Gemeinsam ins Multiversum

Evolution Der Mensch spielt nicht nur für die Zukunft dieser Welt eine entscheidende Rolle. Sondern weit darüber hinaus

Es ist eine verbreitete Auffassung: Die wissenschaftlich untermauerte Weltsicht würdigt das Leben auf diesem Planeten zu einem bedeutungslosen Unfall herab. In einem Universum, , das unserer Existenz vollkommen gleichgültig gegenübersteht. Vor so einem absolut naturalistischen Hintergrund haben es die Menschen schwer, einen Sinn in ihrer Existenz zu entdecken, und deshalb wenden sie sich dem Glauben an übernatürliche Phänomene und Dinge zu. Tatsächlich aber offenbaren jüngere Ergebnisse aus der Evolutionsforschung ein viel umfassenderes Bild, eines, das aus sich selbst heraus einen Sinn des Lebens vermitteln könnte.

Die neue Weltsicht siedelt den Menschen in einem wesentlich weiter gefassten Evolutionsprozess an, und teilt uns eine bedeutende Rolle zu. Sie fußt auf der Erkenntnis, dass die Evolution zielgerichtet verläuft, einer bestimmten Entwicklungslinie folgt. Insbesondere die Evolution auf der Erde hat immer wieder kleine Gruppen von Gestalten auf immer breiterer Ebene in Gemeinschaften organisiert. Sich selbst reproduzierende Molekülen wurden in den allerersten Zellen zusammen gebracht. Aus Verbänden dieser einfachen, kernlosen Gebilde entwickelten sich komplexere Zellen mit Zellkern. Aus deren Verbänden entstanden wiederum mehrzellige Organismen, die sich dann in kooperativen Gesellschaften organisierten.

Der gleiche Ablauf scheint sich in der menschlichen Entwicklung auf immer höheren Stufen fortgesetzt zu haben: von familienähnlichen Gruppen zu Banden, zu Stämmen, zu landwirtschaftlichen Verbänden und Stadtstaaten, Nationen und so weiter. Diese Entwicklungslinie zeigt sich unabhängig davon, ob die Evolution durch genetisch bedingte, natürliche Zuchtwahl oder durch kulturelle Prozesse stattfindet. Sie wird mit dem Ziel angetrieben, dass Gruppenverbände mit gemeinsamen Interessen auf allen Ebenen der Organisation stets erfolgreicher sind als die vereinzelten Individuen.

Das Miteinander besiegt den Egoismus

Der Mainstream in der Biologie hat erst allmählich akzeptiert, dass die Evolution sich in Richtung immer größerer Kooperationen entwickelt. Die vorherrschende Meinung bestand lange Zeit darin, die Evolution bediene sich vielmehr des Egoismus, anstatt der Zusammenarbeit. Dieser Vorbehalt konnte in den vergangenen beiden Jahrzehnten durch unzählige Arbeiten über die Evolution der Zusammenarbeit ausgeräumt und überwunden werden. Kurz gesagt geht aus all diesen Forschungen hervor, dass es zwischen Indivuduen, die eigentlich eigene Ziele verfolgen, zu einer solchen Kooperation kommen wird, wenn sie davon profitieren. Diejenigen, die nicht kooperieren, werden hingegen bestraft. Entscheidend daran ist: Der vermeintliche Konflikt zwischen Egoismus und Zusammenarbeit wird gegenstandslos .

(Leser, die genauer wissen wollen, warum Biologen die Zielstrebigkeit der Evolution nur so langsam akzeptiert haben, sollten meinen Artikel für das Journal Foundations of Science lesen)

In welche Richtung wird sich die Evolution also bewegen? Aus der derzeitigen Entwicklung auf die Zukunft zu schließen ist zunächst einmal ziemlich einfach: Der nächste große Wandel auf der Erde wird zur Entstehung einer nachhaltigen und kooperativen Weltgesellschaft führen. Wie auf allen anderen Ebenen, so würde eine Kooperation der Weltgesellschaft interne Konflikte und zerstörerische Konkurrenz (einschließlich Krieg und Umweltverschmutzung) zurückdrängen. An zurückliegenden Ereignissen kann man ablesen, wie sich so eine Gemeinschaft organisieren könnte.

Leben reproduziert unser Universum

Verfolgt man diesen Verlauf weiter, dehnt sich die Ebene der Zusammenarbeit auf das Sonnensystem und über dieses hinaus aus. Wo immer dies möglich ist, würde die Expansion eher in kooperativer Verbindung mit anderen Lebensformen auftreten, als durch egoistisches Streben nach einem mächtigen Imperium. Die Wahrscheinlichkeit, dass wir irgendwo anders auf Leben stoßen, erscheint hoch, und auch wenn die Evolution auf anderen Planeten in ihren Details von der unsrigen abweichen mag, so wäre ihr Verlaufs doch universell.

Würde die Evolution diesen weiteren Verlauf nehmen, so erhöhte sich das Maß an kooperativer Organisation im gesamten Universum und schlösse dabei Lebensprozesse und Intelligenzen verschiedenen Ursprungs mit ein. Während sie an Intelligenz und Umfang zunähme, würde auch ihre Verfügungsgewalt über Materie, Energie und andere Ressourcen sich ausdehnen. Gleiches gilt für das Vermögen, selbstgesteckte Ziele zu erreichen.

Was würden organisiertes Leben und Intelligenz mit diesem Machtzuwachs anfangen, vor dem Hintergrund, dass unser Universum in seinen Feinheiten auf die Entstehung von Leben abgestimmt ist – und angenommen, der Verlauf der Evolution würde Leben und Intelligenz mit genügend Macht und Wissen ausstatten, unser Universum zu reproduzieren? Dieses intelligente Universum würde seine Nachwuchs-Universen so anpassen, dass diese sogar noch besser auf die Entstehung und Entwicklung von Leben eingerichtet wären. Und so weiter.

Innerhalb dieses Szenarios ist unser Universum selbst eingebettet in größere Evolutionsprozesse, die Universen formen. Und auch dem Menschen kommt eine Funktion und ein Sinn und Zweck innerhalb dieser größeren Prozesse zu – genau so wie dem Auge eine wichtige Rolle in der Entstehungsgeschichte des Menschen zugekommen ist.

Eier, die nie ausgebrütet wurden

Nicht alle Organismen, die sich so weit wie der Mensch entwickeln werden, beteiligen sich an den gerade beschriebenen, weit reichenden Prozessen. Bis jetzt wurde Evolution von Wettbewerb und Auswahl angetrieben, aber dieser Antrieb lässt mit der Entstehung einer Weltgesellschaft nach, weil diese Gesellschaft nicht in Konkurrenz zu anderen globalen Gesellschaften stehen wird. Die Evolution kann nur dann weiter voranschreiten, wenn sich die kommende Weltgesellschaft bewusst dazu entscheidet. Unsere Gesellschaft muss sich darüber klar werden, dass wir uns inmitten eines Evolutionsprozesse befinden und der Erfolg dieser Entwicklung von unserem Handeln abhängt. Wir müssen die Evolution aktiv voranbringen.

Organismen, die diesen Übergang vollenden, werden die weitere Entwicklung von Leben und Intelligenz im Universum bestimmen. Diejenigen, die das nicht schaffen, werden als gescheiterte Experimente der Evolution enden – als Eier, die nie ausgebrütet wurden. Die Menschheit bewegt sich mit großer Geschwindigkeit auf diesen entscheidenden Moment in der Evolution zu.

Übersetzung: Holger Hutt

John Stewart ist Mitglied in der Forschungsgruppe Evolution, Komplexität und Kognition der Universität Brüssel und Autor der Bücher Evolution`s Arrow und The Evolutionary Manifesto . Dieser Text ist eine stark gekürzte Version seines Papers The meaning of life in a developing universe, das sich gegenwärtig in Druck für eine Sonderausgabe des Journals Foundations of Science befindet.

Weiterführende Literatur:

- Nonzero: The Logic of Human Destiny by Robert Wright (Vintage, 2001)

- Evolution's Arrow: The Direction of Evolution and the Future of Humanity by John Stewart (Chapman Press, 2000)

-Nature's Magic: Synergy in Evolution and the Fate of Humankind by Peter Corning (Cambridge University Press, 2003)

-Wilson, DS, Wilson, EO (2007) Rethinking the theoretical foundation of sociobiology. The Quarterly Review of Biology; 82 (4): 327-348.Biocosm, the New Scientific Theory of Evolution: Intelligent Life is the Architect of the Universe by James Gardner (Inner Ocean Publishing, 2003)

12:35 14.03.2010
Geschrieben von

John Stewart | The Guardian

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