Geld für kein Öl

Umweltschutz Ecuador fordert von der internationalen Gemeinschaft 3,6 Millionen Dollar dafür, die Ölreserven im Amazonas-Gebiet zugunsten der Umwelt nicht auszubeuten. Dies ruft auch andere Länder auf den Plan - unter anderem Saudi-Arabien

Wieviel wären Sie bereit für den biologisch vielfältigsten Flecken Erde zu bezahlen? Es geht um 175.000 Hektar unberührte Natur im Amazonas, Heimat mehrerer autochthoner Stämme ohne nennenswerten Kontakt zur Außenwelt, mehrerer Tausend Baumarten und natürliche Lagerstätte von knapp einer Milliarde Barrel Rohöl.

Ecuador – Land der Galapagos-Inseln, der Anden und gewaltiger Regenwälder, die reich an Ölvorkommen sind – hat vom Rest der Welt 3,6 Milliarden Dollar dafür gefordert, dass es die Erdölvorräte im Gebiet Ishpingo-Tiputini-Tambococha (ITT) im Yasuni-Nationalpark nicht ausbeutet. Ein Spottpreis, meint die ecuadorianische Regierung, wenn man bedenke, dass das Öl allein sieben Milliarden Dollar wert sei, oder dass die 407 Millionen Tonnen CO2, die durch das Verbrennen des Öls entstehen würden, auf den globalen CO2-Märkten fünf Milliarden Dollar wert wären.

Doch weder das Ölfeld noch der Nationalpark selbst stehen zum Verkauf und ein einzigartiger, rechtsverbindlicher Treuhandfonds, der nun von der ecuadorianischen Regierung und der UN eingerichtet worden ist, schreibt vor, dass weder das Öl noch das Holz im Yasuni jemals gefördert oder gerodet werden dürfen. Stattdessen sind Geberländer, Philanthropen und Einzelpersonen weltweit eingeladen, das Geld im Gegenzug für eine Nicht-Ausbeutungs-Garantie zu zahlen.

Das Konzept, dass die reichen Länder die armen dafür entschädigen, dass sie ihre Wälder nicht abholzen, wird derzeit bei den Klimagesprächen in Bonn stark beworben. Doch die Idee, dass arme Länder Geld dafür erhalten, ihre wertvollen Ölreserven nicht zu fördern, ist das bislang radikalste und weitsichtigste Konzept.

Deutschland zeigt Interesse

„Ziel ist, die Artenvielfalt zu erhalten und Emissionen, die den Klimawandel beschleunigen, zu vermeiden. Ecuador ist ein Öl exportierender Staat und es hat sich gezeigt, dass die Ölvorkommen in Yasuni 20 Prozent der gesamten Ölvorräte des Landes ausmachen“, erläuterte Helga Serrano vom ecuadorianischen Außenministerium gestern in Bonn. „Wir werden das Öl dann definitiv unter der Erde lassen. Wir glauben, dass 3,6 Milliarden ein fairer Beitrag für die Industrienationen sind.“ Bislang zeigen nur europäische Länder Interesse. Deutschland hat erklärt, es sei eventuell bereit, 800 Millionen Dollar innerhalb von 13 Jahren zu zahlen. Auch Spanien, Frankreich und die Schweiz sollen das Angebot in Betracht ziehen. Guatemala und Nigeria haben Ecuador um Hilfe bei der Ausarbeitung ähnlicher Konzepte gebeten.

Die ecuadorianische Regierung hatte ihren Plan 2007 das erste Mal zur Diskussion gestellt, damals bat sie um 350 Millionen Dollar im Jahr, wenn sie das Öl im Yasuni-Park unter der Erde lassen würde. Doch die internationale Gemeinschaft ließ sich nur sehr langsam für die Idee erwärmen. Das Geld würde vom Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen (UNDP) verwaltet werden und direkt in den Schutz der 4,8 Millionen Hektar Land in den anderen Nationalparks in Ecuador – darunter auch die Galapagos Inseln –, in die Entwicklung alternativer Energiequellen und in den Bau von Schulen und Krankenhäusern für die indigenen Gruppen fließen.

Artenschutzgruppen sind überwältigt vom biologischen Reichtum des Nationalparks, der an der Schnittstelle zwischen Amazonas, Anden und Äquator liegt. Unlängst wurden innerhalb eines einzigen Hektars 640 Baum- und Straucharten entdeckt – das ist die größte Vielfalt weltweit und mehr Arten, als in ganz Nordamerika vorkommen. Außerdem leben dort 20 bedrohte Säugetierarten, darunter Jaguare, Otter, Affen und mehrere Hundert Vogelarten.

Bloßes Ablenkungsmanöver?

Der Sturm auf das Öl im Amazonasgebiet spaltet seit langem die Regierungen und die Bevölkerungen. Ecuador kämpft eine gigantische Schlacht gegen die US-amerikanischen Ölfirmen, die die von ihnen verursachte Verschmutzung beseitigen sollen. In den Nachbarländern Peru und Kolumbien geraten Regierungskräfte und indigene Gruppen aneinander. Kritik kam gestern auch von Menschenrechtsgruppen, die der ecuadorianischen Regierung vorwerfen, sie nutze die Naturschutz-Initiative, um von ihren Plänen abzulenken, andere Teile des Amazonas der Ölförderung öffnen und alte Ölfelder wiedereröffnen zu wollen, die aufgrund des Widerstands indigener Völker geschlossen worden waren. Naturschützer hingegen priesen die Einrichtung eines UN-Treuhandfonds für Yasuni als „historisch“.

„Wir begrüßen diesen lange angestrebten letzten Schritt, um einen wichtigen Teil des Yasuni-Nationalparks zu schützen“, erklärte Kevin Koenig, der die Aktivitäten von Amazon Watch in Ecuador koordiniert. „Er ist eine große Errungenschaft für Ecuador und für die Welt. Nun müssen wir dafür sorgen, dass mehr Länder mitmachen und Präsident Correa sein Wort hält.“ „Wir streben nicht weniger an, als ein neues Paradigma für Entwicklung. Das will auch die Mehrheit der ecuadorianischen Bevölkerung. Yasuni wird für Generationen geschützt bleiben“, sagt Daniel Ortega, Sprecher des Umweltministeriums.

Doch es gibt auch Umweltschutzorganisationen und indigene Verbände, die davor warnen, dass das Abkommen nur den östlichen Rand des Yasuni Nationalparks betrifft und den Rest für Ölförderungs- und Bergbauprojekte offen lässt. Der Petrochemiekonzern Repsol und der chinesische Erdölkonzern Andes Petroleum fördern im Westen des Nationalparks Öl und die ecuadorianische Regierung erklärte im Juli, sie werde Ölfelder in der Provinz Pastaza im Süden anbieten.

Die Dachorganisation CONAIE, die einen Großteil der indigenen Völker Ecuadors vertritt, warnte, der mit der UN ausgehandelte Deal sei noch lange nicht das Ende des Kampfes. „Wir wollen nicht, dass Correa die Einnahmen, die ihm verloren gehen, wenn er das Öl in Ishpingo-Tiputini-Tambococha unter der Erde lässt, damit ausgleicht, dass er andere Gebiete ähnlich unberührten indigenen Landes freigibt“, erklärte ihr Vorsitzender Marlon Santi vor der Presse. Skeptiker stellen angesichts einer geplanten neuen Öl-Raffinerie und Milliarden von Dollar, die jedes Jahr auf den Import und die Subvention von Benzin und Diesel verwendet werden, auch allgemein in Frage, wie grün Ecuador wirklich denkt.

Geradezu grotesk muten im Vergleich dazu die Entschädigungsforderungen eines anderen Landes an. Saudi-Arabien, das über die größten Ölvorräte der Welt verfügt und im vergangenen Jahr knapp 300 Milliarden Dollar mit Ölexporten umgesetzt hat, möchte für Verluste entschädigt werden, sollte die Produktion zurückgehen, wenn ein neues Klimaabkommen geschlossen wird.

Saudi-Arabien zieht nach

Saudi-Arabien und einige andere Opec-Länder erklärten, sie müssten ihre Volkswirtschaften einer Welt anpassen, die weniger Öl verbraucht und könnten bis zu 19 Milliarden Dollar im Jahr verlieren, wenn die Einsparung fossiler Brennstoffe verbindlich werde. Sie argumentieren weiter, Öl und Sand seien ihre einzigen Ressourcen und es nicht gerecht, sie zu bestrafen. Saudi-Arabien hatte die Idee eines Ausgleichs für verlorene Öl-Einnahmen bereits bei den Vorverhandlungen zu Kopenhagen in Bangkok eingebracht.

Das Prinzip einer Ausgleichszahlung für Länder, die wirtschaftlich oder gesellschaftlich vom Klimawandel betroffen sind, wurde bei den UN-Gesprächen zwar aufgenommen, doch das Unbehagen darüber, dass ein Land, das zunächst den vom Menschen verursachten Klimawandel geleugnet und lange Zeit gegen ein neues Klimaabkommen gekämpft hat, nun von den für die Armen vorgesehenen Geldern profitieren soll, ist groß.

Delegierte der Allianz der kleinen Inselstaaten (Aosis) erklärten in Bonn, es sei „absurd“, wenn zugelassen werde, dass Saudi Arabien Anpassungs-Gelder beanspruchen könne. „Das widerspricht dem Geist der Gespräche. Es geht darum, den Armen dabei zu helfen, sich an etwas anzupassen, das sie nicht verursacht haben“, erklärte ein Diplomat, der namentlich nicht genannt werden möchte. „Davon abgesehen würde der kleine Geldtopf, den die reichen Länder zur Verfügung stellen, extrem geschröpft werden, wenn Länder wie Saudi Arabien Ansprüche stellen können.“

Und auch eine groß angelegte Studie der Internationalen Energiebehörde aus dem vergangenen Jahr stellt Saudi-Arabiens Kompensations-Ansprüche in Frage. Sie kam zu dem Ergebnis, dass die ölproduzierenden Länder noch viele Jahre lang keine Verluste machen werden. Von der saudischen Delegation wird das stark angefochten.

Übersetzung: Christine Käppeler

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12:20 09.08.2010
Geschrieben von

John Vidal | The Guardian

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