Globalisierte Freibeuter

Piraten Die somalischen Seeräuber erfahren aus London, was sie für ihre Raubzüge über Schiffe, Frachten, Crews und Routen wissen müssen. Ihren Spähern dort entgeht kaum etwas

Der 14-köpfigen Crew des türkischen Tankers Karagöl, der mit chemischem Material beladen im Golf von Aden unterwegs war, stieß das zu, wovor es allen Seefahrern graut: Schwer bewaffnete somalische Piraten rasten auf das langsam fahrende Schiff zu – es gab kein Entkommen. Die Seeleute waren schnell überwältigt und der 5.800 Tonnen schwere Tanker wurde in einen somalischen Hafen dirigiert, in dem er zwei Monate festgehalten wurde, bis mit dem Reeder ein Lösegeld ausgehandelt war. Was die Crew nicht wissen konnte: Ihr Schiff war durch ein Netzwerk von Informanten als potentielles Entführungsziel ausgemacht worden. Ein Netz, geknüpft mehrere tausend Meilen weit – in London.

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Sicherheitsbeamten zufolge sammeln gut informierte Agenten Informationen über Schiffe, die gekapert werden sollen. Im Fall der Karagöl kannten sie nicht nur Bauart und Ausstattung sowie Route und Fracht des Schiffes, so dass die Abnehmer dieser Informationen in Somalia ihren Angriff mehrere Tage lang üben konnten. Schlussfolgerung: Die Piraten haben ein regionales Phänomen in ein globales kriminelles Geschäft verwandelt, das mit seinen Filialen auch ins Herz der britischen Schifffahrt vorgedrungen ist. „Sie haben regelmäßig von dem Schiff aus in London angerufen“, sagt Haldun Dincel, Generaldirektor der türkischen Reederei Yardimci, der die Befreiung des Schiffes aushandelte. Die Verbindungen kamen über Satellitentelefone zustande, die zur Ausrüstung der Freibeuter gehörten.

Mysteriöse Nachrichtenkanäle

Mindestens eine der vier oder fünf wichtigsten Piratengruppen hat „Berater“ in London, die ihnen bei der Auswahl der Ziele behilflich sind. So heißt es in einem Bericht des europäischen Militärnachrichtendienstes, der vor einer Woche zum spanischen Radiosender Cadena SER durchdrang.

Der Report wurde in all den Ländern publiziert, die an der EU-Operation Atlanta zum Schutz von Schiffen im Golf von Aden beteiligt sind. Wie bei Cadena SER zu hören ist, besteht nun kein Zweifel mehr, dass die Entführung mindestens dreier Schiffe – darunter die Karagöl, der griechische Frachter Titan und der spanische Thunfischfänger Felipe Ruano – auf Tipps aus London zurückgingen. In jedem dieser Fälle hätten die Piraten umfangreiches Wissen über Ladung, Nationalität und Kurs des Schiffes besessen.

Es ist nicht bekannt, um wen es sich bei den „Beratern“ handelte, doch Dincel glaubt, sie kommen aus der Branche: „Sie kannten sich einfach zu gut aus.“

Laut Andrew Mwangura, der das in Mombasa ansässige East African Seafarers Assistance Programm leitet, das die Routen der Piraten verfolgt, sind an den Verhandlungen über entführte Schiffe oftmals Somalier beteiligt, die sich in London aufhalten. „Nicht nur im Fall der Karagöl, auch bei vielen anderen Schiffen war das zu beobachten.“ Es sei auffällig, dass viele der den Piraten zugeleiteten Informationen offenbar von internationalen Organisationen stamme, denen es aufgetragen sei, die Schifffahrt auf den Weltmeeren zu überwachen. Auch die Flagge, unter der die Schiff unterwegs seien, werde bei der Auswahl von Kaperzielen häufig in Betracht gezogen. Dabei falle auf, britische Schiffe werden geschont.

„Wir haben das schon oft gehört, und es kommt mir plausibel vor“, sagt Graeme Gibbon-Brooks von der Dryad Maritime Intelligence: „Die Piraten steigern sich immer mehr, weil es kriminelle Gangs außerhalb Somalias sind, die sie finanzieren werden.“ Gibbon-Brooks gibt auch zu bedenken, dass die Piraten zwar Informationen über einzelne Schiffe aus London oder anderswo erhielten, es aber trotzdem schwierig bleibe, ein Schiff auf dem Ozean zu lokalisieren.

Wahrscheinlicher sei es, dass die Piraten Listen mit geeigneten Schiffen erhielten, um diese dann erkennen zu können, wenn die in Sicht kämen.

Keine andere Wahl

Dincel vermutet, die Informanten der Piraten hätten auch die Behörden infiltriert, die den Suez-Kanal kontrollieren. So sei es ihnen möglich gewesen, die Bewegungen der Karagöl von dem Augenblick an zu verfolgen, an dem das Schiff den Kanal verließ. Dincel sprach mehrmals täglich mit einem der beiden Verhandlungsführer der Piraten, die angaben, in den USA gelebt zu haben. „Einer sagte, er hätte zehn Jahre dort verbracht. Der andere hatte einen Abschluss an einem US-College gemacht. Auch der Kapitän des Schiffes meinte, es habe sich um gebildete Leute gehandelt.“

Im Januar bezahlte die Reederei Yardimici schließlich die ausgehandelte Summe, um die Freilassung der Karagöl und ihrer Besatzung zu erwirken. Es blieb ihr keine andere Wahl, um ihr Schiff auszulösen.


Übersetzung: Zilla Hofman

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15:00 15.05.2009
Geschrieben von

Giles Tremlett, The Guardian | The Guardian

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The Guardian

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