Glatt durchgefallen

Körperbehaarung Wenn Professorinnen Bonuspunkte an unrasierte Studentinnen vergeben, wird klar: Die Debatte bleibt schwierig
Hadley Freeman | Ausgabe 33/2014 3
Glatt durchgefallen
Schönheitsideal vom Planeten Kashyyyk: Chewbacca

Foto: Leon Neal/ AFP / Getty Images

In meiner Funktion als Briefkastentante erreichte mich kürzlich folgende Zuschrift einer jungen Frau: „Meine Schwester und ich sind ziemlich behaart, aber das stört sie mehr als mich“, schrieb sie. Sie selbst rasiere ihre Beine und wachse ihren Damenbart, ihre Schwester hingegen mache „das komplette Laser-Programm“. Weiter schrieb sie: „Letztens kam sie bei mir vorbei und war geradezu entsetzt, als sie bemerkte, dass ich mich seit ein paar Tagen nicht mehr unter den Achseln rasiert hatte. Aber ich sage immer: Wenn es gut genug ist für Julia Roberts, ist es auch gut genug für mich. Wer hat recht?“

Ich antwortete der jungen Frau zunächst, dass sie natürlich recht habe – was aber nicht bedeute, dass ihre Schwester falsch liege. Das Thema „weibliche Körperbehaarung“ und die Frage, ob man sie behält, war ja in letzter Zeit wieder sporadisch in den Nachrichten. So hatte Breanne Fahs, Professorin für Frauen und Gender Studies an der Arizona State University, ihren Studentinnen zusätzliche Bonuspunkte angeboten, wenn sie sich zehn Wochen lang nicht die Achseln rasieren und ein Tagebuch über ihre Erfahrungen führen. Männliche Studenten konnten derweil Extrapunkte sammeln, wenn sie sich einer Behandlung unterzogen, die Hochglanzmagazine „Achselhaar-Epilation“ nennen. Fahs will die Studierenden damit anregen, „über soziale Normen und Geschlechterrollen nachzudenken“. Gleichzeitig schaffte der bereits vier Jahre alte Hairy Legs Club – ein Tumblr-Blog, in dem Frauen stolz ihre unrasierten Beine zeigen – den Durchbruch.

Neurosen der Mittdreißiger

Schlussendlich geht es dem Hairy Legs Club und der Professorin um die gleiche Sache: Frauen sollen nicht grundsätzlich mit der Enthaarung aufhören, sondern hinterfragen, warum sie glauben, glattrasiert sein zu müssen. Und vielleicht ist dafür der beste Weg, Rasierer und Wachs für eine Weile wegzulegen und zu testen, wie es sich anfühlt, so komplett au naturel.

Nun gibt es tatsächlich keinen Grund, warum von Frauen – anders als von Männern – erwartet wird, dass sie sich die Achseln rasieren. Trotzdem ist die Verbindung zwischen Weiblichkeit und Haarlosigkeit so stark, dass wohl selbst die gestandenste Feministin beim Anblick haariger Beine und Achseln ein bisschen zusammenzuckt.

Es gibt eine brillante Stelle in Bridget Jones (dem Buch, nicht dem schwächeren Film), in der sich Bridget für ihr Date mit Daniel Cleaver vorbereitet. „Manchmal frage ich mich, wie es wäre, wenn ich in die Natur zurückkehren würde“, schreibt sie. „Mit einem Vollbart im Gesicht und einem Zwirbelbart auf beiden Schienbeinen, Augenbrauen wie Theo Waigel, umgeben von toten Hautschuppen, mit lauter aufbrechenden Pickeln und langen, krausen Fingernägeln wie Struwwelpeter.“ (Nebenbei bemerkt: Das ist einer der vielen Gründe, warum das Buch so viel besser ist als der Film: Der Film reduziert die Handlung auf Bridgets Liebesleben, während das Buch die verschiedensten Neurosen der Mittdreißiger perfekt einfängt – von dem Wahnsinn des Körperideals bis zur besessenen Sauberkeit der Wohnungen ihrer verheirateten Freundinnen.) Die Autorin Helen Fielding arbeitet hier subtil heraus, dass Bridgets Problem nicht darin besteht, sich den ganzen Tag lang ihre Haare vom Körper zu raspeln, sondern vielmehr in ihrem Zwang – weil sie so voller Selbsthass ist, dass sie sich ausmalt, andernfalls auszusehen wie die Star-Wars-Figur Chewbacca.

Mach es und lächle

Aber mir scheint, es gibt wichtigere Dinge, über die sich Frauen Gedanken machen sollten als darüber, ob sie ihre Beine rasieren oder nicht. Dazu gehört, dass Frauen aufhören sollten, sich selbst derart zu peinigen. Du willst dir die Beine und Unterarme rasieren? Gut, tu es. Du willst es nicht? Wunderbar, mach das. Warum man es tut, und dass man es für sich selbst tut, ist alles, was zählt. Wie die junge Frau, die mir schrieb, kann man sich vielleicht dazu durchringen, manche Stellen zu rasieren (Damenbart, Beine), aber auf andere Stellen (unter den Armen) hat man einfach keine Lust. Und auch das ist okay.

Der schwierige Teil besteht darin, das Warum aufzuschlüsseln. Wenn wir in einer Gesellschaft aufwachsen, in der weibliche Behaarung ein so großes Thema ist, wird es knifflig, herauszufinden, ob eine Frau ihre Beine rasiert, weil sie es aufrichtig will oder weil sich die Botschaft bereits in ihrem Hirn eingenistet hat. Da ist es vielleicht wirklich eine gute Idee, den Rasierer und das Wachs für einige Wochen wegzulegen – und zu beobachten, wie sich das anfühlt. Wenn man dann das Gefühl hat, die eigenen haarigen Achseln und Beine seien schön, weil Menschen nun mal Haare haben, dann ist das doch großartig! Und wahrscheinlich wäre unsere Welt eine bessere, wenn wir endlich damit aufhören würden, kleinkariert über alles und jeden zu richten. Manches funktioniert bei manchen, manches nicht. Das ist eine allgemeingültige Wahrheit und gleichzeitig ein Geheimnis, von dem beispielsweise Frauenmagazine von jeher zehren.

Im konkreten Fall der Leserin und ihrer Schwester allerdings klingt es für mich, als würde die Schwester ihre Ängste bezüglich des eigenen Körpers auf sie übertragen, weil sie in der Schwester mehr von sich selbst sieht als in anderen Menschen. Und ich möchte der Leserin sagen: Mach dir nichts draus! Lächle deine Schwester das nächste Mal, wenn sie etwas sagt, einfach süß an und sag ihr, du schätzest ihren Einwand. Aber was für sie funktioniere, funktioniere vielleicht nicht für dich – und jetzt solle sie einfach den Mund halten und dir eine Tasse Tee machen! Und dann, wenn sie dir den Rücken zuwendet und den Teekessel aufsetzt, genieße das sanfte Gefühl des Luftzugs, der durch den Flaum deines Achselhaars weht.

Hadley Freeman ist Kolumnistin beim Guardian. Dort beantwortet die 36-Jährige auch regelmäßig Leserbriefe zu Stilfragen

Übersetzung: Simon Schaffhöfer

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06:00 19.08.2014
Geschrieben von

Hadley Freeman | The Guardian

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