Gentlemen, ich gehöre hier einfach nicht dazu

Nachruf Am Montag ist die vielfach preisgekrönte Science-Fiction- und Fantasy-Autorin Ursula K. Le Guin im Alter von 88 Jahren gestorben
Gentlemen, ich gehöre hier einfach nicht dazu
Ursula K. Le Guin

Foto: Robin Marchant/Getty Images

Das literarische Universum ist vom Tod Ursula K. Le Guins erschüttert. Die US-amerikanische Autorin hat mit ihren Arbeiten, vor allem mit dem "Erdsee"-Zyklus und dem bahnbrechenden Science-Fiction-Roman "Die linke Hand der Dunkelheit" die Literatur der vergangenen fünfzig Jahren geprägt. Am Dienstag gab ihre Familie über den Kurznachrichtendienst Twitter bekannt, dass Le Guin am Montag im Alter von 88 Jahren gestorben ist. Ihr Verlag Gollancz erklärte, es sei ihr in den letzten Monaten gesundheitlich nicht gut gegangen, „ihr Geist“ sei aber „bis zum letzten Augenblick messerscharf“ gewesen, so ihr Sohn Theo Downes-Le Guin gegenüber der Nachrichtenagentur Reuters. Schriftstellerkolleginnen und -kollegen wie Neil Gaiman, Stephen King und China Miéville brachten ihre Trauer zum Ausdruck. Miéville beschrieb sie als „literarischen Koloss, als Radikale und Wegbereiterin“.

Eingebetteter Medieninhalt

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Die Autorin starb in ihrer Wohnung in Portland, Oregon, wo sie ihrem Sohn zufolge bis zum Schluss arbeitete. „Eigentlich kam es so gut wie nie vor, dass sie nicht arbeitete. Sie überraschte sogar sich selbst damit, dass sie noch bis vor zwei Monaten Geschichten verfasste. Vor ein paar Tagen sagte sie mir, sie fühle sich ein wenig schuldig, weil sie nun nur noch zu ihrem eigenen Vergnügen schreibe.“

1968 veröffentlichte Le Guin den ersten Roman ihres "Erdsee"-Zyklus, der das Leben des Zauberers Ged nachzeichnet. Im Jahr darauf folgte "Die linke Hand der Dunkelheit" – ein Science-Fiction-Roman, der auf einem Planten spielt, dessen Bewohner ein bestimmtes Geschlecht nur zu Reproduktionszwecken annehmen. In den 1970ern veröffentlichte sie dann eine Reihe bahnbrechender Science-Fiction-Romane, unter anderem "Planet der Habenichtse" und "Die Geißel des Himmels". Für den dritten Roman im "Erdsee-Zyklus", "Das ferne Ufer", gewann sie den National Book Award für Kinderliteratur, während sie für "Die linke Hand der Dunkelheit" und "Die Habenichtse" den Hugo- und den Nebula-Preis gewann.

Konsequente Feministin

Als Autorin von mehr als fünfzig Büchern, die von Lyrik über Kritik, Kurzgeschichten bis hin zu einer Übersetzung des "Tao Te Ching" reichen, erhielt für ihr Lebenswerk den World Fantasy Award und wurde zur „Großmeisterin“ der Science-Fiction and Fantasy Writers of America ernannt. Ihr Ruhm reicht aber weit über die Welt von Science-Fiction und Fantasy hinaus: 2014 wurde ihr die Medal for Distinguished Contribution to American Letters der National Book Foundation dafür verliehen, dass sie „über 40 Jahre lang Maßstäbe in Sachen Erzählung, Sprache, Figuren und Genre setzte und gleichzeitig die Grenzen zwischen Fantasy und Realismus überschritt, um für die Literatur neue Wege zu beschreiten“. Als sie die Medaille erhielt, sagte sie, sie teile sie mit ihren Science-Fiction- und Fantasy-Kolleginnen und -Kollegen, „den Autorinnen und Autoren, die so lange aus der Literatur ausgeschlossen wurden … und die während der vergangenen fünfzig Jahre immer dabei zusehen mussten, wie die Preise an die sogenannten Realisten gingen“.

Als feministische Vorreiterin setzte Le Guin Grenzen sowohl durch ihr Schreiben als auch durch ihr Engagement neue Maßstäbe. In einem berühmtgewordenen Brief lehnte sie es 1987 ab, den Klappentext für eine Anthologie zu schreiben, in der keine Texte von Frauen enthalten waren. Der Ton des Buches sei „so selbstzufrieden exklusiv männlich wie ein Club oder eine Umkleidekabine“. Der letzte Satz lautete: „Gentlemen, ich gehöre hier einfach nicht dazu.“ 2004 kritisierte sie die "Erdsee"-Adaption des Science-Fiction-Kanals, weil für Ged ein weißer Mann gecastet worden war, obwohl seine Haut im Buch als „rot-braun“ beschrieben wird. „Die meisten der Figuren in meiner Fantasy sind nicht weiß. Sie sind gemischt, sie sind wie der Regenbogen“, schrieb sie in Slate. „Meine Farbwahl war von Anfang sehr bewusst. Ich sehe nicht ein, warum in der Science-Fiction alle immer Bob, Joe oder Bill heißen, Helden in Fantasy-Geschichten immer hellhäutig sein und die führenden Frauenfiguren immer „lila Augen“ haben sollten. Das ergibt einfach keinen Sinn. Die Weißen sind heute auf der Erde eine Minderheit – warum sollten sie das in der Zukunft nicht immer noch sein oder einfach in dem größeren Genpool verschiedener Hauptfarben aufgehen?“

Donald Trump ist ein Medien-Golem

Le Guin setzte sich auch entschieden gegen Google und Amazon ein, bloggte regelmäßig und teilte ihre Gedanken über alles, von Donald Trump („Er ist ganz und gar ein Geschöpf der Medien. Er ist ein Medien-Golem. Wenn man ihm die Kamera und das Mikrofon wegnimmt und ihm seine Aufmerksamkeit entzieht, bleibt nichts übrig – Schmutz“, schrieb sie im Februar) bis hin zu ihrer Katze, Pard.

Als entschiedene Verteidigerin der Science-Fiction- und Fantasy-Genres legte Le Guin sich von Margaret Atwood bis Kazuo Ishiguro mit jedem an, bei dem sie eine herablassende Haltung gegenüber dieser Kunstform witterte: „Realismus ist ein Genre – ein sehr reiches, das uns eine Menge großer Literatur gegeben hat und weiterhin gibt“, sagte Le Guin 2016 gegenüber dem Guardian. „Wenn man aber dieses eine Genre zum Standard für Qualität erhebt und die Literatur darauf beschränkt, lassen wir zu viel ernsthafte Literatur außer Betracht und schütten zu viele Kinder der Vorstellungskraft mit dem Bade aus. Zu viele Kritikerinnen und Lehrerinnen haben alle anderen Formen der Literatur außer dem Realismus ignoriert – und kannten sie nicht.“

2015 begann sie einen Online-Workshop für werdende SchriftstellerInnen, nachdem sie erklärt hatte, sie habe keine Kraft mehr, selbst noch einen weiteren Roman zu schreiben. Ihre Leidenschaft für die Bedeutung der Literatur blieb dabei ungebrochen: „Wir lesen Bücher, um herauszufinden, wer wir sind; was andere Leute, reale oder imaginäre, machen, denken und fühlen … ist ein grundlegender Wegweiser für unser Verständnis dessen, was wir selbst sind und vielleicht noch werden“, so Le Guin.

Ihr Lektor, Malcolm Edwards, sagte, „diejenigen, die das Vergnügen hatten, mit ihr zusammenzuarbeiten, werden sie als liebenswürdige und gutgelaunte Frau mit einem eisernen Willen in Erinnerung behalten, um es höflich auszudrücken ... Sie war nach allgemeiner Überzeugung eine der größten – wenn nicht die größte – SF- und Fantasy-Autorin.".

Der Verlag Gollancz wird am 22. Februar eine Sammlung von Le Guins Sachtexten mit dem Titel Dreams Must Explain Themselves veröffentlichen. Eine neue Ausgabe der "Erdsee"-Romane, illustriert von der Künstlerin Charles Vess, soll dann im Laufe des Jahres erscheinen.

12:42 25.01.2018
Geschrieben von

Alison Flood, Benjamin Lee | The Guardian

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