Giftiger schwarzer Schimmel

USA Die Native Americans fühlen sich in ihren Reservaten an den Sozialtropf gehängt und von der US-Gesellschaft vergessen. Viele halten diese Isolation nicht länger aus

Das Land der Indianer beginnt dort, wo die ruhige Prärie von Custer-County in die beeindruckende Felsenlandschaft der zerklüfteten Badlands von South Dakota übergeht. Die Straße läuft geradeaus, bis gleichförmig wirkende, mit Schindeln bedeckte Einfamilienhäuser außer Sichtweite geraten und der Reisende mitten in eine Landschaft kommt, die seit Urzeiten durch Wind und Wasser geformt wird. Im Februar sinkt die Temperatur auf weit unter Null, ein unbarmherziger Sturm lässt den Schnee auf der Straße tanzen, weiße Kreisel drehen sich auf dem Asphalt.

Den ersten Hinweis darauf, dass dies ein Teil der Vereinigten Staaten sein könnte, der nicht wirklich dazugehört und für eine Mehrheit der Bürger quasi unsichtbar bleibt, gibt es dort, wo die Straße zu den Ebenen des Pine-Ridge-Indianerreservates emporsteigt. Ein halbverfallener Wohnwagen fristet am Straßenrand sein Siechtum, außen beschmiert mit dem Namen des Sioux-Rebellen, der vor mehr als vier Jahrzehnten die letzte Schlacht zwischen seinem Stamm und dem amerikanischen Staat anführte – ein Aufruhr aus Trotz und Verzweiflung.

Das Sendesignal des christlichen Hörfunks von South Dakota wird schwächer, während eine aufgebrachte Anruferin gerade erläutert, Gott habe die Erderwärmung in die Welt gebracht, um den Menschen einen Vorgeschmack auf das Fegefeuer zu geben. Nach einer Weile dringt der Sender des Reservates durch. Theresa Two Bulls, die Präsidentin des ansässigen Stammes, beklagt den Tod des Schuljungen Joshua Kills Enemy, der sich am Vortag erhängt habe. Seine Beerdigung werde bereits die zweite in dieser Woche sein. Gerade erst habe sich ein 14-jähriges Mädchen auf die gleiche Weise das Leben genommen. Two Bulls fragt: „Warum bringen sich die Kinder des Stammes der Oglala-Sioux um? Warum können wir sie nicht in den Arm nehmen und ihnen sagen, dass wir sie lieben. Wir müssen damit beginnen, ihnen Eltern und Großeltern zu sein.“ Das Ende der Kinder sei ein Symptom für die erschütternde Krise, die Generationen von Oglala-Sioux heimsuche. Mehr als hundert zumeist erwachsene Stammesmitglieder hätten im vergangenen Jahr versucht, sich das Leben zu nehmen. „Man kann daraus ersehen, wie geschlagen und erniedrigt sich die Menschen unseres Volkes fühlen.“

Mythos vom Wohlstand

Pine Ridge gehört mit ungefähr 10.000 Quadratkilometern zu den größten Indianerreservaten der USA, ein Bruchteil des Gebietes, auf dem die Sioux einst im mittleren Westen ihre Jagdgründe hatten. In Pine Ridge leben etwa 45.000 Menschen unter extremen Bedingungen. Vier Fünftel sind arbeitslos, es herrscht akute Wohnungsnot, im Schnitt leben 15 in einem Appartement, andere schlagen sich in Autos, Anhängern und Wohnwagen durch. Mehr als ein Drittel der Häuser von Pine Ridge verfügt entweder über keinen Strom oder kein fließendes Wasser. Hier sterben dreimal soviel Kinder wie sonst in einem US-Bundesstaat. Die Alkoholabhängigkeit ist hoch, die Ernährung so schlecht, dass die Hälfte der indigenen Bevölkerung über 40 unter Diabetes leidet.

Das Pro-Kopf-Einkommen der Oglala-Sioux liegt mit 7.000 Dollar pro Jahr bei weniger als einem Sechstel des Landesdurchschnitts. Die Bewohner von Wounded Knee, wo es 1973 zu einem heftigen Schlagabtausch mit dem FBI kam, haben für gewöhnlich noch nicht einmal die Hälfte davon. Jungen Leuten bleibt nichts anderes übrig, als sich für die Army in Afghanistan rekrutieren zu lassen. Wer einen Job vorweisen kann, ist fast ausnahmslos bei der Stammesverwaltung oder Zentralregierung angestellt. Die Lebenserwartung in Pine Ridge liegt bei gerade einmal 50 Jahren.

Die meisten Amerikaner haben ein anderes Bild von den Reservaten. Die große Nation der Sioux und das Gebiet, in dem sie einst lebten, werden in der öffentlichen Wahrnehmung durch die Legenden von Sitting Bull und Crazy Horse, von General Custers letzter Stellung in der Schlacht am Little Big Horn und Wounded Knee geprägt. Diese Geschichten erinnern die Oglala-Sioux immerfort daran, wie tief sie gefallen sind. So tief, dass man ihnen etwas schuldet in Amerika. Doch viele Amerikaner glauben, die Stämme würden im Casino reich und könnten dank subventionierter Wohnungen, einer kostenlosen Gesundheitsversorgung und regelmäßiger Sozialleistungen ein prächtiges Dasein genießen.

In den 310 inzwischen für Native Americans eingerichteten Reservaten leben beinahe eine Million Menschen – darunter Stämme, die vom Casino-Boom in den Reservaten durchaus profitieren konnten. So haben die Seminolen in Florida durch Bingo mit hohen Einsätzen genug Geld verdient, um für fast eine Milliarde Dollar die Restaurant-, Hotel- und Casiono-Kette Hard-Rock-Café zu kaufen. Andere Stämme verbuchen mit dem Glücksspiel weniger Glück. Was zählt, ist die Nähe zu einer Großstadt. Sie hält die einarmigen Banditen am Laufen und die Kartentische besetzt. Den Navajo, Cherokee und anderen Stämmen haben Affirmative-Action-Programme die Türen zu den Universitäten geöffnet – auch das gibt es.

Aber die Führer von vielen der 564 anerkannten indigenen Gemeinschaften der Vereinigten Staaten sprechen weiter von einer Krise ihrer Gemeinden und lassen sich nicht darin beirren, Präsident Obama unter Druck zu setzen. Er soll seine Versprechen halten und ihre Lebensumstände grundlegend verändern. Der Präsident hat bereits einige Amerikaner aus indigenen Gruppen in politische Schlüsselpositionen berufen, zusätzliche Milliarden für Gesundheitsversorgung, Erziehung und Polizei bewilligt. Jüngst lud das Weiße Haus zum ersten Treffen mit indianischen Führern ein, das nun einmal jährlich stattfinden soll. Auf diesem Gipfel erkannte Obama an, dass den Stämmen eine Geschichte gebrochener Verträge aufgezwungen sei, dass sie vernachlässigt und diskriminiert würden. „Es gibt wenige, die stärker und länger an den Rand gedrängt und ignoriert wurden als unsere Ureinwohner. Man hat euch gesagt, dass euer Land, eure Religion, eure Kultur und eure Sprachen nicht mehr euch gehören. Ich weiß, was es bedeutet, sich allein vergessen zu fühlen“, so Obama.

Kultur der Verzweiflung

Die Verträge, die von den Sioux und anderen Stämmen Mitte des 19. Jahrhunderts mit der US-Regierung abgeschlossen wurden, erwiesen sich als Makulatur, sobald das expandierende Amerika mehr Raum für Eisenbahnen, Bergbau oder Viehzucht brauchte. Im Rückblick betrachten viele Clanführer diese Abkommen als Falle – man versprach viel, tat aber gerade genug, um eine Kultur der Abhängigkeit und Verzweiflung zu etablieren. „Die Regierung wollte uns das Gefühl vermitteln, wir seien besiegt. Das wurde uns regelrecht beigebracht. Sie gaben uns Sozialhilfe, und wir lebten von Sozialhilfe. Einige von uns können gar nicht mehr arbeiten, die wissen gar nicht mehr, wie das geht. Sie sind es gewohnt, einfach nur den ganzen Tag zuhause zu bleiben, fernzusehen und zu trinken. Wir sind da, wo sie uns haben wollten“, meint Two Bulls.

Die 69-jährige Urgroßmutter Adelle Brown hat versucht, sich ein ganzes Leben lang gegen diesen Zustand zu wehren, was ihr nicht immer gelungen ist. Sie wohnt noch in jenem Haus, in dem sie acht Kinder großgezogen hat und dessen Räume heute mit Groß- und Urgroßenkeln vollgestopft sind. Es schlafen mindestens 15 Leute im Domizil der Adelle Brown, die monatlich 538 Dollar Rente und 323 Dollar für die Betreuung eines Adoptivkindes bezieht. Die anderen in diesem Haushalt lebenden Mütter erhalten ein paar hundert Dollar Sozialhilfe. „Wir kommen gerade so über die Runden“, sagt Adelle und lacht.

Two Bulls betrachtet die Wohnungsnot und den schlechten Zustand der Häuser im Reservat, von denen viele von giftigem schwarzem Schimmel befallen sind, als einen Grund für das verlorene Selbstbewusstsein der Menschen. Sie könne das in ihrer eigenen Familie beobachten. Zwischen Baby-Bildern an der Wand hängen die Fotografien zweier Enkel, die in der Army dienen. Two Bulls zeigt auf das Bild einer adretten jungen Frau: „Sie hat sich für ein paar weitere Jahre verpflichtet und ist jetzt in Afghanistan. Danach will sie in der Army bleiben. Wenn nicht, müsste sie wieder zu mir ziehen. Der andere Enkel steht auch in Afghanistan – er sagt dasselbe.“ Versuche, Unternehmen in den Reservaten anzusiedeln, sind gescheitert. So werden alle Hoffnungen auf Obama gesetzt. Two Bulls: „Diese Regierung ist anders. Sie hört uns zu und versteht, was wir ihnen sagen.“ Auch Iron Cloud, der frühere Präsident des Reservats, glaubt an Obama, will aber dafür sorgen, dass der seine Versprechen nicht vergisst. „Diese Regierung sollte sich einfach besser um unsere Leute kümmern, auch wenn sie vom Senat blockiert wird. Wir sollten genug Stammesführer sein – ich spreche hier von 500 Stämmen –, den Kongress besetzen und seine Mitglieder auffordern, sich mit uns auseinanderzusetzen. Ich bin mir sicher, das würde etwas bewirken – wir waren schließlich die ersten Amerikaner.“

Übersetzung: Holger Hutt

Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

16:00 16.02.2010
Geschrieben von

Chris McGreal | The Guardian

Der Freitag ist Syndication-Partner der britischen Tageszeitung The Guardian
Schreiber 0 Leser 5339
The Guardian

Kommentare