Goth for Life

Subkultur Einmal Goth, immer Goth: Alexis Petridis hat mit Carl McCoy von "Fields of the Nephilim" darüber gesprochen, weshalb Bands und Fans dieser Szene so lange treu bleiben

Carl McCoy sitzt in einer Londoner Kneipe. Er ist schwarz gekleidet, seine Augen sind hinter einer Sonnenbrille verborgen. Der Frontmann der Band Fields of the Nephilim ist auf zwar höflich, aber kurzangebunden und beim besten Willen nicht der entgegenkommendste Interviewpartner. Über seine Texte spricht er nicht gerne und auch zur Musik seiner Band äußert er sich nur vage: “Wir mochten diesen Aspekt des Dunklen“ ist nicht grade eine erhellende Auskunft.

Bei einem Thema jedoch wir McCoy redselig: Bei den Fans. Das Fields of the Nephilim als Gothic-Band bezeichnet würden, störe ihn überhaupt nicht, sagt er: „Ich betrachte das als eine Bezeichnung, die die Anhänger sich selbst gegeben haben. Unsere Fans sind großartig, sind uns treu geblieben und mit uns erwachsen geworden. Wir werden bald auf einem Festival in Leipzig spielen, bei dem die ganze Stadt eine Woche lang von Leuten in schwarzen, wunderbaren, dramatischen Kleidern übernommen wird. Fantastisch.“

Tagsüber Professor, des Nachts Gothic-DJ

McCoy selbst erklärt sich die unsterbliche Hingabe seiner Fans unter anderem mit seiner religiösen Erziehung und seinem Interesse für Magie. Eine etwas nüchterne Erklärung könnte mit einer der Besonderheiten der Gothic-Szene zusammenhängen: Dass viele Goths nämlich keinesfalls mit zunehmendem Alter aufhören, Goths zu sein. Statt wie die Angehörigen vieler anderer Jugendbewegungen im mittleren Alter aus der Subkultur auszusteigen, ziehen sie es vor, das „Erwachsensein als Goths zu bewältigen“. So zumindest drückt es Paul Hodkinson aus, der tagsüber Soziologie-Professor an der Universität von Surrey und des Nachts Gothic-DJ ist. Seine Forschungsergebnisse zum Thema alternde Goths wurde im British Journal of Sociology veröffentlicht. „Eine große Zahl von Leuten bleibt auch mit dem Älterwerden in der Szene. Hinzu kommt eventuell eine vergleichsweise kleine Zahl junger Leute, die neu hinzukommen“, sagt er. „Es geht hier nicht um einige Einzelpersonen, die innerhalb einer sonst jüngeren Szene älter werden, sondern um eine Szene, die kollektiv erwachsen wird.“

Goth gibt es seit nunmehr dreißig Jahren. Der Begriff stammt von dem Produzenten Martin Hannet, der so einst den Sound der Band Joy Divison beschrieb. Was wir heute damit verbinden – Kleidung in schwarz und lila, gefärbte Haare und eine Vorliebe für die Sisters of Mercy – bildete sich eigentlich erst in den frühen Achtzigern heraus. Die Schminke und die immer kunstvollere Kleidung waren eine glamouröse Reaktion auf das mürrische Anti-Image des Post-Punk, die theatralische Düsterkeit eine Erwiderung auf die Fröhlichkeit des 80s-Pop. Aber Goth blieb und das obwohl – oder vielleicht weil - die Musikpresse die Szene weitestgehend schmähte, verlachte oder ignorierte. Seinen kommerziellen Höhepunkt erlebte der Goth bizarrer Weise in der Ära des Acid House und von Madchester.

Gothic-Familie des Monats

Danach verlagerte die Szene sich in den Untergrund. Heute ist die Welt des in die Jahre kommenden Goth ein faszinierendes Alternativuniversum, das eine ganze Menge an Events und Festivals zu unterhalten vermag. Hineinspähen kann man etwa auf der Seite gothic-familiy.net. Dort wird nicht nur etwa Kinderbetreuung für Gothveranstaltungen organisiert, sondern auch rege mit Kinderkleidung gehandelt wird, die etwa die Aufschrift I'm a little darkling trägt. Für Väter gibt es T-Shirts, auf denen I'm Dead (mit durchgestrichenem e) steht. Goth-Eltern können Schnappschüsse von sich und ihren Sprösslingen für die Gothic-Familie des Monats-Galerie einreichen.

Was Hodkinson da beschreibt, klingt hin und wieder schon ein bisschen tragisch – man müsste doch sehr hartherzig sein, um sich nicht von den Schilderungen von Goths rühren zu lassen, die ihr Erscheinungsbild an Alterssymptome wie Haarausfall und Gewichtszunahme anpassen. Öfter aber erfährt man Herzerwärmendes über starke Bande und eine beständige Gemeinschaft. „Innerhalb der Subkultur werden langfristige Freundschaften aufgebaut, Verhaltensmuster wurden von der Subkultur bestimmt“ sagt Hodkinson. Frage er Goths, warum sie auch im Alter in der Szene blieben, erhielt er oft die Antwort: „Warum sollte man mit etwas brechen, dass einem ein Gefühl der Zugehörigkeit, und Gemeinschaft und echte Freundschaften verschafft?“

In der Musik hingegen schlägt sich das Älterwerden des Publikums nicht wieder: “Manchmal werden auf der Bühne schon mal Bemerkungen über das Alter des Publikums gemacht. Einen Eingang der Thematik in die Texte kann ich mir aber nicht vorstellen, weil bei den meisten immer auch ein gewisser Grad an Rückwärtsgewandtheit im Spiel ist. Bei den Texten will man, dass es um das geht, um das es immer ging, nicht ums Vaterwerden“, meint Hodkinson. McCoy hat zwar seine Töchter beim Titeltrack des neuen Fields of the Nephilim-Albums "Mourning Sun" mitsingen lassen, inhaltlich blieb es aber bei esoterisch-religiösen Bilderwelten, statt bei den Freunden der Vaterschaft.

Goth-Flohmärkte und Zumba-Fitness

Dennoch ist der Einfallsreichtum beeindruckend, mit dem Goths in der Lebensmitte Aspekte ihrer Subkultur an ihre sich verändernden Bedürfnisse und Umstände anpassen.
Ich unterhalte mich mit Tim Chandler. Er ist 39 und wurde vor über 22 Jahren Goth. Heute vereinbart er die Mitgliedschaft in drei Gothbands mit seinem Architektenberuf. Er kann viel erzählen über Cybergoth, Horrorpunk, Gothic Metal und all die anderen musikalischen Subgenres, aber auch über Goth-Flohmärkte oder Treffen für Goths, die in der Finanzbranche arbeiten. Hodkinson hingegen weiß von einer Gruppe älterer Goth-Frauen zu berichten, die sich regelmäßig zu gemeinsamen Aktivitäten wie Zumba-Fitness treffen.

Wer sich nun nicht von der zugegebenermaßen faszinierenden Vorstellung von Goth-Zumba-Kursen lösen kann, sollte sich vor Augen führen, dass die Goth-Kultur nicht die einzige ist, deren Angehörige es mit dem Alter nicht gut sein zu lassen wollen. Ich habe Teddy Boy-Opas in einem Rock 'n' Roll-Club in Surrey getroffen und jeder Einwohner der britischen Stadt Brighton kann von regelmäßig an Feiertagen einfallenden mittelalten Mods berichten.

Doch während man, laut Hodkinson, Punk sein kann, ohne auszusehen wie der Sänger von The Exploited, ist es weniger einfach, ein Goth zu sein, ohne auch irgendwie jenen Look zur Schau zu tragen, der der Eingliederung in den Modemainstream bislang widerstanden hat. „Beim Punk zum Beispiel ging es vielen immer auch um Ansichten, die zumindest semi-politisch waren, sich also auf etwas übertragen lassen, dass weniger offensichtlich oder spektakulär hinsichtlich des äußeren Erscheinungsbildes ist. Im Zentrum der Goth-Subkultur hingegen stehen eher ästhetische Dinge, die vor allem in Musik und Stil Ausdruck finden. Ob es darüber hinaus ein spezifisches Goth-Wertesystem gibt, lässt sich nicht eindeutig sagen.“

Raum für Bewegung

Eben dieses Nichtvorhandensein eines eindeutigen und eigenen Wertesystems könnte denn auch der Grund für die Langlebigkeit des Goth sein. „Es handelt sich um eine Gruppe, die sich in einer Art und Weise als ziemlich intelligent und belesen betrachtet, die man bei anderen Subkulturen kaum antrifft oder die bei anderen Subkulturen zumindest nicht in diesem Maße im Kontext der Gruppe betont würde. In gewisser Hinsicht handelt es sich um eine sehr subversive Gruppe, die etwa in Sachen Sexualität herausfordert – es findet sich eine gewisse Androgynität, Bisexualität ist weit häufiger als gewöhnlich, es gibt fetischistische Elemente. Trotzdem würde ich nicht von einer Gruppe sprechen, die sich sonderlich gegen das Establishment richten würde.“

Dass Goths ihrer Szene so lange treu bleiben, mag auch andere Gründe haben. McCoy sagt, beim Goth gehe es um mehr als Kleidung und Musik: „Es ist ein Lebensstil, eine Kultur in der es sich gut leben lässt“. Chandler meint außerdem: „Im Gegensatz zu anderen Genres lassen sich beim Goth Bezüge zu Literatur- und Kunstgattungen herstellen. Art Nouveau, die romantische Lyrik des 18. Jahrhunderts, die Prä-Rafaeliten oder die schlechten Horrorfilme aus den Dreißigern könnte man alle Goth nennen. Zudem hat der Goth eher ins Spirituelle gehende Elemente, der Paganismus etwa ist stark vertreten. Diese Vielseitigkeit bietet Raum für Bewegung, innerhalb der Szene lässt sich immer etwas Neues entdecken – auch mit fortschreitendem Alter.“

Auch wenn sie für die Arbeit vielleicht einen etwas dezenteren Look wählen oder beim Ausgehen etwas früher nach Hause gehen, als früher, haben weder Chandler, noch Hodkinson oder die von Letzterem Interviewten vor, in der absehbaren Zukunft ihre toupierten Mähen zu stutzen oder den schwarzen Lippenstift auszurangieren. „Goth zu sein ist Teil meiner Selbst geworden“, Chandler. „Ich glaube nicht, dass ich das einfach ablegen könnte. Es macht zwar nicht aus, was ich bin, ist aber eine Facette meines Charakters.“

Übersetzung: zilla Hofman

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Ihre Freitag-Redaktion

15:00 01.05.2012
Geschrieben von

Alexis Petridis | The Guardian

Der Freitag ist Syndication-Partner der britischen Tageszeitung The Guardian
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The Guardian

Ausgabe 37/2021

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