Gehen und Bleiben

Irak Trotz der Bomben und Gefechte weigern sich viele Einwohner Mossuls, ihre Wohnungen zu verlassen
Martin Chulov | Ausgabe 02/2017
Gehen und Bleiben
Anfang Januar im schon befreiten Viertel al-Quds, im Osten der Stadt

Foto: Ahmad Al-Rubaye/AFP/Getty Images

Auf einer Hauptstraße, die ins Zentrum von Mossul führt, haben sich kurz hinter der Stadtgrenze Menschentrauben gebildet. Man sieht schwarz gekleidete Frauen neben Kindern in bunten Wintermänteln. Alte sitzen vor schmutzigen weißen Wänden auf Bänken, ein junger Bursche wirbt auf einem Eselskarren um Kundschaft, die seine Maisfladen kauft. In den vergangenen Wochen lief das Geschäft für ihn gut, als viele Menschen hier vorbeikamen, um sich vor den näher rückenden Kämpfen in Richtung eines gut 50 Kilometer östlich gelegenen Flüchtlingslagers in Sicherheit zu bringen. Doch damit ist es längst vorbei. Die wenigen Kunden, die Mohammed Ismail gegenwärtig hat, das sind Leute, die gerade auf dem ersten improvisierten Markt seit der Vertreibung des Daesch, wie der „Islamische Staat“ (IS) genannt wird, Lebensmittel erworben haben und diese nun in ihre Wohnungen transportieren wollen.

Das geschieht gut zwei Kilometer von der Front entfernt. Den Lärm der Gefechte in Hörweite, scheinen diese Einwohner Mossuls keine Veranlassung zu sehen, ihre Stadt fluchtartig zu verlassen. Bislang sind offiziell etwa 73.000 Flüchtlinge registriert, von denen der weitaus kleinere Teil aus Mossul stammt. Die Mehrzahl kommt aus den umliegenden Städten und Dörfern der Ninive-Ebene und will Luftangriffen entkommen, mit denen die Anti-IS-Allianz Schneisen durch die vorgezogenen, oft sehr vereinzelten Verteidigungsstellungen der Dschihadisten schlagen will. Denn die irakische Armee hat erst einen kleinen Zipfel von Mossuls äußerstem Osten eingenommen, sodass von einem Vor- oder gar Durchmarsch längst keine Rede sein kann. Es deutet einiges darauf hin, dass der immer wieder prophezeite Exodus – Hilfsorganisationen waren von über einer Million Flüchtlinge ausgegangen – auch dann ausbleiben könnte, wenn die Truppen tiefer in die Stadt vorstoßen und mit Straßenkämpfen zu rechnen ist. Nur wann wird das sein?

Vorerst jedenfalls nicht, was auch auf taktische Differenzen zwischen der Nationalarmee und den schiitischen Milizen (PMU) oder Haschd al-Schaabi zurückgeht, die aus der Mossul-Front ausscheren und in Richtung Tal Afar vorgerückt sind, einer Stadt in der Grenzregion zu Syrien, die mehrheitlich von Turkmenen bewohnt ist. Für den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan wird da eine „rote Linie“ überschritten, Ankara hat angekündigt, türkische Truppen zu schicken, sollten die Schiiten die Stadt einnehmen wollen.

Nur ein Augenblick

„Es ist besser, hier stehenden Fußes zu sterben, als im Schmutz und in der Enge von Lagern zu leben“, begründet der 50-jährige Mohammed Ahmed Mohammed aus dem Vorort Gogali, der mit vier älteren Männern zusammen in der milden Wintersonne sitzt, seine Entscheidung, in Mossul zu bleiben. Lastkraftwagen der Armee dröhnen vor der Gruppe die Straße auf und ab. Um eine Hilfsstation in der Nähe haben sich Familien versammelt. Einheimische machen sich unter der aufgeklappten Motorhaube eines liegengebliebenen Armeetrucks zu schaffen. Langsam öffnen Werkstätten und andere Handwerker-Ateliers wieder, die seit Oktober, seit Beginn der Schlacht um die Millionenstadt, geschlossen waren.

„Um ehrlich zu sein, hat mich das Verhalten der irakischen Armee bislang überrascht“, meint Anwar Taufiq. „Sie haben uns bislang gut behandelt. Vor ihrer Ankunft fürchteten wir die Soldaten. Jetzt ist es ganz normal, dass sie hier stationiert sind.“ Die Präsenz der vorwiegend aus Schiiten rekrutierten Streitkräfte an der Peripherie des fast ausschließlich sunnitischen Mossul bleibt brisant, weil die Anhänger des Daesch bei weitem nicht nur die Kämpfer des Daesch sind. In den drei Jahren, bevor die Millionenstadt Mitte 2014 an die sunnitischen Extremisten fiel, gab es große Spannungen zwischen den beiden Konfessionen, sodass die Annahme berechtigt schien, eine Rückeroberung werde eher entlang religiöser statt ethnischer Linien ausgekämpft und Mossul weiter spalten, statt zu vereinen.

„Wir wissen noch immer nicht, was als Nächstes kommt“, sagt Mujahid Sultan, Apotheker im Vorort Gogali, der gerade sein Geschäft wieder eröffnet hat. „Für den Augenblick jedenfalls gibt es mehr Gründe, zu bleiben, als zu gehen. Ich muss mir nur ständig selbst einreden, dass es möglich ist, mehr Medikamente zu bekommen“, ergänzt er und weist auf nahezu leere Regale. „Der Daesch war sehr streng in Bezug auf Schmerzmittel, die wir führen durften. Da kannten sie keine Gnade. Es waren ihre Frauen, die das Geschäft kontrollierten, dabei Waffen trugen und konfiszierten, was ihnen nicht passte.“

Mujahids Apotheke liegt weit genug von der Front und den improvisierten Vorposten der irakischen Armee entfernt. Nebenan bietet auch ein Friseur wieder seine Dienste an. Im provisorischen Salon verpasst der Physikstudent Ahmed Taher Majid, der sein Studium unterbrechen musste, als der IS Mossul einnahm, und solange als Friseur gejobbt hat, der Haartracht des 14-jährigen Saif Rayan gerade den letzten Schliff. Er könne jetzt wieder weitaus kreativer sein, so Ahmed Taher, während er noch ein paar Härchen von Saifs akkurat gezogener Nackenlinie abschneidet. „Zu Zeiten des Daesch war es immer der gleiche Schnitt. Sie können sich nicht vorstellen, wie viele Bärte ich in den vergangenen Tagen plötzlich abrasieren sollte. Für mich sind die Geschäfte noch nie besser gelaufen “, freut er sich. „Warum sollte ich ausgerechnet jetzt weggehen?“

Fleisch am Haken

Dieser Teil von Gogali ist eine Enklave für die Minderheit der Schabak, die der Daesch als islamisch einstufte und in Ruhe ließ. „Anders war es, wenn wir rauchten“, sagt Ahmed Taher und deutet auf seinen Rücken. „Sie haben mich mit einem Lederriemen geschlagen, weil ich mich nicht an das Rauchverbot hielt, und 2.000 Dollar Strafe verlangt“, sagt er und inhaliert den Rauch einer Zigarette.

Zurück an die Hauptstraße. Hier haben Händler improvisierte Verkaufsstände aufgestellt. Gleich neben dem noch immer auf Kundschaft wartenden Vermieter von Eselskarren hängt frisch geschlachtetes Hammelfleisch am Haken. Eine Familie hat Taschentücher und Obst auf einer zum Tisch umfunktionierten Tür ausgelegt. „Solange der Daesch hier war, konnten wir das nicht machen“, erzählt einer der Verkäufer. „Sie hätten uns rausgeworfen oder einen Anteil am Gewinn verlangt.“

Eine Patrouille der irakischen Armee hält an, ein Soldat winkt einen Jungen zu sich und gibt ihm einen Kanister mit Wasser für dessen Familie, die gleich nebenan wohnt. Der Junge bedankt sich und reicht den Behälter zunächst an ein paar Frauen weiter, die ihre schwarzen Gesichtsschleier anheben und begierig trinken.

Im gleichen Augenblick ist eine Gewehrsalve zu hören, Kugeln zischen über die Menge hinweg und prallen von Straßenschildern zurück. Menschen, die eben noch miteinander redeten und sich erwartungsvoll umsahen, wechseln blitzschnell zurück in den Kriegsmodus und gehen in Deckung. Es hieß, irakische Truppen hätten die Gegend gesäubert, die Frontlinie liege ausreichend weit entfernt, doch jetzt reißt der Beschuss nicht ab und kommt von mindestens zwei Positionen. In der Nähe schlagen sogar Mörsergranaten ein.

Busse, die gekommen sind, um Menschen zu evakuieren, die aus der Stadt wegwollen, vollführen hektische Wendemanöver und versuchen, dem Chaos zu entkommen. Die Straße durch Gogali mit den zu Kugelfängen umgestürzten Marktständen sieht nun nicht mehr so aus, als würden hier in den nächsten Tagen wieder Menschen versuchen, zur Normalität zurückzukehren und sich einzurichten.

Schon bevor es diesen Überraschungsangriff gab, hat Mohammed Ahmed Mohammed vorhergesagt, ihre Peiniger würden zurückkehren, bevor der Krieg zu Ende wäre. Aber wann werde der jemals zu Ende sein? „Es ist für den Daesch ein Leichtes, Menschen zu töten“, sagt er. „Sie fürchten sich vor niemandem und haben keinen wahren Glauben. Sie sind in Eile aufgebrochen, aber tatsächlich weg sind sie nicht“, fährt er fort und deutet durch die Bäume auf die umstehenden Häuser. „Aber selbst wenn sie zurückkommen – wir bleiben. Diese belebten Straßen zeigen, dass die Leute ein ganz normales Leben führen möchten.“

Martin Chulov ist seit 2005 Mittelost-Korrespondent des Guardian

Übersetzung: Holger Hutt

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06:00 25.01.2017
Geschrieben von

Martin Chulov | The Guardian

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The Guardian

Ausgabe 32/2020

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