Glückliche Tage

Urlaub in der Krise Früher roch der Sommer nach Risiko und nassem Zelt. So sollte es wieder werden. Denn was ist schon ein Urlaub wert, von dem man danach nur sagt: Doch, schön war's

Mein Leben besteht aus einer Reihe katastrophaler Urlaubsreisen. Angefangen bei dem Wohnwagen, der einen Abhang hinunter stürzte, bis zu jenem Tag, an dem ich gezwungen wurde, eine rohe Muschel zu essen, waren meine Ferien immer ereignisreich. Der Grund? Wir hatten nie Geld.

Der dünnen Börse meiner Eltern hatte meine Familie in den siebziger Jahren eine Reihe Spar-Urlaube zu verdanken, die, wenngleich sie absolut katastrophal waren, bei mir dieses Post-Katastrophen-Leuchten zurückgelassen haben, wie man es sonst nur von Menschen kennt, die eine Nahtod-Erfahrung gemacht haben.

Je schlimmer es war, desto mehr Spaß hatten wir. Wir hatten nichts als ein stinkendes Zelt, drei Klappstühle und eine dieser Slinky-Spiralen. Diese Urlaube haben mich geprägt. Sie haben mich zu dem Menschen gemacht, der ich heute bin.

Urlaub? Pasta? Häh?

Meine Eltern waren Lehrer und angesichts sechs freier Wochen in jedem Sommer, ließ sich nur durch die jährliche Urlaubsreise vermeiden, dass wir uns gegenseitig umbrachten. Wenn es uns gelang, uns gegen einen Campingplatzbesitzer auf derIsle of Whight zu verbünden, standen die Aussichten gut, dass wir bis zum September überlebten. Meine Eltern, die beide aus bodenständigem Arbeiterklasse-Ställen kamen, hatten gerade erst begonnen, ihrem sozialen Aufstieg in die Mittelklasse Ausdruck zu verleihen - meine Mutter hatte die Freuden von Habitat-Möbeln und Küchendurchreichen entdeckt und mein Vater hatte angefangen, Wein statt Dunkelbier zu trinken.

Für sie war der jährliche Urlaub also nicht nur eine Notwendigkeit, sondern ein Schritt nach oben. In der Kindheit meiner Mutter hatten Urlaube aus Tagesausflügen bestanden, deren Höhepunkt darin bestand, Sand von einem Ei zu puhlen. Für meinen Vater, der aus einer walisischen Minenarbeiterfamilie stammte, war Urlaub etwas, von dem er mal in Cardiff jemanden flüstern gehört hatte. Wie Pasta. Er hatte aber keinen Schimmer, was das sein sollte.

Wir fingen bescheiden an, mit einem Abstecher auf die Halbinsel Gower. „Fange mit dem an, was du kennst,“ sagte mein Vater. Die Sache ist nur, dass wir in den siebziger Jahren überhaupt nichts kannten. Diese naiv-hoffnungsfrohe Ahnungslosigkeit war es, die uns an der Nase in alle möglichen Abenteuer zerrte. Einmal hatten wir als Übernachtungsort ein Feld gewählt, das zu einer Klippe hinunterführte und versuchten, in einem Sturm ein Zelt aufzubauen.

Weil es sonst nichts gab, an dem wir uns hätten erheitern können, entschieden meine Eltern mir meinen Willen zu lassen und mir zu erlauben, in einen riesigen rosa Plastikeimer zu pinkeln, der in einer Ecke unseres Zeltes stand. Ich war drei und als ich kichernd auf dem Behältnis saß, merkte ich, dass dessen Durchmesser größer war, als meiner. Meine Beine schraubten sich in die Höhe, ich glitt langsam abwärts. Ich stieß einen Schrei aus - von der Sorte, wie ihn in einen Brunnen gefallene Jungtiere machen - aber es war zu spät. Ich saß drin.

Risiko=Spaß, eine einfache Gleichung

Als Urlaubsziel konnten die britischen Inseln nicht lange bestehen. Geplagt vom schlechten Wetter und getrieben von der Überzeugung meiner Mutter, das europäische Festland sei ein glücklicher Ort mit langen Sonnenuntergängen und voller Männern mit aufgeknöpften Hemden, erweiterten wir unseren Radius und streckten unsere Fühler nach Frankreich aus. Die Überquerung des Kanals machte uns noch ärmer, was im wissenschaftlichen Umkehrschluss zehnmal mehr Spaß bedeutete. Wir aßen nichts außer Dosenfleisch und ich fiel in ein Loch im Boden, das sich als Toilette erwies.

Wir hausten immer in einem nassen Zelt. So gehört es sich. Jurten, stromlinienförmige Wohnwagen, Tippis und Angeberzelte mit Holzöfen und richtigen Betten verfehlen den Kern der Sache – Camping war nie schick und wird es auch nie sein. Ich war schon mal in einem „Zelt“, das über eine Dusche verfügte, in der man stehen konnte, über einen Fernseher und eine Waschmaschine. Das war genauso fehl am Platz wie Käse im Rand einer Pizza. „Glamping“, Glamour-Camping ist ja schön und gut, aber beseitigt man den Risiko-Faktor, geht auch der Spaß-Faktor flöten.

Nichts wert: Ein Urlaub, der nur schön war

Protzige Hotels haben mich noch nie interessiert. Abgesehen davon, dass ich im Rahmen meiner beruflichen Tätigkeit ab und zu gezwungen bin, in welchen zu übernachten, habe ich tatsächlich noch nie von mir aus einen Hotelurlaub gebucht. Ich finde sie irgendwie aseptisch und charakterlos. Die Sache ist, dass der Versuch Geld zu sparen zu besseren Abenteuern führt. Wo bleibt bei einem Cocktail am Pool der Adrenalinkick? Das mag vielleicht angenehm sein, aber was ist interessant oder spannend daran, aus einem Urlaub nach Hause zu kommen und nur sagen zu können: „Ja. Schön war’s“? Ich habe schon jede Menge Reisen gemacht, die ein Vermögen gekostet haben. - In italienischen Villen mit endlosen Pools und in Häusern, die in den Hollywood-Hills schwebten. Würde man mich bitten, etwas darüber zu erzählen, hätte ich nichts zu sagen. Doch, schön war’s. Mehr aber auch nicht.

Es lässt sich auf verschiedenste Weise billig Urlaub machen. Geht man Zelten und hat echtes Glück, findet man sich vielleicht wie es meiner Familie einmal passierte, inmitten eines Waldes in Fontainebleau wieder, in Gesellschaft eines verrückten Mannes und eines wilden Keilers. Wir waren umzingelt. Meine Mutter dachte, wir würden ermordet und anschließend verspeist und mein Vater saß die ganze Nacht senkrecht da und hielt einen Holzhammer umklammert.

Wenn Sie es nicht ganz so rau mögen, fangen Sie eine Stufe höher an – machen Sie Freunde ausfindig, die irgendwo hingezogen sind, wo Sie gern einmal hin möchten und melden Sie sich bei ihnen. Nichts anderes ist Sinn und Zweck von Social-Networking-Seiten! Warum also kein Interneturlaub? Möglich macht’s zum Beispiel die Internetseite couchsurfing.com, eine Online-Community wagemutiger Reiselustiger, die den Globus bereisen und unterwegs Zwischenstopps bei anderen Online-Usern einlegen.

Ich habe schon auf Ibiza ein Bett mit einer Fremden geteilt, und auf der Farm eines Freundes gehaust, wo ich mir mein Abendessen buchstäblich erarbeiten musste und ellenlange Zugfahrten erlebt, weil sie günstiger waren als ein Flug. All das habe ich gemacht, weil sich in mir die Auffassung verfestigt hat, dass ein Urlaub kein Urlaub ist, wenn er nicht dreckig und billig ist und Pannen-Potenzial hat.

Das ist das echte Leben. Also legen Sie los. Und legen Sie die Kreditkarten weg. Alles, was sie für einen herrlichen Urlaub voller Spaß brauchen, ist ein ungefährer Orientierungssinn (und noch nicht mal der ist heutzutage unbedingt vonnöten), die Bereitschaft, sich allem zu stellen und die Einsicht, dass man mit Geld niemals Glück erkaufen können wird. Schöne, glückliche Ferien also.

Lektüre für Ihre Liebe

Schenken Sie zum Tag der Liebe gute Argumente statt Rosen.

Übersetzung der gekürzten Fassung: Zilla Hofman
Geschrieben von

Emma Kennedy, The Guardian | The Guardian

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The Guardian

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