Gemeinsame Atom-PR

Großbritannien Die britische Regierung soll skandalöse Geheimabsprachen mit der Atomindustrie getroffen haben, um die Folgen von Fukushima zu verharmlosen. Der Grund: Acht AKW in Planung

Britische Regierungsvertreter sind an die Nuklearindustrie herangetreten, um eine gemeinsame PR-Strategie zu entwerfen, mit welcher der Atomunfall von Fukushima heruntergespielt werden sollte. Dies geschah gerade einmal zwei Tage nach dem Erdbeben und dem Tsunami in Japan. Das Ausmaß des Strahlungslecks war damals noch unbekannt.

Interne E-Mails, die dem Guardian vorliegen, zeigen, wie Wirtschafts- und Energieministerium hinter den Kulissen eng mit den multinationalen Konzernen EDF Energy, Areva und Westinghouse zusammengearbeitet haben. Gemeinsam wollten sie sicherstellen, dass ihre Pläne für eine neue Generation von Atomkraftwerken in Großbritannien nicht durch den Unfall zu Fall gebracht werden.

"Müssen Sicherheit der Kernenergie zeigen"

„Das hat das Potenzial, die Atomindustrie weltweit zurückzuwerfen“, schrieb ein Vertreter des Ministeriums für Wirtschaft, Innovation und Kompetenzen, dessen Name unkenntlich gemacht wurde. „Wir müssen sicherstellen, dass die Anti-Atom-Typen dadurch nicht an Boden gewinnen. Wir müssen das Hoheit über das Thema gewinnen und halten. Wir müssen wirklich die Sicherheit der Kernenergie zeigen.“

Regierungsvertreter betonten, man müsse verhindern, dass der Vorfall die öffentliche Unterstützung für die Kernenergie bröckeln ließe.

"Blinde Besessenheit für Kernenergie"

Der konservative Parlamentsabgeordnete Zac Goldsmith, der im Umweltausschuss des Unterhauses sitzt, verurteilte das Ausmaß der Koordination zwischen Regierung und Atomwirtschaft. „Es ist nicht die Aufgabe der Regierung, PR für die Wirtschaft zu betreiben, und es wäre entsetzlich, wenn ihre Ministerien die Folgen von Fukushima heruntergespielt hätten“, sagte er.

Für die Greenpeace-Sprecherin Louise Hutchins sehen die E-Mails nach „skandalösen Geheimabsprachen“ aus. „Sie werfen ein Schlaglicht auf die blinde Besessenheit dieser Regierung für die Kernenergie und zeigen, dass weder ihr noch der Wirtschaft getraut werden kann, wenn es um Atom-Fragen geht.“

Meinungsumfragen legen nahe, dass die Katastrophe in Japan weltweit der öffentlichen Unterstützung für die Kernenergie einen Schlag versetzt hat. Infolge des Unfalls haben die Regierungen Deutschlands, Italiens, der Schweiz, Thailands und Malaysias einen schnelleren Atomausstieg beschlossen oder geplante Atomkraftwerke aufgegeben.

Fukushima? Nicht so schlimm

Am 13. März, zwei Tage nachdem die Katastrophe in Fukushima Atomkraftwerke und ihre Notfallsicherheitssysteme außer Gefecht gesetzt hatte, schickte das britische Wirtschaftsministerium E-Mails an die Atomfirmen und ihren Verband, die Nuclear Industry Association (NIA). Das Ministerium argumentierte, die Lage sei nicht so schlimm, wie es die „dramatischen“ Fernsehbilder scheinen ließen – und dass, obwohl die Konsequenzen des Unfalls sich erst abzuzeichnen begannen und zwei große Reaktorexplosionen auf dem Gelände noch folgen sollten.

„Die austretende Strahlung ist unter Kontrolle – der Reaktor geschützt“, sagte der Vertreter des Wirtschaftsministeriums, dessen Name geschwärzt wurde. „Die Sicherheitssysteme sind dafür da, eine Situation wie diese zu kontrollieren und zu steuern“.

Mit dem selben Material

Der Regierungsvertreter legte nahe, wenn die Firmen ihre Stellungnahmen schickten, würden diese Eingang in Ministerbriefings und Regierungsverlautbarungen finden. „Wir müssen alle mit demselben Material arbeiten, damit unsere Botschaft bei Medien und Öffentlichkeit ankommt. In ganz Europa haben die Atomkraftgegner keine Zeit verloren, das alles mit Tschernobyl zu vermengen“, schrieb der Regierungsvertreter an Areva. „Wir müssen alle Geschichten zum Verstummen bringen, die das mit Tschernobyl vergleichen.“

Japanische Regierungssprecher hatten den Unfall in Fukushima ursprünglich auf Stufe Vier der internationalen Bewertungsskala für nukleare Ereignisse eingestuft und ihm damit „lokale Konsequenzen“ beigemessen. Aber am 11. April wurde er auf Stufe Sieben – die höchste Stufe – angehoben, also offiziell zum „katastrophalen Unfall“ erklärt und auf eine Ebene mit Tschernobyl 1986 gestellt.

Vertrauen in AKW-Neubaupolitik bewahren

Am 7. April lud das Büro für nukleare Entwicklung – das dem Energieministerium untergeordnet ist – Firmen zu einem Treffen in die NIA-Zentrale in London. Ziel war, „eine gemeinsame Kommunikations- und Gefechtsstrategie zu diskutieren, die sicherstellt, dass wir im Licht der jüngsten Ereignisse im Atomkraftwerk Fukushima das Vertrauen der britischen Öffentlichkeit in die Sicherheit von Atomkraftwerken und die nukleare Neubaupolitik bewahren“.

Ein Sprecher des Ministeriums für Energie und Klimawandel und des Wirtschaftsministeriums sagte: „Angesichts der beispiellosen Ereignisse in Japan war es angemessen, mit entscheidenden Stakeholdern Informationen auszutauschen, insbesondere mit solchen, die Kernkraftwerke betreiben. Diese Regierung hat von Anfang an klar gemacht, dass es wichtig ist, nicht überstürzt zu urteilen und dass eine Antwort auf harten Fakten beruhen sollte. Deswegen haben wir den leitenden Atominspektor Dr. Mike Weightman aufgefordert, einen belastbaren und faktenbasierten Bericht vorzulegen.“

Eine Quelle aus dem Energieministerium spielte die Bedeutung der E-Mails herunter: „Der untergeordnete Vertreter des Wirtschaftsministeriums war nicht für die Atompolitik verantwortlich und seine Ansichten waren ohne Bedeutung für Ministerentscheidungen in der Folge des japanischen Erdbebens“.

Acht neue AKW geplant

Die Regierung bestätigte vergangene Woche Pläne für acht neue Atomkraftwerke in England und Wales. „Wenn akzeptable Vorschläge für angemessene Orte vorliegen, werden sie nicht auf unnötige zeitliche Verzögerungen stoßen“, sagte Energieminister Charles Hendry.

Die NIA kommentierte die E-Mails nicht direkt. „Wir werden von unseren Mitgliedsfirmen dafür bezahlt, ihre kommerziellen Interessen zu vertreten und den zwingenden Fall nuklearer Neubauten in Großbritannien voranzubringen“, sagte die Verbandssprecherin.

Übersetzung: Steffen Vogel
18:15 01.07.2011
Geschrieben von

Rob Edwards | The Guardian

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