Gläubige beschützen

Sri Lanka Das Massaker in den Kirchen Sri Lankas ist Teil eines globalen Musters religiöser Feindseligkeit. Weltweit werden Millionen wegen ihres Glaubens verfolgt
Gläubige beschützen
Auch in Pakistan werden christliche Kirchen wie hier in Quetta inzwischen militärisch geschützt

Foto: Banaras Khan / AFP

Das Massaker in den Kirchen Sri Lankas ist Teil eines globalen Musters religiöser Verfolgung und Feindseligkeit. Christliche Kirchen an dem Tag ins Visier zu nehmen, der für Christen der heiligste ist, stellt nicht nur einen Versuch dar, so viele Familien wie möglich zu töten, sondern auch die Schock- und Demoralisierungswirkung des Angriffs zu maximieren – eine Taktik, die aus dem sektiererischen Kriegen im Irak bekannt ist. Wenn diese Gräueltat von Dschihadisten begangen wurde, was wahrscheinlich erscheint, stellt sie auch einen Versuch dar, einen Kampf der Kulturen herbeizuführen.

Dies entspricht nicht dem Muster der meisten religiös motivierten Morde, nicht zuletzt deshalb, weil es sich im Falle eines islamistischen Anschlags um den Angriff einer Minderheit auf eine größere Bevölkerungsgruppe handeln würde. Für gewöhnlich sind die Minderheiten die Opfer: Christen und Atheisten in weiten Teilen der muslimischen Welt mehr oder weniger verfolgt, vom Sudan bis nach Pakistan. Christen und Muslime sehen sich in Indien Angriffen ausgesetzt. Einige der grausamsten Angriffe richten sich gegen kleine und isolierte Gruppen. In diesem Licht ist die jesidische Minderheit im Irak wohl die am stärksten verfolgte Gruppe weltweit. Unter der Herrschaft des IS wurden Jesidinnen und Jesiden systematisch ermordet, vergewaltigt und versklavt, das alles als Teil eines religiös motivierten Genozids. In China werden christliche und muslimische Minderheiten brutal von Atheisten unterdrückt, bis zu anderthalb Millionen Menschen wurden dort in „Umerziehungslager“ gepfercht, in Myanmar werden Muslime und Christen von Buddhisten verfolgt. In Pakistan wird auch die Gruppe der Ahmadiyya von anderen Muslimen verfolgt.

Abschreckendes Gesetz

In all diesen Fällen wird die Verfolgung damit gerechtfertigt, dass sie notwendig für die Sicherheit und Harmonie des Staates sei. Das Ideal religiöser Toleranz ist relativ neu und wird außerhalb des Westens selbst als Ideal nicht von vielen geteilt. Die römisch-katholische Kirche konnte sich erst 1966 zu ihm durchringen. Erfunden wurde die Lehre von der Trennung von Kirche und Staat in den USA – es kommt einem allerdings so vor, als hätten sie dort während der vergangenen 50 Jahre den Großteil der Zeit damit zugebracht, diese Erfindung wieder rückgängig zu machen. Vor kurzem hat die britische Regierung versucht, eine Definition von „Extremismus“ zu finden, die sie dazu in die Lage versetzten würde, die Anhänger widerwärtiger religiöser Überzeugungen bestrafen zu können – sie ist damit gescheitert. Keine dieser Bemühungen ist so abschreckend und diktatorisch wie Pakistans Blasphemie-Gesetz, das zu Beginn des Jahres beinahe zu einem staatlich legitimierten Mord an Asia Bibi geführt hätte und zum Mord an Politikern geführt hat, die sich zu ihren Gunsten äußerten. Doch sie scheinen zu zeigen, wie schwierig es selbst für aufgeklärte Regierungen ist, völlige religiöse Toleranz zu praktizieren.

Religionsfreiheit ist eine überraschend komplexe Idee. Es handelt sich dabei um mehr als die auf den ersten Blick unproblematische Freiheit, dass einfach jeder glaubt, woran er möchte. Damit ist es nicht getan. Religionen verbinden ein bestimmtes Verhalten und bestimmte Taten mit ihrem Glauben. Es geht bei ihnen sowohl um moralische Fragen als auch um metaphysische und soziale. Moralische Überzeugungen handeln von dem, was wir tun und wie wir andere Menschen behandeln sollten. Als solche können sie nicht privat sein. Sie betreffen die Welt außerhalb unseres Geistes. Dieses Problem kann keine Gesellschaft dadurch lösen, dass sie sagt, jeder solle nach seiner eigenen Auffassung von Moral leben.

Moralische Gebote müssen von Natur aus für alle bindend sein. Um einige offensichtlich umstrittene Beispiele aus den gegenwärtigen Kulturkriegen heranzuziehen: Wenn entweder Rassismus oder Abtreibung immer und überall falsch sind, sollten sie immer und überall verboten sein und denjenigen, die an sie glauben, sollte ihre Freiheit, nach diesen Überzeugungen zu handeln, beschnitten werden. Das ist der Grund dafür, weshalb es im Vereinigten Königreich Gesetze gibt, die die Freiheit zu volksverhetzender Rede einschränken.

Moralische Regeln

Doch diese Beschränkungen sind etwas anderes als Verfolgung. Es besteht ein entscheidender Unterschied, ob jemand davon abgehalten wird, nach seinem Glauben zu handeln, oder ob er für seinen Glauben bestraft wird. Der Staat hat ein Recht zu verbindern, dass der Glaube zu Taten führt, die direkten Schaden verursachen. Aus diesem Grund ist es den Zeugen Jehovas in britischen Krankenhäusern verboten, ihren Kindern lebensrettende Bluttransfusionen zu verweigern. Der Staat hat aber kein Recht, sie zu verfolgen (wie der russische dies tut), nur weil sie sonderbar sind. Keine Gesellschaft kann ohne moralische Regeln funktionieren, die durchgesetzt werden müssen. Aber alle können und sollten eine große Vielfalt an Überzeugungen und Glaubensausübungen innerhalb dieses Rahmens begrüßen.

Zu oft zeugt der Drang, ein Argument ungehört zu machen, vom Willen, die Person zum Schweigen zu bringen, die dieses Argument vorbringt.

Übersetzung: Holger Hutt
15:26 23.04.2019
Geschrieben von

The Guardian

Der Freitag ist Syndication-Partner der britischen Tageszeitung The Guardian
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