Glücksfall Gerechtigkeit

London-Riots Diejenigen, die Plünderungen und Straßenschlachten in der britischen Hauptstadt verurteilen, täten gut daran, sich den Kontext der Ausschreitungen zu vergegenwärtigen

Seit in Großbritannien die Koalition aus Konservativen und Liberaldemokraten vor über einem Jahr an die Regierung gekommen ist, hat das Land eine Vielzahl von Studentenprotesten, Besetzungen von Universitäten, Streiks und eine Gewerkschaftsdemonstration mit einer halben Million Teilnehmern erlebt. Jetzt gibt es Unruhen auf den Straßen Londons und anderer Großstädte. Ihnen waren Zusammenstöße zwischen der Polizei und Aktivisten im Bristoler Stadtteil Stokes Croft zu Beginn des Jahres vorausgegangen. Auch wenn jedes dieser Ereignisse einen anderen, je eigenen Auslöser hatte, so fanden sie doch alle vor dem Hintergrund brutaler Kürzungen und verschärfter Sparmaßnahmen statt. Die Regierung ist sich sehr wohl bewusst, dass sie mit ihrer Politik Massenunruhen von einem Ausmaß riskiert, wie wir sie lange nicht mehr gesehen haben. Dass die Leute in Tottenham, Edmonton, Brixton und anderswo in den vergangenen Nächten auf die Straße gegangen sind, könnte für die Regierung eine ernsthafte Pechsträhne einleiten.

Die Politik des vergangenen Jahres mag zwar die Kluft zwischen den Privilegierten und den Besitzlosen verdeutlicht haben, doch der Kontext für die sozialen Unruhen reicht viel weiter. Die fatale Erschießung Mark Duggans am vergangenen Donnerstag, der – entgegen der ersten Berichte – selbst nicht geschossen hat, fügt der Geschichte von Übergriffen der Londoner Polizei auf ihre Bürger einen weiteren tragischen Fall hinzu. Besonders betroffen sind dabei Schwarze oder Angehörige ethnischer Minderheiten. Bestimmte Gegenden und Personengruppen sind einer besonderen Überwachung, Personenkontrollen und täglicher Schikane ausgesetzt.

100 mal mehr

Ein Journalist hat jüngst sein Erstaunen darüber zum Ausdruck gebracht, wie viele Leute in Tottenham der Polizeibeschwerdestelle Independent Police Complaints Commission (IPCC) kritisch gegenüber stehen. Dabei sollte dies keineswegs überraschen. Wenn man bedenkt, dass seit 1998 mindestens 333 Menschen in Polizeigewahrsam gestorben sind und kein einziger Polizeibeamter je für einen dieser Fälle verurteilt wurde, kann man nachvollziehen, dass viele der Ansicht sind, die IPCC und die Gerichte beschützen eher die Polizei als die Leute.

Wenn man ein verständliches Misstrauen und eine durch Erfahrung gespeiste Abneigung gegenüber der Polizei mit großer Armut und weit verbreiteter Arbeitslosigkeit zusammennimmt, wird einem klar, warum die Menschen auf die Straße gehen. Haringey, der Bezirk, zu dem Tottenham gehört, hat den vierthöchsten Anteil an Kinderarmut in London und mit 8,8 Prozent eine Arbeitslosenrate, die doppelt so hoch ist wie der nationale Durchschnitt. In diesem Stadtteil kommen auf ein Jobangebot 54 Arbeitssuchende.
Diejenigen, die die jetzigen Ereignisse verurteilen, täten gut daran, einen Schritt zurückzutreten und das Gesamtbild zu betrachten: Dieses zeigt ein Land, in dem die reichsten zehn Prozent der Bevölkerung heute 100 Mal mehr haben als die ärmsten zehn Prozent – und  wo ein auf private Verschuldung gegründeter Konsumismus jahrelang als die Lösung für die Probleme einer schwächelnden Wirtschaft propagiert wurde. Und in dem es der OECD zufolge um die soziale Mobilität so schlecht bestellt ist wie in keinem anderen entwickelten Land.

Eines der ungleichsten Länder

Richard Wilkinson und Kate Pickett weisen in ihrem Buch Gleichheit ist Glück. Warum gerechte Gesellschaften für alle besser sind darauf hin, dass Phänomene, die für gewöhnlich als „soziale Probleme“ charakterisiert werden (Kriminalität, schlechter Gesundheitszustand, Zahl der Gefängnisinsassen, psychische Krankheiten) in ungleichen Gesellschaften wesentlich stärker verbreitet sind als in solchen, in denen die Verteilung des ökonomischen Reichtums gerechter vonstatten geht und die Kluft zwischen Arm und Reich entsprechend geringer ist. Jahrzehnte, die von Individualismus, Wettbewerb und von staatlicher Seite geförderter Selbstsucht geprägt waren, in Kombination mit einer systematischen Zerschlagung der Gewerkschaften und einer immer weitreichenderen Kriminalisierung abweichender Meinungen haben Großbritannien zu einem der ungleichsten Länder in der entwickelten Welt gemacht. Spektakuläre Bilder von ausgeräumten Geschäften mögen genau das sein, wonach es die ruhelosen, stets nach neuen Geschichten und Buhmännern gierenden Medien verlangt. Aber wir werden nichts von diesen Ereignissen verstehen, wenn wir die Geschichte und den Kontext ausblenden, in die sie eingebettet sind.
 

17:11 09.08.2011
Geschrieben von

Nina Power | The Guardian

Der Freitag ist Syndication-Partner der britischen Tageszeitung The Guardian
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