Gegen das Schweigen

Pop Wie geht die Pop-Musik mit dem Thema "Gewalt gegen Frauen" um? Eine Gender-Forscherin hat Songs untersucht. Ihr Ergebnis: Musik kann helfen, das Schweigen zu brechen

1962 veröffentlichte die Band The Crystals einen Song mit dem Titel "He Hit Me (And it Felt like a Kiss)". „If he didn’t care for me“, trällerte die Band, die eine der beliebtesten „Girl Groups“ ihrer Zeit war, „I could have never made him mad. But he hit me and I was glad.“ Schläge werden in dem Song als Zeichen der Zuneigung gedeutet, als Beweis des Interesses des Mannes an der Frau.

Deborah Finding vom Institut für Genderforschung an der London School of Economics rezitiert diese Zeilen mit monotoner Stimme, bevor sie fortfährt: „Der Text lässt einen noch mehr frösteln, wenn man bedenkt, was wir über Phil Spector, den Produzenten der Band, so alles wissen. Nicht nur, dass er Lana Clarkson umgebracht hat, sondern auch, wie er Ronnie Bennett von den Ronettes behandelt hat.“ Ronnie war von 1968 bis 1972 Spectors Ehefrau. In ihrer Autobiographie behauptet sie, er habe im Keller einen goldenen Sarg mit einem gläsernen Deckel aufbewahrt und ihr gedroht, er werde sie umbringen, wenn sie ihn verlassen sollte.

Finding hat unlängst ihre Doktorarbeit vollendet. Sie trägt den Titel „Give Me Myself Again – Sexual Violence Narratives in Popular Music“. Der erste Teil des Titels ist dem Song "Little Earthquakes" von Tori Amos entnommen, die sie eine „Schutzpatronin gegen sexuelle Gewalt“ nennt. Amos erzählt in dem Song von ihrer eigenen Vergewaltigung.

Finding hat viel Zeit damit verbracht, mit Amos’ Fans zu Konzerten in den USA und in Großbritannien zu reisen und sie hat Online-Befragungen durchgeführt, um zu untersuchen, welchen Einfluss Amos’ Musik auf sie hat. „Ich hatte damit gerechnet, dass sich etwa 50 Testpersonen melden“, sagt sie. „Am Ende waren es 2.000. 98 Prozent der Befragten gaben an, Amos’ Musik würde ihnen emotionalen Halt geben.“

Wieviele hatten das Gefühl, dass Amos ihre eigenen Erfahrungen ansprach? „Die Zahl bestätigte die These, dass jede vierte Frau schon einmal sexuelle Gewalt erfahren hat“, sagt Finding. Shannon Lambert, eine 30 Jahre alte Frau aus Minneapolis fühlte sich durch Amos’ Song so bestärkt, dass sie das Online-Forum Pandora’s Aquarium (auch dies der Name eines Tori-Amos-Songs) gründete, das anderen Opfern seelische Unterstützung bieten soll. Lambert sei im Alter von 15 Jahren vergewaltigt worden, erzählt Finding: „Es half ihr, sich zu öffnen, als sie hörte, dass da eine Frau über eine ähnliche Erfahrung sang.“

Die Angst, dass einem keiner glaubt

Was die meisten Frauen davon abhält, sich „zu öffnen“, ist die Angst, dass ihnen keiner glauben wird. „Es ist nicht einfach, zu erzählen, was sich abgespielt hat, wenn es nicht den allgemeinen Erwartungen entspricht“, betont Finding. Sie kritisiert, dass der typische Vergewaltiger in Fernsehfilmen und -serien als ein fremder Mann dargestellt wird, der in einer finsteren Gasse lauert. Die meisten Opfer jedoch kennen ihre Täter. „In der Popmusik werden ganz unterschiedliche Varianten des Themas erzählt, die ich so in anderen Medien nicht gefunden habe.“

Deborah Findings Eltern betrieben eine Diskothek. „Unser Schrank zuhause lief über vor Maxi-Singles“, erzählt sie. Sie selbst hat eine eindrucksvolle Sammlung von 2.000 CDs in ihrer Wohnung im Londoner Westen. „Ich habe immer sehr genau auf die Songtexte geachtet,“ erzählt sie. Das sollte von Vorteil sein, als sie ihr Projekt in Angriff nahm, das direkt an ihre Arbeit mit Vergewaltigungsopfern anschloss. Seit ihrem Abschluss in Cambridge 2000 hatte sie für mehrere Nichtregierungsorganisationen gearbeitet. Sie hat einen Abschluss in Philosophie und Theologie. „Ich habe mich schon immer dafür interessiert, wie Menschen über ihre Traumata erzählen und ob ihnen Glauben geschenkt wird oder nicht.“

„Ich wollte eine Doktorarbeit schreiben, die dazu beiträgt, dass wir besser verstehen, wie häusliche und sexuelle Gewalt in unserer Gesellschaft repräsentiert werden und wie unsere persönliche und politische Einstellung zu diesen Themen dadurch beeinflusst wird.“

Ende der achtziger Jahre und in den frühen Neunzigern, so Finding, sei häusliche Gewalt als gesellschaftliches aber vor allem auch als individuelles Problem wahrgenommen worden. „Deshalb gibt es aus dieser Zeit eine ganze Reihe von Songs, die das feministische Bewusstsein für das, was sich da hinter verschlossenen Türen abspielte, widerspiegeln.“

Tracy Chapman sang über die Schreie hinter der Wand und die Polizei, die immer zu spät kommt, wenn sie denn überhaupt kommt. Dann war da Suzanne Vegas "Luka" über Gewalt gegen Kinder („If you hear something late at night/ Some kind of trouble, some kind of fight/ Just don't ask me what it was“) und der Song "Woman in the Wall" von The Beautiful South („Cry freedom for the women in the wall/ cry freedom for she has no voice at all“). Alanis Morissette und Sheryl Crowe schrieben über eine Grauzone der sexuellen Ausbeutung, über junge Mädchen, die von älteren Männern benutzt werden.

Finding schreibt in ihrer Doktorarbeit fast ausschließlich über Künstlerinnen. Was ist mit den Männern? Welche Rollen spielen Gansta-Rap und Hip-Hop, die oft ein frauenfeindliches Verhalten propagieren? „Darüber würde an anderer Stelle genug geschrieben“, betont die Autorin. „Mich stört außerdem an dieser Debatte, dass sie einen rassistischen Unterton hat. Schwarze Künstler werden verdammt, wohingegen man bei Bands wie den Rolling Stones oder den Stranglers äußerst unangenehme Songtexte durchgehen lässt. Mich hat mehr interessiert, wie Frauen selbst ihre Erfahrungen mit sexueller Gewalt erzählen und wie sie sich die Erfahrungen anderer Frauen vorstellen.“

Ist heute alles gut?

Immerhin dürfte ein Song wie der Crystals-Hit, in dem es darum geht, dass sich Schläge wie Küsse anfühlen, heute kaum mehr geschrieben werden. Oder doch? „Wir nähern uns in der post-feministischen Ära wieder dem Ausgangspunkt“, sagt Finding. „Die britische Band Florence and the Machine, die in diesem Jahr gute Aussichten auf den renommierten Mercury-Preis hat, veröffentlichte vor kurzem einen Song mit dem Titel "A Kiss With a Fist is Better Than None". Gewalt wird da in einer Weise mit Leidenschaft gleichgesetzt, die mir auf traurige Art bekannt vorkommt.“

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18:10 25.11.2009
Geschrieben von

Chris Arnot, The Guardian | The Guardian

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The Guardian

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