt und Orlando Bloom als blonde, blauäugige Helena auftrat. Die Produzenten wollten ein unbekanntes Gesicht für die Rolle, und das deutsche Exmodel, als Diane Heidkrüger in der Nähe von Hildesheim geboren, setzte sich gegenüber 3.000 Mitbewerberinnen durch.

Zehn Jahre und rund 30 Filme später lebt Kruger zeitweise in Paris, zeitweise in New York, und die Gehässigkeit von Manohla Dargis wurmt sie noch immer: „Was für ein dummdreister Spruch!“, schimpft sie am Telefon. „Aber damals hat mich das sehr getroffen, denn ich dachte: Warum schreibt sie über mein Aussehen und nicht über das, was ich in dem Film tue? Was ich daraus gelernt habe, ist zum einen, gar keine Kritiken mehr zu lesen, und zum anderen, mich abzuhärten. Ich wollte immer schon tiefer schürfen und zeigen, dass ich das auch kann.“

Knallhart bei Tarantino

Diesen Juli ist Diane Kruger 40 Jahre alt geworden. Die Mission, ihr öffentliches Bild zurechtzurücken, dauert immer noch an. Im englischsprachigen Raum ist sie vor allem in ihren Rollen als knallharte Doppelagentin Bridget von Hammersmark in Quentin Tarantinos Inglourious Basterds und als Sonya Cross, Polizistin mit Asperger-Syndrom, in der Krimiserie The Bridge – America bekannt. Doch meist dreht sie in Frankreich und spielt dort in eher düsteren Independentfilmen, die sie zum Teil auch selbst produziert.

Diane Kruger war Marie Antoinette (Leb wohl, meine Königin!), Abraham Lincolns Stiefmutter (The Better Angels) und eine illegal in Berlin lebende bosnische Taxifahrerin (Unknown Identity). Regelmäßig ziert sie Titelblätter und glänzt auf roten Teppichen, und doch ist klar, ihr Herz schlägt für etwas anderes. Für dieses Andere steht auch ihr neuer Film The Infiltrator, der Ende September in Deutschland anläuft. Er erzählt die wahre Geschichte des Zollbeamten Robert Mazur, gespielt von Bryan Cranston, bekannt als Walter White in Breaking Bad. Robert Mazur trat im Florida der 80er Jahre als verdeckter Ermittler an, um ein kolumbianisches Drogenkartell samt den dahinterstehenden Banken auszuheben. Kruger spielt Kathy Ertz, die als Mazurs Ehefrau ebenfalls zur Geheimagentin wird.

The Infiltrator ist ein großartiger Thriller, sehr dicht und voller Überraschungen. Cranston brilliert naturgemäß, aber auch Kruger macht mit ihrem präzisen und beseelten Spiel weit mehr, als zu erwarten wäre, aus einer Rolle, die zunächst nach schmückendem Beiwerk klingt.

Diane Kruger überrascht in mancher Hinsicht. Ihr akzentfreies Englisch enthält mehr Kraftausdrücke, als man denken würde, und unter Schauspielerkollegen ist sie als begnadete Witzeerzählerin bekannt. Über Berufliches wie Privates spricht sie entwaffnend ehrlich. Auf die Frage, warum sie ihre Modelkarriere abbrach, antwortet sie: „Als zum dritten Mal die 60er wieder aufleben sollten, fragte ich: Ist das euer Ernst, schon wieder dieses Foto? Ich fand es wirklich sehr öde.“

Bevor sie zu modeln begann, tanzte sie Ballett. Seit sie elf Jahre alt war, reiste sie jeden Sommer von ihrem niedersächsischen 5.000-Einwohner-Heimatdorf Algermissen allein nach London und absolvierte Intensivkurse an der dortigen Royal Ballet School. Das klingt nach Schmerz, nach rigoroser Disziplin und Rivalität wie in Black Swan mit Natalie Portman, doch Kruger sagt, diese Reisen seien eine schöne Erinnerung für sie. „Bei mir zu Hause ging es eher chaotisch zu.“ Ihr Vater war Alkoholiker und selten da. Als Diane 13 Jahre alt war, ließen ihre Eltern sich scheiden.

Etwa um dieselbe Zeit machte eine Knieverletzung ihre Balletthoffnungen zunichte. „Ich glaube, ich hätte eh nicht das Talent zur Primaballerina gehabt“, sagt sie. „Ein Jahr lang war ich sehr deprimiert, aber heute sehe ich das als wichtige Lehre, die mir das Leben erteilt hat: Du kriegst nicht immer, was du willst. Und ich würde sagen, diese Erfahrung hat mich auf Umwegen auch zur Schauspielerei geführt. Weil ich so eine schwierige Kindheit hatte, konnte ich beim Tanz oder auf der Bühne meine Gefühle ausdrücken. Es ging mir darum, mein Leid oder meine Enttäuschung in Spiel umzusetzen und dafür belohnt zu werden.“

Ihre Modelkarriere begann, als sie mit 15 Jahren als Deutschlands Vertreterin zum Weltfinale des Wettbewerbs Look of the Year reisen durfte, ausgerichtet von der Agentur Elite. Es ist der Wettbewerb, mit dem auch Cindy Crawford und Gisele Bündchen bekannt wurden. Als Diane Kruger dann nach Paris ziehen sollte, war ihre Familie nicht begeistert. „Meine Mutter fand es am wichtigsten, dass ich in der Schule gut mitkam. Sie wollte unbedingt verhindern, dass ich später von einem Mann abhängig werden würde, ihr eigenes Leben war ja völlig auf den Kopf gestellt worden. Sie war sehr liebevoll, aber auch sehr streng, und dass ich modeln wollte, enttäuschte sie furchtbar. Sie sagte: Du siehst gar nicht aus wie ein Model. Sie erklärte mich für übergeschnappt.“

Les femmes allemandes à Paris

Französisch parliert Diane Kruger nicht nur in der schwarzen Komödie Mon idole (2002), als zu Unrecht verurteilte Mörderin im Thriller Pour elle (2008) und bei einem Cameoauftritt in Guillaume Galliennes Les garçons et Guillaume, à table! (2013). Anfang August trank sie in der Late Show mit Stephen Colbert Rosé und musste dem US-Publikum „Front National“ und „Donald Trump“ mit französischem Akzent vorsprechen. „Hört sich gut an, ist es aber nicht“, sagte Kruger.

In Paris ist sie gezeugt worden, verriet sie einmal in einem Interview, die Stadt war Ziel der Hochzeitsreise ihrer Eltern gewesen. Sie habe stets von einem Leben dort und „einem französischen Freund geträumt“. Als sie dann – noch Teenager – dort gelandet war, sprach sie kaum Französisch und ernährte sich nur von Baguette und Käse, um die Miete fürs Apartment zu bezahlen. Kruger lernte schnell, spielte später Molière und Victor Hugo an der Schauspielschule und schloss sie als Jahrgangsbeste ab. Zu ihrem Durchbruch verhalf ihr nicht zuletzt eine der (neben Hildegard Knef und der zum „Commandeur de la Légion d’Honneur“ ernannten Marlene Dietrich) größten deutschen Filmheldinnen in Frankreich jemals: „Seit Romy Schneider ist dieser Akzent hier so beliebt, dass die mich sofort akzeptiert haben“, sagt Diane Kruger.

Ihr fließendes Englisch dagegen hätte sie fast die Rolle in Inglourious Basterds gekostet. Beim Casting wollte Quentin Tarantino sie erst gar nicht sehen. Er dachte, Kruger sei „eine Amerikanerin mit deutscher Oma“, wollte aber für die Rolle der Bridget von Hammersmark einen echten deutschen Akzent. Den bekam er dann. Als die Süddeutsche Zeitung Diane Kruger 2011 fragte, mit wem sie denn endlich einmal zu Hause in Deutschland drehen würde, fragte sie zurück: „Wie heißt denn der, der Gegen die Wand gemacht hat?“ Sebastian Puschner

Diane Kruger lacht. „Heute bin ich älter und könnte selbst eine Tochter in dem Alter haben, wie ich damals war. Nun kann ich meine Mutter für ihr Vertrauen in mich nur bewundern – denn auf keinen Fall würde ich heute mein eigenes 16-jähriges Kind für ein Jahr zum Modeln nach Paris gehen lassen.“

Dass sie mit Mitte 20 zur Schauspielerei wechselte, hatte wiederum viel mit ihrem nüchternen Blick auf sich selbst zu tun. Auch wenn sie mehrmals auf dem Cover der Vogue erschien und in der Werbung von Chanel und Giorgio Armani auftrat, fühlte sie sich wie ein Schwan, der dauernd strampeln muss, um weiterzukommen. „Ich sehe wirklich nicht wie ein Model aus. Ich bin nur 1,70 Meter groß, fast zehn Zentimeter unter Modelmaß, ich hatte immer große Zweifel an meinem Aussehen und setzte mich deshalb schrecklich unter Druck. Sobald ich entschieden hatte, das tue ich mir nicht länger an, wurde mein Leben sehr viel besser.“

Kein Vergleich mit Roberts

Auf die Rolle der Helena von Troja, die sie schon bald nach dem Wechsel ergatterte, blickt sie mit gemischten Gefühlen zurück. „Ich war sehr eingeschüchtert, ich wusste ja, die haben mich jetzt nicht engagiert, weil ich Julia Roberts bin. Es war das dickste Ding, das es zu der Zeit in Hollywood zu kriegen gab – und ich war vorher noch nie in Hollywood gewesen. Nun konnte ich mir einen Agenten leisten. Vorher hatte ich einen einzigen Film gemacht, und nun war ich plötzlich weltbekannt, oder zumindest mein Gesicht.“

Kruger ist vorsichtig geworden bei der Auswahl ihrer Rollen, vor allem in US-amerikanischen Filmen. Bei The Infiltrator sagte sie vor allem wegen Cranston zu. „Es ist schwer, in Los Angeles oder sogar in England irgendeinen Schauspieler zu finden, der nicht mit Bryan Cranston arbeiten will. Ein Charakterdarsteller, der zum Filmstar wird – das gibt es nicht oft. Du vergisst, wer er wirklich ist, sein Gesicht wird ganz anders. Als wir The Infiltrator abgedreht hatten, traf ich ihn auf einer Party und erkannte ihn nicht wieder. Er ist definitiv einer der besten Schauspieler, mit denen ich jemals gearbeitet habe.“

Der Film hat eine kuriose Entstehungsgeschichte. Regie führte Brad Furman, bekannt geworden mit dem Thriller Der Mandant, und das Drehbuch – was ein Novum in der Filmgeschichte sein dürfte – hat seine Mutter verfasst: Ellen Brown Furman, eine ehemalige Anwältin, die erst mit über 60 Jahren zu schreiben begann. „Das war eine, gelinde gesagt, interessante Dynamik, aber ich fand es bezaubernd“, sagt Kruger. „Brad ist so ein herzensguter Junge, der seine Mutter vergöttert.“ Und obwohl der Film im warmen Florida spielt, wurde er aus Budgetgründen größtenteils in Großbritannien gedreht, obendrein im regnerischen Frühjahr.

Groß gefeiert hat Diane Kruger nicht, als sie nun 40 wurde. Kurz danach kam die offizielle Bestätigung, dass sie und ihr Partner, der kanadische Schauspieler Joshua Jackson, sich nach über zehn gemeinsamen Jahren getrennt hatten. „Es war keine besonders spaßige Zeit, es war eher eine Phase des Übergangs“, sagt Kruger mit einem ironischen Schnauben. „Aber eine sehr positive.“

Hatte sie nicht das Bedürfnis, am Beginn eines neuen Lebensjahrzehnts eine persönliche und berufliche Bilanz zu ziehen? „Wenn Sie mich das vor einem Jahr gefragt hätten, hätte ich tatsächlich gesagt, überhaupt nicht, das ist mir nicht wichtig. Und das ist es auch wirklich nicht. Aber mich beschleicht so ein Gefühl, dass ich keine Zeit verschwenden sollte. So ein ‚Ich will tun, was ich tun will‘-Gefühl oder: ‚Ich möchte mit dem Mann zusammen sein, mit dem ich zusammen sein möchte.‘ Ich muss auf mich selbst hören, nun gibt es keine Ausreden mehr. Ich werde endlich im Jetzt leben.“

Karrieremäßig jedenfalls kann Diane Kruger von einer Glückssträhne sprechen. Und sie wirkt geradezu erleichtert, nun in eine Lebensphase einzutreten, in der es nicht mehr dauernd um ihr Aussehen geht. „Zu ungefähr 70 Prozent spielt sich meine Karriere in Frankreich ab, und Frankreich ist ein wunderbarer Ort für Frauen, die älter werden. Mich schreckt das überhaupt nicht. Ich spüre und glaube wirklich, dass das Beste noch kommt. Ich fühle mich zurzeit mit mir selbst und mit meinem Leben wohler als im gesamten vergangenen Jahrzehnt.“

Angst vor Akin

Als Nächstes spielt Diane Kruger die Tochter zusammen mit Catherine Deneuve in Tout nous sépare von Thierry Klifa. „Das ist ein richtig abgefuckter Film – ich liebe jede Sekunde!“ Noch begeisterter zeigt sie sich von einem Projekt mit Fatih Akin. Kruger lernte den deutsch-türkischen Regisseur 2012 in Cannes kennen, als sie in der Festivaljury saß. Seinen neuen Film mit dem Titel Aus dem Nichts hat Fatih Akin auf sie als Darstellerin zugeschrieben. Die Dreharbeiten sollen diesen Oktober in Hamburg beginnen.

„Ich möchte nicht zu viel verraten, aber meine Rolle ist weit entfernt von dem, was die Leute physisch in mir sehen. Es ist eine Verwandlung, und ich hatte noch nie so große Angst vor einem Film wie vor diesem! Seit einem Monat oder so träume ich jede Nacht davon. Ich kann es kaum erwarten anzufangen, aber gleichzeitig fürchte ich mich sehr vor der emotionalen Belastung. Ich habe wirklich Angst!“, sagt sie noch mal – und kichert.

Vielleicht wird das ja der Film, mit dem Diane Kruger ihr Image endlich loswird.

Tim Lewis arbeitet als Autor für den Observer

Übersetzung: Michael Ebmeyer

06:00 19.10.2016
Geschrieben von

Tim Lewis | The Guardian

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