Get it away from you!

Fußball Der mächtigste Grundgedanke: Der Ball muss ins Tor. Plus: Ein paar Gefühlsduseleien - fertig ist die perfekte WM-Hymne. Die Band "We are Scientists" erklärt, wie's geht

Fußballhymnen sind ein musikalisches Genre für sich. Es gilt das empfindliche Gleichgewicht zu wahren zwischen Patriotismus, heiterem Sportsgeist und bloß nicht zu viel Feingefühl. Künstler wie New Order, Bob Dylan, Led Zeppelin und die Beatles haben sich in diesen Irrgarten gewagt und auf der anderen Seite den Ausgang gefunden. Andere – wie Madonna, U2 und die Beatles – haben bekanntlich mit WM-Songs Schiffbruch erlitten, ihre Karriere damit ruiniert und mäandern seit Dekaden nur noch an den Rändern der Pop-Geschichte herum. Die jüngste große Erfolgsgeschichte ist, ohne Frage, unsere. So haben wir es angestellt.

Der perfekte Songtext

Der Text einer großen Fußballhymne muss die Zuhörer zum Mitsingen zwingen. Das bedeutet, er muss eingängig sein und man muss ihn sich leicht merken können. Aber damit nicht genug: Er muss auch informativ sein und die Sache auf den Punkt bringen. Also haben wir als Ausgangspunkt die grundlegendste Aktion beim Fußball ausgewählt: „Kicking the, kicking the, kicking the ball.“ So weit so gut – um nicht zu sagen: Klasse! Aber wie kann es danach weitergehen? Nun, was macht man am besten mit dem Ball, wenn man ihn erstmal getreten hat? Unsere Vermutung lautete „get it away from you.“ Aber wir wollten uns da nicht ausschließlich auf unsere bescheidenen Kenntnisse des Spiels verlassen – immerhin wird unser Song im Idealfall eine ganze Nation repräsentieren! Also haben wir einige hundert Fußballer, Amateure und Profis, und eingefleischte Fans befragt. Das Bild, das sich herauszukristallisieren begann, war eine ziemliche Überraschung. Fast alle waren sich einig: Das Beste, worauf man hoffen kann, wenn der Ball erst einmal getroffen ist, ist ihn ins Tor zu bekommen. Mit diesem subtileren Verständnis des Sports im Hinterkopf, war es ein Kinderspiel, den Refrain unserer Hymne zu vollenden: „Kicking the, kicking the, kicking the ball. Kicking it, kicking it into the goal.“

Nun hatten wir also einen mächtigen Grundgedanken – den Ball ins Tor schießen – in eine Zeile gegossen, die die Leute gerne grölen werden. Die nächste Herausforderung bestand darin, dem Song mehr Struktur zu geben. Wir entschieden, das Risiko einzugehen, und einen lyrischen Vers einzubauen, der über die Bridge gesungen werden soll. Die Gefahr dabei ist natürlich, dass lyrische Verse – in jedem Song, aber besonders in einer Hymne – höllengefährlich sind. Was steht auf dem Spiel? Man riskiert, 90 Prozent der Zuhörer durch zu große Textlastigkeit zu verlieren. Unter Songwriters heißt das auch „Wörter-Schikane“. Aus eben diesem Grund hören bis zum heutigen Tag so viele Menschen keine Bob-Dylan-Songs, obwohl sie behaupten, ihn zu mögen. Die einzige Ausnahme seines Lebenswerks, die nicht unter zu vielen Worten erstickt, ist Dylans WM-Hymne aus dem Jahr 1974, für die er den unglaublich fesselnden Refrain „You score one, Ich score two, looks like I score more than you; you score three, I score more, least I’ll score is surely four“ schrieb. Die Worte standen alleine, ganz schlicht, wurden acht Minuten lang wiederholt, das Resultat klang wie eine Hip-Hop-Battle.

Das gute an langen Songtexten ist, dass man die Möglichkeit hat, komplexere Ideen und Geschichten mitzuteilen. Das war der Gedanke hinter unserer Bridge:

England ist the team to beat,
and Rooney has got the heat,
and the shoes that are ’pon his feet,
well Andy calls them „football boots“, but we call them „cleats“ (dt. Stollen)

In vier kurzen Zeilen haben wir da einiges abgehakt. Zuerst füttern wir die Heimmannschaft mit einem Kompliment: „Jungs, ihr seid das Team, das man schlagen muss.“ Auf solche Gefühlsduseleien stehen die Fans. Als nächstes ein Hoch auf den Fußballer, der gemäß unserer Umfragen, die beliebteste Spieler der Mannschaft ist. Wayne Rooney, der laufend dem Leitmotiv unserer Hymne huldigt: Tore schießen. Im abschließenden Couplet führen wir einen interessanten kulturellen Widerspruch ein: die Sportschuhe der Fußballer werden in Englannd „football boots“ genannt (wir tun in dieser Hymne so, als wüssten wir das, weil unser Drummer Andy Brite ist), in Amerika hingegen (wo Chris Keith herkommen) nennt man sie „cleats“. Wir haben es hier mit einem jener großen „sieh nur wie verschieden und doch gleich wir sind“-Momente zu tun, denn obwohl Briten und Amis andere Namen für das Schuhwerk ihrer Spieler haben, sind sie sich doch alle einig, dass England die bessere Mannschaft ist und gewinnen wird.

Eine gediegene Webseite

Die offizielle Webseite für unseren Song, www.goalengland.co.uk, ist das perfekte digitale Zuhause für eine großartige Fußballhymne. England-Flaggen, wohin das Auge schaut. Fotos von uns dreien in Fußballtrikots. Es gibt Coupons für saftige Rabatte auf Bier in einem Ihrer Stamm-Pubs (Sie müssen nur ihre Postleitzahl eintragen), Coupons für kostenlose Flatscreen-Fernseher (auch da müssen Sie nur ihre Postleitzahl eintragen), eine großartige Reise-Software, die Ihnen einen Trip nach Johannesburg bucht – Flüge, Autos, Hotels und Tickets für die Spiele. Und das alles für weniger, als sie normalerweise für ein trockenes Brötchen hinlegen.

Natürlich, als U2 und die Beatles ihre Hymnen veröffentlichten, waren Flugreisen teuer und Webseiten Zukunftsmusik. Led Zeppelin sind das Problem damit umgangen, dass wie mit Buntstiften eine Webseite auf den Rücken eines Bierdeckels malten. Darauf waren Flaggen zu sehen, Zugfahrpläne und die mangelnde Barrierefreiheit machte die Seite durch mutigen Einfallsreichtum wett.

Das richtige Timing

Nicht zuletzt ist es wichtig, die Fußballhymne in einem WM-Jahr und während der Saison zu veröffentlichen. Madonna hat diesbezüglich versagt, als sie ihre WM-Hymne als letzten Titel auf eine Weihnachts-CD packte, die 18 Monate nach der Weltmeisterschaft erschien. Bob Dylan hingegen hat sich dieser Regel allzu sklavisch verschrieben, was am Ende dazu führte, dass er seine ganze Karriere auf den Fußballzirkus konzentrierte und alle vier Jahre kurz vor der WM eine Platte veröffentlichte.

Unser Trick ist der gesunde Mittelweg. Wir wollen weder Dylan auf seinem Pfad in die Wüste folgen, noch wollen wir eine gute Sache so schnell einfach aufgeben. Deshalb haben wir uns für einen Kompromiss entschieden: Wir werden pünktlich zu den nächsten fünf Weltmeisterschaften jeweils eine Platte mit Fußballhymnen veröffentlichen – und dann unsere Songwriter-Stollen an den Nagel hängen.

Übersetzung: Christine Käppeler

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16:40 11.06.2010
Geschrieben von

We Are Scientists | The Guardian

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The Guardian

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