Generation Lockdown

Corona Die Krisen des 21. Jahrhunderts werden global sein – und gleichzeitig ganz nah. Allein kommen wir da nicht durch. Das ist, was eine ganze Generation jetzt lernen muss
Generation Lockdown

Foto: Elena Fusco/AFP/Getty Images

Von Anfang an enthielt die Bezeichnung „Generation X“ – vor über zwanzig Jahren von Douglas Coupland geprägt – bewusst einen Platzhalter, eine unbekannte Variable. Wir waren die Generation, die nicht wusste, was sie ausmacht. Jetzt wissen wir es. Covid-19 hat die Variablen gelöst. Wir sind die Generation Lockdown – zu deutsch: Generation Augangssperre.

So wie wir alle auf Twitter witzelten, war es dann irgendwie auch unvermeidlich, dass unsere Generation aufgefordert werden würde, die Welt zu retten, indem sie zu Hause sitzt und fern sieht. Covid-19 betrifft jeden: Die Krankheit tötet ältere Menschen und versaut den ganz Jungen die Kindheit. Aber sie gehört auf eine komische Weise vor allem zu denen von uns, die gerade kleinere Kinder und alte Eltern haben. Dieser Gruppe kommt das Gefühl, einer Ausgangssperre unterworfen zu sein, seltsam bekannt vor. In manchen Momenten hat man das Gefühl, Covid-19 sei nicht mehr als eine Allegorie auf die Verfassung der eigenen Generation: Seit wir nicht mehr Mitte zwanzig sind, befinden wir uns drinnen, hinter Bildschirmen, während sich draußen eine globale Katastrophe ereignet. Der definierende Faktor unserer Generation ist, dass der definierende Faktor unserer Generation jeden von uns allein trifft – abgeschnitten von allen anderen.

Die Krise ist außergewöhnlich, aber in meinem Leben ist die Situation, in der ich mich gerade befinde, quasi Standard. Alle, die ich kenne, sind plötzlich pleite. Außer sie haben Geld geerbt, während sie zusehen, wie ihnen der Boden unter den Füßen weggezogen wird. Die offensichtlichen historischen Ereignisse wie der 11. September, der Finanzcrash 2008 und Covid-19 sind Einschnitte in einer Reihe von langfristigen Entwicklungen des Zusammenbruchs: die industrielle Fertigung, die Geisteswissenschaften, die Medien, die Politik. So schlimm und albtraumhaft Covid-19 auch ist: Ich werde das Gefühl nicht los, es handelt sich bloß um eine weitere Generalprobe fürs 21. Jahrhundert.

Die Probleme dieses Jahrhunderts werden global sein – und gleichzeitig ganz nah an uns dran. Covid-19 demonstriert in Reinform, dass ganz real eine direkte physische Verbindung zwischen den Tiermärkten von Wuhan, den Piazzas in der Lombardei und den Bürohäusern in New York besteht. Alle atmen die gleiche Luft ein. Es ist alles diesselbe Spucke. Die Lösungen für die Probleme des 21. Jahrhunderts werden – wie die Lösung für Covid-19 – nur eins bringen: durch Expertenwissen informierte Bürokratie. Das ist es. Nichts anderes wird eine Lösung bieten. Im 21. Jahrhundert wird der Libertarianismus genauso wenig relevant sein wie ehemals der Geozentrismus.

Im 21. Jahrhundert heißt es: Solidarität oder Tod. Das ist, was uns gezeigt worden ist. Denn Covid-19 ist eine Krise der Nähe, die nur durch Solidarität gelöst werden kann. „Jeder ist in seiner eigenen Zelle beinahe von seiner Freiheit überzeugt“, formulierte es der englische Lyriker W.H. Auden. Wir sind eine von Zynismus, Skeptizismus und Ironie durchdrungene Generation. Aber das kann nicht so weiter gehen. Denn die generationsübergreifende Aufgabe, sich der Zerrissenheit zu stellen und sie zu überwinden, ist zu einer politischen Frage geworden.

Zusammen arbeiten oder allein sterben

Die Zwistigkeiten, die unseren politischen Diskurs beherrscht haben, können nicht so beibehalten werden. Wünschen Sie sich, Ihre Regierung hätte auf die Experten zu Infektionskrankheiten gehört? Dann hören Sie doch einfach darauf, was die Klimawandel-Experten jetzt schon darüber wissen, was im Verlauf der kommenden 30 Jahre passieren wird. Eine kürzlich veröffentlichte Studie, die die unvermeidliche Verdrängung von Anwohnern an der US-Ostküste zeigt, schätzt die Zahl der Binnen-Flüchtlinge auf 13 Millionen. Das ist kein Problem, das sich durch die Entsendung einer großen Armee bekämpfen lässt. Es kann nur durch kollektiv akzeptierte Information, Zusammenarbeit und Verzichtbereitschaft gelöst werden.

Die ältere Generation setzt ihre Verwüstungstour derweil durch verschwörerischen Leichtsinn fort. Die US-Präsidentschaftswahl 2020 wird zwischen zwei alten Boomern geführt, die zum letzten Mal richtig zugreifen wollen. Die Wut der Millennials ist mehr als verständlich: Warum irgendeiner von ihnen an das System, wie es derzeit besteht, glauben oder sich daran beteiligen sollte, ist mir unbegreiflich. Sicher wird diese Katastrophe auf die Zukunft verweisen. Eins ist in allen Crashs klar geworden: Die, die verantwortlich handeln, leiden, während die Unverantwortlichen triumphieren. An welchem Punkt ist es unter der grundlegenden menschlichen Würde, ein manipuliertes Spiel mitzuspielen? Karrierismus ist nutzlos, und doch ist er irgendwie der einzige Ismus, den es noch zu geben scheint. Die 1960er Jahre forderten die Boomer auf, sich einzuschalten, einzustimmen, auszusteigen. Ich sehe nicht, dass junge Leute heute eine andere Wahl haben, als das alles komplett abzulehnen.

Und doch habe ich jetzt, in dieser Zeit, so hart sie auch ist, erstmals seit langem Hoffnung verspürt. Die entscheidende Frage des 21. Jahrhunderts hat sich herauskristallisiert: Wie viele Tote sind für die Erhaltung des ökonomischen Status Quo akzeptabel? Wir haben gesehen, dass Regierungen zu gravierenden Interventionen in der Lage sind. Und wir haben gesehen, dass die große Mehrheit der Bürger bereit ist, große Einschnitte zu erdulden, um im Notfall ihre Mitmenschen zu schützen. Das ist eine Erkenntnis mit tiefgreifenden Konsequenzen. Die menschliche Gesellschaft ist nicht die Gesamtsumme ökonomischer Interaktionen. Marktfundamentalismus hat seine Grenzen.

Was die Generation angeht, die bisher als X bekannt war: Diese Generation, die zu radikalem Skeptizismus erzogen wurde, muss jetzt einen Weg zu kollektivem Handeln finden. Das ist kein Hippie-Unfug mehr: Wir müssen zusammen arbeiten oder allein sterben. Sind wir bereit für einen Kampf gegen einen Gegner, den wir nicht sehen können?

Stephen Marche ist Romanautor und Kolumnist

Übersetzung: Carola Torti

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09:32 24.04.2020
Geschrieben von

Stephen Marche | The Guardian

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The Guardian

Ausgabe 31/2020

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