Gold zu Geld

Inflation Die Lira verliert rapide an Wert, die Bürger bangen um ihre Existenz – es rumort heftig in der Türkei
Gold zu Geld
Die Goldpreise ändern sich derzeit ständig, so dass viele lieber in Dollar investieren

Foto: Ozan Kose/AFP/Getty Images

In einem Schmuckgeschäft in der Nähe des Istanbuler Taksim-Platzes öffnet Seda ein elegantes Lederetui und legt ihren Goldschmuck auf die Theke. Der Eigentümer des Ladens befördert Ketten, Ringe, Armreifen und einen Anhänger vorsichtig auf eine kleine Waage und ruft dann einen Goldhändler an, um die aktuelle Ankaufsrate zu erfahren. „Früher habe ich einmal in der Woche auf den Goldpreis geschaut. Jetzt muss ich mich vielleicht 50-mal am Tag vergewissern“, erzählt er. Die Kundin möge mit dem Verkauf ihres Schmucks noch warten, rät er, womöglich werde sich der Preis stabilisieren oder gar steigen. Tatsächlich rutscht die Lira weiter ab, und Menschen wie Seda, die ihren Nachnamen lieber nicht nennen will, suchen nach Wegen, mit der schwierigen Wirtschaftslage umzugehen.

Inflation 36 Prozent – Rekord

Die türkische Währung hat im Vorjahr die Hälfte ihres Wertes gegenüber dem Dollar verloren; allein im November fiel der Kurs um fast 30 Prozent. Wer keine Devisen oder Gold besitzt, das er verkaufen kann, muss sich einschränken, der kauft etwas weniger Gemüse oder noch weniger Fleisch oder stellt sich gleich bei den von der Regierung subventionierten Brotverkaufsstellen an. In der ersten Januarwoche ist die Inflationsrate auf über 36 Prozent gestiegen. Ökonomischen Konventionen zum Trotz reagiert Präsident Recep Tayyip Erdoğan mit einer fortgesetzten Senkung des Basiszinssatzes. Nachdem er Anfang September 2021 den Leitzins von 19 auf 15 Prozent reduzierte, wurde er am 16. Dezember nochmals auf 14 Prozent gesetzt, was die Lira einem neuen Rekord beim Wertverfall entgegentrieb. Aber Erdoğan preist diese Zinspolitik als „ökonomischen Unabhängigkeitskrieg“, der notwendig sei, um den Export und die Investitionen aus dem Ausland anzukurbeln sowie Arbeitsplätze zu schaffen. Nur haben viele Bürger schwer damit zu tun, unter diesen Bedingungen zu überleben.

Seda erzählt, sie wolle ihr Gold zu Geld machen, um dringend ein Haus, also etwas Wertbeständiges zu kaufen. „Mein Mann wollte, dass ich den Wert unseres Goldes bestimmen lasse. Wir wissen noch nicht genau, was wir tun werden, weil die Preise derzeit so stark schwanken“, sagt sie. „Für den Hauskauf einen Kredit aufnehmen, das können wir nicht, weil unklar ist, wie es mit unserer Währung weitergeht.“ Sie wisse schlicht nicht, was man augenblicklich am besten unternehmen solle. „Mein Mann setzt auf irgendeine Kryptowährung“, erzählt sie weiter. „Ich versuche wirklich, ihn davon abzuhalten. Wir streiten darüber. Er ignoriert die türkische Lira komplett und denkt, Krypto sei die Zukunft.“

Staatschef Erdoğan verwies erst kürzlich darauf, dass er es schon einmal geschafft habe, die Geldentwertung in seinem Land auf vier Prozent zu reduzieren. Er versprach, dieses Niveau von 2011 werde bald wieder erreicht sein. Die meisten Ökonomen hingegen halten seine Geldpolitik für leichtsinnig und prophezeien für das Jahr 2022 eine Inflation von im Schnitt 30 Prozent. In türkischen Finanzkreisen sehen das viele genauso. In den vergangenen zweieinhalb Jahren hatte das Land vier Zentralbankchefs. Anfang Dezember trat nunmehr Finanzminister Lütfi Elvan zurück. „Aus der Zentralbank wurden alle vernünftigen Leute vertrieben; entweder wurden sie entlassen oder sie sind freiwillig gegangen“, glaubt Jason Tuvey, Ökonom bei Capital Economics in London. „Ganz ähnlich sieht es im Finanzministerium aus. Lütfi Elvan galt als der letzte Vertreter einer rationalen Politik, aber er wurde durch einen loyalen Anhänger Erdoğans ersetzt.“ Der besteht unterdessen darauf, dass sein „neues ökonomisches Modell“ letztlich Früchte trägt. Im Dezember versicherte er den Türken: „Wir wissen, was wir tun. Wir wissen, wie wir es tun. Wir wissen, was wir erreichen werden.“ Wiederholt hat er die Türken aufgefordert, ihr Geld nicht unter der Matratze zu lassen und auf die Bank zu bringen. Und trotz ökonomischer Reformen, die darauf abzielen, die Arbeitskosten zu senken und Exporte anzukurbeln, erhöhte er zugleich den Mindestlohn.

Ein anderer Juwelier namens Hakki Liça erzählt, dass er in seinem Geschäft das Gold von der Theke nach hinten geräumt habe, weil es ihn störe, dass so viele Leute nach den neuesten Preisen fragen, aber nichts kaufen. Wenn Kunden viel Bargeld haben, das sie in Gold anlegen wollen, ruft er Händler auf dem Großen Basar in Istanbul an und arrangiert einen Privatverkauf. Die meisten seiner Klienten zögen den Dollar vor, und dies in einem Ausmaß, dass manche eine türkische Hochzeitstradition ändern und statt der traditionellen Goldmünzen ausländische Währung an ein Brautkleid heften würden. „50 Dollar sind eben besser als Gold.“ Hakki Liça flüstert: „Gut 70 Prozent meiner Kunden sind in Panik, vielleicht weil sie Schulden haben, die sie loswerden wollen.“ Selva Demiralp, Wirtschaftsprofessorin und früher Ökonomin bei der US-Zentralbank, urteilt: „In der Türkei ist die Wurzel des Finanzchaos die lockere Geldpolitik selbst. Wenn die Zentralbank nicht zu einer strikteren Haltung übergeht, wird die Nachfrage nach Dollars anhalten.“ Dabei würden sich die Entscheidungen der Regierung eben auch zunehmend in den Geldbörsen der Bevölkerung bemerkbar machen.

„Alles ist teuer geworden. Ich bin deshalb mit meiner Familie zu den Schwiegereltern gezogen, damit wir keine Miete mehr zahlen müssen“, erzählt Gunay Akil, die vor einem Supermarkt steht, der für günstige Preise bekannt ist. „Es gibt Arbeitsplätze, aber kein Geld“, fügt sie hinzu. Ihr Mann arbeite bei einer Firma, die Kücheneinrichtungen herstelle und ihre Mitarbeiter derzeit immer nur für einen halben Monat bezahle, so dass sich die meisten von ihnen verschulden müssten. Sie zeigt auf ihren Einkauf: ein Kilo Zwiebeln und ein großer Kohl. „Das ist unser Abendessen heute. Brot, Joghurt und Kohlsuppe.“ Bei den Aussichten im neuen Jahr ist Akil pessimistisch. „Ich habe keine Hoffnung, dass die Inflation ein Ende nimmt.“

Bei vielen Wählern kommen die Versprechen der Regierung, ein baldiger Wirtschaftsboom sei unausbleiblich, immer weniger an. Nicht auszuschließen, dass sich Missmut und Frust auf die nächste Wahl auswirken, die 2023 ansteht, wenn nicht früher abgestimmt werden muss. Selva Demiralp, die mit Politikwissenschaftlern die Wahltrends erforscht hat, formuliert es vorsichtig: „Vorläufige Forschungen auf der Basis von Daten des Monats November zeigen, dass bei denen, die 2018 für Erdoğans AKP stimmten, die Unzufriedenheit mit der wirtschaftlichen Lage auf die Frage Einfluss hat, ob sie die aktuelle Regierung wiederwählen.“

Im Laden des Goldhändlers ist Seda nicht bereit, zu sagen, wem sie ihre Stimme geben wird, doch sie wagt eine vorsichtige Voraussage: „Ich glaube, ein paar Dinge werden sich ändern.“

Ruth Michaelson ist Guardian-Korrespondentin für den Mittleren Osten

Übersetzung: Carola Torti

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06:00 15.01.2022
Geschrieben von

Ruth Michaelson | The Guardian

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