„Genozid-Artwashing“: Johnny Greenwood von Radiohead reagiert auf BDS-Vorwürfe

Pop Der Radiohead-Musiker gibt eine Erklärung zu seiner Zusammenarbeit mit dem israelischen Musiker Dudu Tassa ab, nachdem er von der pro-palästinensischen BDS-Bewegung des „Genozid-Artwashing“ beschuldigt wurde
Jonny Greenwood mit seiner Band The Smile live in London im März 2024
Jonny Greenwood mit seiner Band The Smile live in London im März 2024

IMAGO / Capital Pictures

Jonny Greenwood von Radiohead hat seine fortlaufende Zusammenarbeit mit dem israelischen Künstler Dudu Tassa inmitten der Kritik von Pro-Palästina-Aktivisten verteidigt. Er bezeichnet das Vorgehen als „unfortschrittlich“ und „mundtot machend“.

Der Komponist und Musiker Greenwood, der auch gemeinsam mit seinem Radiohead-Kollegen Thom Yorke bei The Smile spielt, arbeitet seit 2008 mit Tassa zusammen. Letztes Jahr veröffentlichten Greenwood und Tassa ein gemeinsames Album mit dem Titel Jarak Qaribak, eine Zusammenstellung arabischer Liebeslieder mit Künstlern aus dem gesamten Nahen Osten. Die beiden traten am 26. Mai live in Tel Aviv auf, einen Tag nachdem Greenwood an Protesten teilgenommen hatte, die die Freilassung von Geiseln im Gazastreifen und Neuwahlen in Israel forderten, wie die Jerusalem Post berichtete.

Kurz nach der Show veröffentlichte die pro-palästinensische Initiative BDS eine Erklärung, in der sie Greenwood des „Artwashing des Völkermords“ beschuldigte. „Die Palästinenser verurteilen Jonny Greenwoods beschämende künstlerische Unterstützung des israelischen Völkermordes“, hieß es in der Erklärung. „Wir rufen dazu auf, friedlichen, kreativen Druck auf seine Band Radiohead auszuüben, damit sie sich überzeugend von dieser eklatanten verbrecherischen Komplizenschaft distanziert, oder mit Maßnahmen des Volkes rechnen muss.“

Am Dienstag reagierte Greenwood mit einer eigenen Erklärung, die er auf seinen Social-Media-Accounts veröffentlichte. „Ein künstlerisches Projekt, das arabische und jüdische Musiker vereint, ist zuallererst lohnenswert“, erklärt er. „Ebenfalls ist es wichtig, darauf hinzuweisen, dass die jüdischen kulturellen Wurzeln in Ländern wie dem Irak und dem Jemen Tausende von Jahren zurückreichen.“

Greenwood beklagte, was er als „das Verstummen dieser – oder jeder anderen – künstlerischen Anstrengung israelischer Juden“ durch „diejenigen, die versuchen, uns zum Schweigen zu bringen, oder die jetzt versuchen, der Existenz der Band einen finsteren Hintergedanken zuzuschreiben“ bezeichnete.

Trotz Proteste in Israel

„Keine Kunst ist so ‚wichtig‘ wie das Aufhalten von Tod und Leid um uns herum“, sagte er. „Aber nichts zu tun, scheint die schlechtere Option zu sein. Und israelische Künstler zum Schweigen zu bringen, weil sie als Juden in Israel geboren wurden, scheint kein Weg zu sein, eine Verständigung beider Seiten dieses scheinbar endlosen Konflikts zu erreichen.“

Greenwood ist mit der israelischen bildenden Künstlerin Sharona Katan verheiratet, die die israelische Militäraktion unterstützt hat. Der Neffe des Paares wurde in diesem Jahr während seines Dienstes bei den israelischen Verteidigungsstreitkräften getötet.

Radiohead hat eine lange Geschichte mit Israel. Ihr Megahit Creep wurde erstmalig im israelischen Radio erfolgreich, nachdem er anderswo zunächst den Durchbruch nicht geschafft hatte. Die Band ist im Laufe ihrer Karriere immer wieder in dem Land aufgetreten, trotz Protesten von Fans und Aktivisten.

Nach der weit verbreiteten Kritik an ihrer Show in Israel 2017 sagte Radiohead-Frontmann Thom Yorke, dass die Band nicht auf der Seite der BDS-Bewegung stehe, obwohl er später klarstellte, dass „in einem Land zu spielen nicht dasselbe ist, wie seine Regierung zu unterstützen“.

Hier das Statement in ganzer Länge:

„Ich spiele diesen Sommer auf Festivals in Europa mit Dudu Tassa & The Kuwaitis. Einige Leute fragen mich, warum. Ich arbeite seit 2008 mit Dudu zusammen, veröffentliche Musik mit ihm – und habe schon lange vorher mit ihm privat zusammen gearbeitet. Ich denke, ein künstlerisches Projekt, das arabische und jüdische Musiker zusammenbringt, ist sinnvoll. Es ist ebenfalls wichtig, dass daran erinnert wird, dass die jüdischen kulturellen Wurzeln in Ländern wie dem Irak und dem Jemen Jahrtausende zurückreichen.

Wenn ein künstlerisches Projekt als „wichtig“ bezeichnet wird, geht es gleich um übermäßigen Ernst. In Wirklichkeit geht es aber nur darum, dass Musiker aus dem ganzen Nahen Osten sich gegenseitig respektieren, über Grenzen hinweg zusammenarbeiten und unsere Liebe zu dem langen Katalog arabischer Lieder teilen – egal, ob sie von muslimischen, jüdischen oder christlichen Komponisten geschrieben wurden. (Der vielleicht berühmteste irakische Komponist war Dudus Großvater, der zu den legendären Al-Kuwaity-Brüdern gehörte und dessen Lieder noch immer in allen arabischen Radiosendern zu hören sind – auch wenn ihr jüdisches Erbe leider nie oder nicht mehr erwähnt wird.

Andere halten diese Art von Projekten für nicht zu rechtfertigen und fordern, dass diese – oder andere – künstlerische Bemühungen israelischer Juden zum Schweigen gebracht werden. Aber ich kann mich diesem Aufruf nicht anschließen: Israelische Filmemacher/Musiker/Tänzer zum Schweigen zu bringen, wenn ihre Arbeit im Ausland gezeigt wird – vor allem, wenn dies auf Drängen ihrer westlichen Filmemacher/Musiker/Künstler-Kollegen geschieht – erscheint mir nicht fortschrittlich. Nicht zuletzt, weil gerade diese Menschen immer die fortschrittlichsten Mitglieder einer Gesellschaft sind. Ich bin dankbar für die Zusammenarbeit mit den bemerkenswerten Musikern, die ich im Rahmen dieses Projekts kennengelernt habe. Sie alle erscheinen mir viel mutiger – und gehen ein viel größeres prinzipielles Risiko ein – als diejenigen, die versuchen, uns auszuschalten, oder jetzt versuchen, der Existenz der Band einen bösartigen Hintergedanken zuzuschreiben. Es gibt keinen: Wir sind Musiker, die eine gemeinsame Kultur ehren, und das seit fast 20 Jahren.

Außerdem ist keine Kunst so „wichtig“ wie die, all dem Tod und dem Leiden um uns herum Einhalt zu gebieten. Wie kann sie das? Nichts zu tun, scheint die schlechtere Option zu sein. Und israelische Künstler zum Schweigen zu bringen, weil sie als Juden in Israel geboren wurden, scheint kein Weg zu sein, um eine Verständigung zwischen den beiden Seiten dieses scheinbar endlosen Konflikts zu schaffen. Deshalb mache ich mit dieser Band Musik. Ihr dürft gerne mit dem, was wir tun, nicht einverstanden sein oder es ignorieren – aber ich hoffe, ihr versteht die wahre Motivation, und könnt ohne Argwohn oder Hass auf die Musik zugehen.“

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Geschrieben von

The Guardian

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