Desmond Tutu
04.09.2012 | 15:13 18

Gleicher Maßstab für alle

Macht und Moral Der Friedensnobelpreisträger Desmond Tutu fordert Tony Blair auf, für seine Rolle im Irakkrieg Verantwortung zu übernehmen

Gleicher Maßstab für alle

Geht es nach Desmond Tutu, sollen Tony Blair und George W. Bush für den Irakkrieg zur Verantwortung zu gezogen werden

Foto: Rodger Bosch/AFP/Getty Images

Kein anderer Konflikt in der Geschichte hat die Welt so sehr destabilisiert und polarisiert wie der sich auf die Lüge vom irakischen Besitz an Massenvernichtungswaffen stützende anglo-amerikanische Einmarsch im Irak. Anstatt zu erkennen, dass die Welt, in der wir leben – mit ihren immer ausgefeilteren Kommunikations-, Transport- und Waffensystemen – einer klugen Führung bedarf, die die Welt näher zusammenbringt, haben die damaligen Regierungschefs der USA und Großbritanniens einen Vorwand erfunden, sich wie Spielplatz-Rabauken aufführen zu können und uns noch weiter auseinanderzutreiben. Sie haben uns an den Rand des Abgrunds getrieben, von dem aus wir nun auf die Gespenster Syrien und Iran blicken.

Wenn Regierungschefs lügen können, wer sollte dann die Wahrheit aussprechen? Tage bevor George W. Bush und Tony Blair den Einmarsch im Irak befahlen, rief ich im Weißen Haus an und sprach mit der damaligen Sicherheitsberaterin Condoleezza Rice, um darauf zu drängen, den Waffeninspekteuren der UN möge mehr Zeit gegeben werden, die Existenz von Massenvernichtungswaffen im Irak entweder zu bestätigen oder zu dementieren. Schließlich könne man mit der Unterstützung quasi der ganzen Welt rechnen, wenn es darum ginge, eine wirklich existente Bedrohung aus der Welt zu schaffen, argumentierte ich. Frau Rice aber hielt einen weiteren Aufschub für zu riskant – der Präsident werde dem nicht zustimmen.

Der Preis war gigantisch

Auf welcher Grundlage entscheiden wir, dass Robert Mugabe sich vor dem Internationalen Strafgerichtshof verantworten sollte, Tony Blair auf der ganzen Welt als Redner auftritt, Bin Laden exekutiert wird und man in den Irak einmarschieren sollte – nicht, weil das Land Massenvernichtungswaffen besitzt, sondern um Saddam Hussein loszuwerden, wie Bushs wichtigster Unterstützer Blair in der vergangenen Woche eingeräumt hat?

Der Preis für die Entscheidung, den Irak von seinem zweifellos despotischen und mörderischen Führer zu befreien, war gigantisch, vor allem im Irak selbst. Noch im vergangenen Jahr starben dort dem "Iraq Body Count"-Projekt zufolge täglich im Durchschnitt 6,5 Menschen durch Selbstmordanschläge und Autobomben. Seit 2003 sind über 110.000 Iraker durch den Konflikt ums Leben gekommen und Millionen vertrieben worden. Bis zum Ende des vergangenen Jahres wurde fast 4.500 amerikanische Soldaten getötet und über 32.000 verletzt.

Auf dieser Grundlage allein schon sollten in einer Welt, in der alle nach dem gleichen Maßstab beurteilt werden, die Verantwortlichen für dieses Leid und den Verlust von Menschenleben den gleichen Weg beschreiten wie einige ihrer afrikanischen und asiatischen Kollegen, die sich in Den Haag zu verantworten hatten und haben.

Und auch jenseits der Schlachtfelder wurde großer Schaden angerichtet, in verhärteten Herzen und Köpfen rund um den Globus. Ist die Gefahr terroristischer Angriffe zurückgegangen? Wie weit ist es uns gelungen, mit dem Sähen von Verständnis und Hoffnung die sogenannte islamische Welt und die sogenannte jüdisch-christliche näher zusammenzubringen?

Niveau der Immoralität

Führung und Moral sind untrennbar miteinander verbunden. Gute Führer sind die Bewahrer der Moral. Die Frage ist nicht, ob Saddam Hussein gut oder böse war oder wie viele seiner Landsleute er massakrieren ließ. Der Punkt ist vielmehr, dass die Herren Bush und Blair sich nicht auf Husseins Niveau der Immoralität hätten herablassen dürfen.

Wenn es für einen Regierungschef akzeptabel ist, auf Grundlage einer Lüge drastische Maßnahmen zu ergreifen, ohne dies eingestehen oder sich entschuldigen zu müssen, wenn sie erwischt werden, was sollen wir dann unsere Kinder lehren?

Ich appelliere an Herrn Blair, nicht über Führerschaft zu sprechen, sondern sie zu demonstrieren. Sie sind ein Mitglied unserer Familie – der Familie Gottes. Sie sind zur Güte, Ehrlichkeit, Moral und Liebe erschaffen, wie Ihre Brüder und Schwestern im Irak, den USA, in Syrien, Israel und Iran.

Ich hielt es nicht für angemessen, das auf dem Discovery Invest Leadership Summit anzusprechen, der am 30. August in Johannesburg stattfand und an dem ich teilnehmen sollte. Je näher das Datum rückte, desto unwohler fühlte ich mich bei dem Gedanken, mit Tony Blair zusammen an einer Veranstaltung teilzunehmen, bei der es um „Führung“ geht und entschuldige mich aufrichtig und voller Demut bei den Veranstaltern, Sprechern und Deligierten des Treffens dafür, dass ich erst so spät abgesagt habe.

Kommentare (18)

Hans Springstein 04.09.2012 | 16:06

Ach der gute Herr Tutu mit seinen guten Vorschlägen ... "Gute Führer sind die Bewahrer der Moral." Ich will keine(n) Führer. Und seit wann kümmert sich Macht um Moral? War das jemals in der Geschichte der Fall?

Nichtsdestotrotz gehören Blair und Bush natürlich wegen des Irakkriegs vor Gericht, aber nicht aus moralischen Gründen.

Hat der gute Herr Tutu eigentlich was dazu gesagt, dass in seiner Heimat Bergarbeiter erschossen werden? Ich hoffe es doch.

tallymann 04.09.2012 | 18:38

Den Haag hat es leider nicht weiter bringen können als zum Gerichtshof, der als Siegerjustizverdächtig gelten könnte.

Nun ratet mal warum.

Doch nicht, weil Kriegsverbrecher von Siegerjustitz reden.

Sondern weil der Anklagepunkt Kriegsverbrecher in sich schon eine conclusio ad absurdum darstellt.

Damit dürfte in der Tat jeder Jurist überfordert sein.

Weshalb man auch brav die Finger davon läßt.

MMunk 04.09.2012 | 20:46

Und die Trolle nölen selbstgefällig hier im Forum ... Bin dennoch zutiefst dankbar dass Menschen wie Desmond Tutu Moral und Anstand hochhalten und verteidigen.

Denn, liebe Meckerfritzen: wenn es niemanden mehr gibt, der sich aus dem Fenster lehnt und sich auch mal unbeliebt macht, über wen wollt ihr dann reden? Über eure eigenen Heldentaten?

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Ehemaliger Nutzer 05.09.2012 | 20:33

Schöne Beispiele für das Instrumentaliseren liest man .Und wäre es nur das-dann verlohnte sich das Pastorenwort schon.

Tallyman,Anklagen wegen Kriegsverbrechen,Verabredung zum Angriffskrieg,Verbrechen gegen die Menschlichkeit,Völkermord oder auch Folter,Gefangenenermordung,Verfolgung Unschuldiger mit und ohne Todesfolgen oder Folter oder Vernichtung der bürgerl.Existenz (Obacht,Obacht,Kameraden der diversen nahen und fernen Ostfronten und natürlich der Westfront) und noch manch andere schöne tatbestandsangelegenheit sind absolut keine Absurditäten,nur weil ungebildeter Pöbel round the world der für ihn,den ungebildeten Pöbel der das Kanonenfutter und die Killer vor Ort und die Folterknechte stellen muß , immer wieder stickum verbreiteten Meinung nachläuft, dass derlei eben so sei, absurd sei sich darüber zu empören,es lächerlich macht wenn Soldaten und Polizisten dazu angehalten werden ,all solches peinlichst zu beachten. Das ist schon oft schief gegangen ,sich über derlei lustig zu machen.Justitias Mühlen mahlen langsam, aber sehr genau.

Der britische Terrier Blair ist ja um die Zeit der ,auf den Mann bezogen der Sache nach berechtigten, Krawattenparty für den Iraker plötzlich aus dem Amt geschieden ,damals ohne jede britisch-politische Not und uralt ist Blair ja auch nicht.Mag sein ,dass der sogar einige Minuten Halsschmerzen bekam,auch die aggressivsten und pöbelhaftesten Nachkriegskinder ,resp. Kriegskleinkinder sind ja nicht mehr die Kerle,die deren diverse Vorgänger durchaus noch waren,betrachtet man das mal jenseits der Bewertung auch derer Taten? Nein, Kriegsverbrechen sind keine juristische Absurdität ,Tallyman, sondern neben Völkermord und Angriffskrieg(der ist einer der wenigen Tatbestände,bei der die Strafbarkeit als solche sogar direkt im GG steht und nicht auf ja leichter zu verändernde Nebengesetze verwiesen wird;mithin der schwerste Straftatsbestand ,den deutsches Recht kennt!) sind eben auch Kriegsverbrechen -schon aus Eigennutz zum Schutze eigener Soldaten und Polizisten die in Gegners Hand fallen könnten,deshalb haben ja der kaiser und andere hohe Herren damals auch unterschrieben- schwerste Verbrechen. Es gibt wirklich sowas wie soldatische Kampfethik, tradierte und geschriebene Normen der Kriegführung usw.,man schießt einfach nicht auf spielende Kinder oder den Eltern beim benzinzapfen helfende Halbwüchsige ,auf Pfarrer oder Schwangere, das macht man einfach nicht. Man läßt Damen jeden Alters und jeder sozialen Schicht eben zuerst ins Boot,das war so und das ist so und das bleibt so-völlig egal, was überbezahlte deutsche Schnüttjungen darüber schreiben in irgendwelchen Kaschemmengazetten.

Hört sich komisch an -aber Kriegführen muß "zivilisiert" möglich sein. Und das wird verunmöglicht und zur offenen Bestialität a la Generalfeldmarschall Schörner und Otto Ohlendorf und vergleichbaren Angehörigen der deutschen "Eliten" .die wie wir wissen es auch so ähnlich in den "Eliten" anderer Völker gibt so wie es ja auch überall Lyndie"Brygida" Englands gibt, wenn man das subtil lächerlichmachend oder brutal-primitiv in Frage stellt ,Tallyman und andere.

Krüge gehen solange zum Brunnen bis sie brechen. Gell,or: it`s clear?

h.yuren 06.09.2012 | 10:31

nun, tutu hat etwas in gang gebracht. das kann mensch nicht von allen priestern sagen. etwas in die richtige richtung.

kriegsverbrecher sollten kriegsverbrecher genannt werden und als solche vor gericht gestellt.

aber, aber. macht und moral gingen noch nie hand in hand. herrschaft ist immer kriminell. die demokratie ist eine herrschaftsform, die keine ausnahme zur regel darstellt. beweise gibt es jeden tag. bush und blair sind zeugen erster 'güte'.

niemand denkt daran, die gesellschaft anzuklagen, die so konstruiert ist, dass kriege zum tagesgeschäft gehören. kriegsgesellschaften kriege vorzuwerfen, ist irgendwie schräg, nicht wahr?

natürlich können die machtkranken die idee der gewaltenteilung nicht ernst nehmen, viel weniger weiter verfolgen. das liegt in der natur der funktionen.

der aufklärerische urgedanke zum staatsunwesen ist verwässert worden, statt fortentwickelt. seit 6000 jahren läuft die geschichte der menschheit so wie vorm und im irakkrieg. das hat der britische historiker arnold toynbee schon so gesehen.

die struktur der kriegsgesellschaft ist seit der bronzezeit praktisch unverändert. das gerede vom fortschritt hat die kleinigkeit übersehen.

Sizwe 06.09.2012 | 15:28

Na klar, der Alt-Erzbischof ist kein Politiker. Er sagt, wie's ist. In Südafrika heißt das: to call a spade a spade. So hält er auch mit seiner Meinung zu den von Israel besetzen Gebieten nicht zurück. Kein Wunder nach seinen eigenen Erfahrungen im Apartheid-Staat. Und: Er schimpft immer wieder mit seiner eigenen Regierung, zuletzt sehr heftig nach dem Marikana-Massaker, das ihm die Demokratie in Südafrika zum "Albtraum" werden läßt. Sehr zum Leidwesen des ANC, der oftmals recht unwillig auf die Bemerkungen des Alt-Erzbischofs reagiert.

Ein Friedensnobelpreisträger, der diesen Titel verdient.