Glossar einer Affäre

Politiker-Sprech Wegen einer aufgeflogenen Verleumdungskampagne ist der britische Premier Gordon Brown stark unter Druck. Offen spricht in der Affäre aber niemand. Eine Übersetzungshilfe

Die erste der zwei E-Mails, die ihn seinen Job kosten sollten, versendete Damian McBride, einer der engsten Vertrauten des britischen Premierministers Gordon Brown, am 13. Januar um 17.30 Uhr. „Hier ein paar Ideen, die ich ausgearbeitet habe“, schrieb er dem Labour-Blogger Derek Draper. „Der Einfachheit halber habe ich alles so geschrieben, wie es dann auf der Seite erscheinen sollte.“ Der Text regte eine Reihe unbegründeter, pubertärer Verleumdungen führender Tory-Politiker an. Draper antwortete 20 Minuten später: „Absolut brilliant, Damian. Ich überleg mir was zum Timing und klär diese Woche noch die Technikfrage, damit wir so bald wie möglich anfangen können.“

Die Ziele der Verleumdung waren der Vorsitzende der konservativen Partei, David Cameron, und sein Schattenkabinetts-Schatzkanzler, George Osborne.

Der Plan war Folgender: McBride regte an, völlig haltlose Gerüchte zu streuen, wonach Cameron an einer sexuell übertragbaren Krankheit gelitten haben soll. Er schrieb, Cameron sollte aufgefordert werden, „sowohl seine finanzielle als auch seine gesundheitliche Situation völlig offenzulegen“. McBrides zweite Idee bestand darin, Beweise für komprimitierende Fotos aus Osbornes Studentenzeit zu fingieren. Bezug nehmend auf Bilder, die Osborne mit der Prostituierten Natalie Rowe zeigen und vor 12 Jahren aufgenommen wurden, schrieb McBride: „Peinliche Fotos haben George Osborne seine gesamte Karriere hindurch begleitet – ob er in der Uniform seiner Oxforder Studentenverbindung posierte, mit einer Dauerwelle im Haar auf dem heimischen Teppichboden lag oder auf einer Party in London eine Prostituierte umarmte. Aber er weiß, dass die peinlichsten Aufnahmen aus seiner Vergangenheit noch nicht veröffentlich sind.“

McBride regte an, die Webseite sollte falsche Gerüchte streuen, wonach Aufnahmen existierten, auf denen Osborne „in BH, Damenhöschen und Strumpfhaltern und mit geschwärztem Gesicht“ zu sehen sei. Ein weiterer Vorschlag bestand darin, Gerüchte zu streuen, es gäbe Videomaterial, das belegt, Osborne habe mit besagter Prostituierten geschlafen. Osborne hat dies immer bestritten.

Glossar zur McBride-Affäre von Julian Glover

Politiker sagen oft etwas und meinen doch etwas ganz anderes. In der Affäre um die McBride-Draper-E-Mail-Verleumdungskampagne ist das besonders offensichtlich. Die Affäre begann mit Lügen und endete mit Ausflüchten. Hier ein Glossar, das erklärt, was die Beteiligten wirklich meinen, wenn sie etwas sagen.

Nicht nachgewiesene Behauptungen: Normale Menschen sagen dazu "Lügen". Offensichtlich ist Gordon Brown aber kein normaler Mensch. Der Premierminister versprach in einem Brief, ein solcher Skandal werde sich nicht wiederholen. Er brachte es allerdings nicht über sich zuzugeben, dass seine Leute sich Verleumdungen ausgedacht haben. Daher sprach er davon, die Geschichten seien „nicht nachgewiesen“.

Dichterische Freiheit (englisch: "Poetic license"): Damian McBrides Beschreibung dessen, was man für gewöhnlich „Dinge erfinden“ nennt. Siehe auch: nicht nachgewiesene Behauptungen.

Tiefes Bedauern: Der Premierminister drückte in einem Schreiben an die potentiellen Opfer sein „tiefes Bedauern“ aus, was nicht ganz dasselbe ist wie eine Entschuldigung.

Kindisch und unangemessen: So beschrieb Downing Street den E-Mail-Verkehr. Was damit gemeint ist: Mist, ihr habt uns erwischt.

Kampf-Hund: Wie in Mad Dog McBride. Laut, aggressiv, scharfe Zähne. Unerlässlich so jemanden für den politischen Nahkampf zu haben.

Rotgesichtig und umgänglich: Umschreibung für "kippt gerne einen hinter die Binde".

Taktische Positionierung: Steht eigentlich für "Politik ohne Grundsätze". Das haben auch die Tories drauf. Statt Ideen zu entwickeln, wie sie das Land voranbringen könnten, definieren sich Parteien durch Abgrenzung gegen ihre Gegner, zum Beispiel: Labour – Investitionen; Tory – Ausgabenkürzungen

Falsch und skurril: So bezeichneten die Tories den Inhalt der Downing Street-Mails. Selbstverständlich würde sich kein Tory je an derlei skurrilen Gerüchten beteiligen. Siehe auch: nicht nachgewiesene Behauptungen

Mit dem Freitag durchs Jahr!

12 Monate lesen, nur 9 bezahlen

Geschrieben von

Julian Glover, The Guardian | The Guardian

Der Freitag ist Syndication-Partner der britischen Tageszeitung The Guardian

The Guardian

Wissen, wie sich die Welt verändert. Testen Sie den Freitag in Ihrem bevorzugten Format — kostenlos.

Print

Die wichtigsten Seiten zum Weltgeschehen auf Papier: Holen Sie sich den Freitag jede Woche nach Hause.

Jetzt sichern

Digital

Ohne Limits auf dem Gerät Ihrer Wahl: Entdecken Sie Freitag+ auf unserer Website und lesen Sie jede Ausgabe als E-Paper.

Jetzt sichern

Dieser Artikel ist für Sie kostenlos. Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag abonnieren und dabei mithelfen, eine vielfältige Medienlandschaft zu erhalten. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Jetzt kostenlos testen

Was ist Ihre Meinung?
Diskutieren Sie mit.

Kommentare einblenden