Joanna Moorhead, The Guardian
18.08.2009 | 13:45 1

Geld oder Baby

Kinder Die Geschichte zeigt: In Zeiten der Rezession sinkt die Zahl der Geburten. Doch das krisengeplagte Island verzeichnet gerade einen Geburtenboom. Was ist da los?

Das Getrampel kleiner Füße wird in Island zur Zeit offenbar lauter. Hat das etwa etwas mit der Bankenkrise zu tun? Die Geburtenrate ist in diesem Jahr um 3,5 Prozent angestiegen und hat dem Land damit die höchste Zahl an Neugeborenen seit mindestens einem halben Jahrhundert beschert. „Ich denke, viele von uns haben Trost in Liebe und Sex gesucht“, schreibt die bekannte Bloggerin Alda Sigmundsdóttir wehmütig.

Eigentlich ist es widersinnig, in wirtschaftlich harten Zeiten mehr Kinder zu bekommen und es gibt auch kein historisches Beispiel für solch einen Fall. Das ganze 20. Jahrhundert hindurch gingen die Geburtenraten in wirtschaftlichen schwierigen Zeiten stets eher zurück. So beispielsweise in den USA der dreißiger Jahre - damals fiel die Rate von drei auf zwei Kinder pro Frau. In nachfolgenden Rezessionen wiederholte sich dies.

Was also ist los in Island? Helga Gottfreösdóttir, Professorin für Geburtshilfe an der Universität von Island, sagt, das Land habe bereits vor der Krise einen Anstieg der Geburtenrate verzeichnet. Sie sei von 2,09 Geburten pro Frau auf 2,14 gestiegen (in Großbritannien liegt sie bei 1,95, in Frankreich bei 2,02). Angesichts der mit 320.000 geringen Bevölkerungszahl Islands, bedeutet der Anstieg in absoluten Zahlen lediglich 275 tatsächliche Geburten.

Gottfreösdóttir zeigt sich skeptisch, dass Island sich auf lange Sicht dem internationalen Trend widersetzen wird, fragt sich aber, ob ein Grund für den Anstieg vielleicht in Islands großzügigem Elternurlaub liegt. „Hier werden Eltern von Neugeborenen neun Monate lang freigestellt: Drei Monate die Mutter, drei Monate der Vater, und drei zusätzliche für einen von beiden.“

Noch besser treffen es die arbeitslosen Isländer mit Familienzuwachs. Sie bekommen sechs Monate lang ein Gehalt für die Kindererziehung bezahlt. Wer behauptet da noch, die Wirtschaft entscheide nicht über das Leben?

Übersetzung: Holger Hutt

Kommentare (1)