Getötet aus 70 Metern Entfernung

Westbank Er stand kurz vor dem 18. Geburtstag und dem Abschluss seiner Ausbildung, da wurde Obaida von Israels Militär erschossen
Getötet aus 70 Metern Entfernung
Szene aus dem Kurzfilm „Obaida“ (2019) über den Alltag des damals 15-Jährigen

Screenshot: Obaida/Defence for Children Palestine/Youtube

Die Schnellstraße Nr. 60 führt wie eine Nordsüdarterie durch die vorrangig von Palästinensern bewohnte Westbank. Sie ist 235 Kilometer lang, beginnt als Intercity-Route in Israel und tangiert Hebron und Bethlehem. Teile der Trasse werden von zweieinhalb Meter hohen Barrieren, Checkpoints und Wachtürmen mit israelischen Scharfschützen flankiert, tödliche Angriffe und gewaltsame Zusammenstöße sind keine Seltenheit.

Für einen palästinensischen Teenager wie Obaida Akram Abdurahman war die Trasse eine Route der Restriktionen, die auf sein Leben übergreifen konnten. Aufgewachsen im Al-Arroub-Flüchtlingscamp nördlich von Hebron, pendelte der 17-Jährige täglich über diese Straße, um zur Schule in Beit zu kommen, an der er zum Koch ausgebildet wurde. 2019 – als er 15 war – stand Obaida im Mittelpunkt eines mit seinem Vornamen betitelten Kurzfilms, den der US-Journalist Matthew Cassel drehte. Vor der Kamera erzählte der junge Palästinenser vom täglichen Spießrutenlauf durch die israelischen Checkpoints.

Mit verbundenen Augen

„Ich muss diesen Weg nehmen, um meine Schule zu erreichen“, so Obaida, der 14 war, als er das erste Mal festgenommen wurde. Man führte ihn mit verbundenen Augen zum Verhör und warf ihm vor, Steine auf Israelis geworfen zu haben. Er wurde wieder entlassen, um sechs Monate später, im Juli 2018, erneut verhaftet zu werden. Die Anklage lautete, er habe einen Molotowcocktail geworfen, und führte zu vier Monaten Gefängnis. 2019 musste er ein drittes Mal in Arrest, kam aber nach Tagen wieder frei.

Was Obaida widerfuhr, ist typisch für Tausende minderjährige Palästinenser im Westjordanland. Nach israelischem Militärrecht können Kinder ab zwölf in einer Zelle landen, bestätigt Yael Stein von der israelischen Menschenrechtsorganisation B’Tselem. Stein sorgte 2018 als Autorin eines Reports über Repressalien gegen Minderjährige für Aufsehen. Sie schrieb, die meisten jungen Palästinenser ließen sich unter einschüchternden Umständen auf eine außergerichtliche Einigung ein.

Nach seiner dritten Verhaftung konzentrierte sich Obaida ganz auf seine Ausbildung zum Koch. Er sah sie als Chance, prekären Lebensumständen zu entkommen. Doch wenige Wochen vor seinem 18. Geburtstag und dem Abschluss seiner Ausbildung wurde er am 17. Mai von Schüssen aus einem israelischen Posten tödlich getroffen. Was im Moment vor Obaidas Tod genau geschah, bleibt unklar. Zeugen berichten, er sei in der Nähe der Ausfahrt Al-Arroub an der Route 60 aus rund 70 Metern Entfernung erschossen worden. Eine Ambulanz habe ihm nicht helfen können, weil die Anfahrt von Militärs blockiert wurde. Die israelische Armee bestreitet das.

Screenshot: Baida/Defence for Children Palestine/Youtube

Obaida starb bei einer der vielen Demonstrationen in der Westbank während der jüngsten Eskalation des Konflikts zwischen Palästinensern und Israelis, die in den vierten Gazakrieg seit 2008 mündete. Vier Tage nach Obaidas Tod wurde am 21. Mai eine Waffenruhe verkündet, doch die Unruhen hielten an. Am 24. Mai erschoss die israelische Polizei einen 17-Jährigen, der am Rand des arabischen Viertels Sheikh Jarrah in Ostjerusalem mit einem Messer einen Soldaten und einen Zivilisten verletzt hatte. Seit die Feuerpause gilt, habe es in der Heiligen Stadt weiter den Einsatz von Tränengas gegeben, berichtet Rania aus Ostjerusalem, deren Sohn ein Klassenkamerad Obaidas war. „Es gibt die üblichen Schikanen. Polizeiposten an den Zementblöcken in Sheik Jarrah verwehren Palästinensern den Durchgang, während ihn Siedler frei passieren dürfen. Als ich heute durch das Herodes-Tor in der Altstadt ging, dachte ich, wir leben wirklich in einem Kriegsgebiet. Man fühlt sich an Szenen aus einem Hollywood-Kriegsfilm erinnert. Insgesamt bedeutet die Waffenruhe wenig Veränderung für das tägliche Leben.“

Nach Schätzungen der Organisation Addameer, die sich für die Rechte palästinensischer Gefangener einsetzt, werden jedes Jahr rund 700 palästinensische Kinder und Jugendliche von der israelischen Armee festgenommen. Derzeit sitzen 160 Minderjährige im Gefängnis. Auch die Palästinensische Autonomiebehörde, die eigene Razzien gegen Oppositionelle veranstaltet, verhaftet zuweilen Jugendliche und soll sie dem Vernehmen nach foltern. Auf die Bitte, das zu erklären, wird in Ramallah nicht reagiert.

Mit Obaida Akram Abdurahman tötete die Besatzungsmacht in diesem Jahr bereits sechs unter 18-Jährige, vier davon im Mai. „Dieser Junge – und das sage ich mit Trauer und großem Bedauern – ist nur ein Name auf einer langen Liste von vielen anderen“, erklärt die palästinensische Schriftstellerin Mariam Barghouti. Avner Gvaryahu, geschäftsführender Direktor des israelischen Verbandes der Militärveteranen „Das Schweigen brechen“, beklagt ein „System der Ungleichheit“ in der Behandlung palästinensischer Jugendlicher durch die Armee. „Besonders, wenn es um das Werfen von Steinen oder auch extremere Fälle von Gewalt geht, erleben wir immer wieder ein nicht notwendiges Maß an Gewalt. Steinewerfen soll nicht geduldet werden, aber es gibt einige Fälle, in denen es keinen ausreichenden Grund gab, auf die Palästinenser zu schießen – und definitiv keinen Grund, sie zu töten.“ Laut Gvaryahu können Militärs, „die übermäßige Gewalt anwenden, mit einem hohen Maß an Straffreiheit rechnen. Anklagen sind selten, und das Strafmaß ist meist sehr gering“.

Ein Bericht der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch kreidet Israel ein Verhalten an, das an Apartheid grenze. Das Außenministerium reagierte mit dem Vorwurf an die Organisation, sie verfolge seit vielen Jahren eine „anti-israelische Agenda“. Der jetzt vorgelegte Report sei „ein Propagandapamphlet ohne Bezug zu den Tatsachen oder der Realität vor Ort“.

Im Unterschied dazu meint Ayed Abu Eqtaish vom Netzwerk „Defense for Children International – Palästina“, das sich zum Film über Obaida bekennt: „Geht man zum Militärgericht am israelischen Stützpunkt Ofer in der Nähe von Ramallah, sieht man viele palästinensische Jungen, die genau wie Obaida einem System des Militärrechts ausgeliefert sind, das es erlaubt, sie zu beschimpfen und zu misshandeln. Ihnen wird das Recht auf ein ordentliches Verfahren verweigert. In der Regel ist ein Schuldspruch unausweichlich – eine Realität, die wegen ihrer Vorhersehbarkeit nicht zu akzeptieren ist.“

Laut einem Armeesprecher ist eine Untersuchung zu Obaidas Tod eingeleitet. Dazu heißt es: „In den vergangenen Jahren waren zahlreiche palästinensische Minderjährige an Terroranschlägen gegen israelische Zivilisten und Truppen sowie gewalttätigen Ausschreitungen beteiligt. Unter anderem kam es zu lebensgefährlichen Handlungen, wenn Molotowcocktails und Sprengsätze geworfen wurden. Angesichts dessen ergreifen wir Maßnahmen, um das Leben von Menschen zu schützen und zugleich den Schaden für Kinder und Jugendliche so klein wie möglich zu halten.“ Wenn die Armee Minderjährige verhafte, handle sie im Einklang mit israelischem und internationalem Recht. „Gewalt oder andere unangemessene Behandlungen sind absolut untersagt.“

Jessie McDonald arbeitet für den Guardian, unter anderem zu Themen globaler Entwicklung und zu Menschenrechten

Übersetzung: Carola Torti

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06:00 13.06.2021
Geschrieben von

Jessie McDonald | The Guardian

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