„Sexuelle Revolution“ in der Archäologie: Lover, Brüder, Kampfgenossen?

Wissenschaft Neue wissenschaftliche Methoden in der Archaölogie hinterfragen Annahmen über Geschlecht und Liebe

Im Frühsommer 2009 kam ein Team von Archäologen zu einer Baustelle in einem Wohnviertel der italienischen Stadt Modena. Beim Graben für einen Neubau hatten die Arbeiter dort einen 1.500 Jahre alten Friedhof freigelegt. Elf Gräber kamen zum Vorschein. Und schnell zeigte sich, dass eines davon anders war als die anderen: Statt eines einzelnen Skeletts beherbergte es zwei – und die beiden hielten Händchen. „Hier ist der Beleg dafür, wie Liebe zwischen einem Mann und einer Frau wirklich ewig sein kann“, schrieb die Zeitung Gazetta di Modena über das Paar, welches prompt den Spitznamen „die Liebenden“ verpasst bekam. Allerdings war laut dem ursprünglichen anthropologischen Bericht das Geschlecht der beiden an den Knochen allein nicht zu erkennen. So blieb ein Jahrzehnt lang die Annahme über das Geschlecht der Liebenden unhinterfragt.

Dann, 2019, beschlossen Federico Lugli und seine Kollegen an der Universität Bologna, eine neu verfügbare Technologie zur Bestimmung des Geschlechts menschlicher Skelette auszuprobieren, die Proteine im Zahnschmelz nutzt. Zur Überraschung der Wissenschaftler waren die Liebenden beide männlich. Plötzlich wurde das händchenhaltende Paar zum möglichen Zeugnis einer gleichgeschlechtlichen Beziehung im fünften Jahrhundert ausgerufen. Die Geschichte der Liebenden von Modena ist Teil einer „sexuellen Revolution“ in der Archäologie, welche unsere Vorstellungen von Sex, Geschlecht und Liebe in früheren Gesellschaften hinterfragt. Doch diese Revolution verläuft nicht ohne Kontroversen.

Jahrzehntelang waren Archäolog:innen davon abhängig, dass Grabbeigaben und die Knochenform ihnen sagten, ob ein Skelett männlich oder weiblich ist. Aber in den vergangenen fünf Jahren führte der Einsatz neuer moderner Methoden dazu, dass sich das angenommene Geschlecht einer Reihe von Skeletten als falsch erwies.

Die breitere Debatte über Geschlecht kam in der Archäologie mit einem 2017 veröffentlichten und heute berühmten Aufsatz über einen „Wikingerkrieger“ in Gang. Da ging es um ein Skelett, welches in einem Grab voller Waffen gefunden wurde. Und zwar an einer archäologischen Fundgrube im schwedischen Birka – einem wichtigen Handelsplatz der Wikinger zwischen 8. und 10. Jahrhundert. Das Grab wurde bereits Ende des 19. Jahrhunderts entdeckt und man war stets davon ausgegangen, dass dort ein Mann begraben liegt. Sicher konnte das aber niemand sagen.

Nonbinäre Wikinger

Zumindest bis Charlotte Hedenstierna-Jonson von der schwedischen Universität Uppsala eine DNA-Probe nahm. Und herausfand: Die DNA des Birka-Wikingerskeletts ist eindeutig weiblich. Ein weiblicher Krieger? Also eine Kriegerin? Das passte so gar nicht in die verbreitete Vorstellung, die man von Wikingern hatte.

Laut der gängigen Konvention gehörten Waffen, insbesondere Schwerter, zu Männern und Schmuck zu Frauen. Manche argumentierten daher: Wenn es sich um eine Frau handle, müssten die Waffen und der „Kriegerstatus“ des Skeletts neu bewertet werden. Hedenstierna-Jonson war davon verblüfft: Solange das Skelett für einen Mann gehalten wurde, habe allen die Kriegerinterpretation eingeleuchtet. „Das kann sich nicht einfach so ändern, nur weil wir herausfinden, dass es sich um eine Frau handelt.“ Auch Leszek Gardeła, Archäologe am Dänischen Nationalmuseum und Autor des Buches Women and Weapons in the Viking World, meint über den Fund in Birka: „Sie könnte tatsächlich eine Kriegerin gewesen sein.“ Doch gleichzeitig sagt er, dass in 90 Prozent der Gräber mit Waffen biologisch gesehen männliche Personen lägen.

Außerdem seien Waffen in einem Frauengrab auch keine Garantie dafür, dass die Frauen tatsächlich Kriegerinnen waren: Eine Axt zum Beispiel ließ sich für viele Dinge benutzen, darunter verschiedene altnordische Rituale, die häufig von Frauen durchgeführt wurden. „Es gab Raum im mentalen Universum der Wikinger für Kriegerinnen“, erklärt Gardeła, „aber ich glaube nicht, dass es die Norm war.“ Besonders kompliziert wird es, wenn in ein und demselben Grab sowohl „männlich“ als auch „weiblich“ interpretierte Grabbeigaben gefunden werden. Das war etwa bei einem Wikingergrab der Fall, welches 1867 in Santon Downham im englischen Norfolk entdeckt wurde. „Der Großtteil der wissenschaftlichen Literatur geht davon aus, dass es ein Doppelgrab ist“, erklärt Gareth Williams, Kurator am Britischen Museum, „dabei stützen keine Beweise diese These.“ Man habe einfach angenommen, dass eines der Skelette verloren gegangen sei.

Doch ist die offensichtlichere Erklärung nicht, dass es sich um das Einzelgrab einer Person handelt, die nicht den Gendernormen entsprach? Williams hält es für wahrscheinlicher, dass das Grab einer schwerttragenden Frau gehörte. Für Wikingermänner sei es „tabu gewesen, etwas an sich zu haben, das als weiblich angesehen werden könnte“.

Im vergangenen August leitete Ulla Moilanen von der Universität Turku in Finnland die Neubewertung eines anderen als Doppelgrab klassifizierten Fundorts, in dem sich ein Skelett befand, welches ein Kleid trug und gleichzeitig mit einem Schwert begraben wurde. Die DNA-Analyse ergab, dass das Grab einer Person mit XXY-Chromosomen gehörte: In diesem Fall spricht man vom Klinefelter-Syndrom, einer Chromosomenanomalie, dessen Betroffene meist nicht anders aussehen als Männer mit XY-Chromosomen. Das mache das Grab so interessant, erklärte Moilanen, „denn eine Person mit männlichem Aussehen hatte Kleider und Schmuck, die üblicherweise mit Frauen assoziiert werden“.

Nach dem Aufsatz über die Liebenden von Modena überlegte Luglis Team, sich anderen „Liebenden“ zuzuwenden, die in Italien begraben wurden. Zu den Anwärtern gehörten die Liebenden von Valdaro im Nationalen Archäologiemusuem in Mantua, nur eine Stunde Fahrt von Modena entfernt. Das 6.000 Jahre alte Paar wurde Nase an Nase begraben, ihre Arme zwischen ihre Brustkörbe gepresst.

Waren sie Lover oder Brüder?

Als sie erstmals gefunden wurden, bestimmte man das Geschlecht der Liebenden mit Hilfe von Osteologie: einer visuellen Knochenuntersuchung, die auch weiterhin am häufigsten für diesen Zweck eingesetzt wird. Allerdings hat diese Methode ihre Schwächen. Zwar unterscheiden sich manche Knochen von Frauen und Männern, sodass sich das Geschlecht auf diese Weise bestimmen lässt. Aber das hat laut der Bioarchäologin Rebecca Gowland von der Universität Durham hormonelle Gründe. Dementsprechend müssten Skelette „die Pubertät bereits hinter sich haben“, erklärt sie: Das Geschlecht von Teenagern könne also nur schwer zugeordnet werden. Zudem seien die Skelette selten vollständig und bestimmte wichtige Knochen, zum Beispiel das Becken, fehlten oft. Dadurch sei Osteologie selbst bei Erwachsenen deutlich weniger verlässlich.

Das Liebespaar von Valdaro war bei seinem Tod im Teenageralter, einer der beiden möglicherweise nicht älter als 16. Die osteologische Untersuchung, die die eine als „weiblich“ und den anderen als „vermutlich männlich“ eingestuft hatte, könnte eine Untermauerung mit moderneren Methoden gut gebrauchen – und ist in Planung. In diesem Jahr soll ein DNA-Projekt der Universität Tor Vergata in Rom Erkenntnisse zum Geschlecht der Liebenden von Valdaro bringen. Und was ist mit den Liebenden von Modena? Taugen sie als Beleg für eine gleichgeschlechtliche Beziehung vor 1.500 Jahren? Ähnlich wie beim Wikingerkrieger von Birka die Fundgegenstände kontrovers diskutiert wurden, als das Geschlecht des Skeletts bekannt wurde, wird jetzt auch die Liebe dieser Liebenden in Frage gestellt. Vielleicht waren sie Brüder? Das lässt sich wegen einer misslungenen DNA-Analyse zumindest nicht ausschließen. Die Autor:innen der Studie von 2019 schlagen vor, sie könnten „Kampfgenossen“ gewesen sein. Allerdings hatte die vorherige Arbeit von Luglis Kollegen die These ausgeschlossen, dass sie auf einem Militärfriedhof begraben seien: Die Toten zeigten keinerlei Anzeichen wiederholter Kampfteilnahme. Begraben lägen dort sowohl Frauen als auch Männer sowie ein sechsjähriges Kind. Warum also die Kriegerthese wiederaufgreifen? Lugli erklärt es damit, dass sich einige Dinge verändert hätten: Die Verletzungen seien genauer untersucht worden und eines der Skelette, das man für eine junge Frau gehalten hatte, hatte sich als Mann erwiesen. Aber „wir interpretieren sehr stark aus einer historischen Perspektive“, betont Lugli dabei. Er hält es für unwahrscheinlich, dass in der damaligen Zeit Eltern die Hände des Paares ineinandergelegt hätten, um deren Liebe zu zeigen. „Aber alles ist möglich.“

Mit anderen Worten: Die Toten begraben sich nicht selbst. Aber sie graben sich auch nicht selbst aus. „Wenn wir uns vorstellen, wie andere Leute ihr Leben gelebt haben, mangelt es uns an Fantasie“, erklärt Bioarchäologin Pamela Geller, die an der Universität Miami auf feministische und queere Studien spezialisiert ist. „Das liegt daran, dass wir sehr stark an den heute existierenden Kategorien kleben.“

Wissenschaftliche Methoden können die Ratearbeit erleichtern. Aber „es gibt auch Dinge, die wir über die Vergangenheit nicht wissen werden“, betont Geller. Wer wen geliebt hat etwa oder welches Identitätsgefühl die Menschen hatten. Archäologen können nur so gut wie möglich versuchen, auf Basis der verfügbaren Daten das Leben in der Vergangenheit zu rekonstruieren. Für Gardeła ist das eine Frage des Respekts gegenüber den Menschen in der Vergangenheit. „Jedes Grab erzählt eine andere Geschichte“, sagt er, „weil sie alle echte Menschen waren – mit einem eigenen, einzigartigen Leben.“

Ida Emilie Steinmark arbeitet als Wissenschaftsjournalistin unter anderem für den britischen Observer, die Sonntagszeitung des Guardian

Übersetzung: Carola Torti

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