Wie könnt Ihr es wagen!

Klimakrise Sollten die Regierungschefs dieser Welt uns im Stich lassen, wird meine Generation ihnen das nie verzeihen. Die Rede von Greta Thunberg in der Übersetzung

All das hier ist falsch. Ich sollte nicht hier stehen. Ich sollte zurück in der Schule sein, auf der anderen Seite des Ozeans. Trotzdem kommt Ihr alle zu mir, um zu hoffen? Wie könnt Ihr es wagen! Mit euren leeren Worten habt Ihr mir meine Träume und meine Kindheit gestohlen. Und trotzdem bin ich noch eine von denen, die Glück haben. Menschen leiden. Menschen sterben. Ganze Ökosysteme brechen zusammen. Wir stehen am Beginn eines Massenaussterbens. Und alles, worüber Ihr reden könnt, ist Geld und Märchen von ewigem Wachstum. Wie könnt Ihr es wagen!

Am 25. September 2019 wurde bekannt gegeben, dass Greta Thunberg für ihr Engagement mit dem „Alternativen Nobelpreis“ ausgezeichnet wird. Im Juli 2019 veröffentlichte der Freitag ein Gespräch zwischen der Klimaaktivistin und der US-amerikanischen Politikerin Alexandra Ocasio-Cortez

Seit über 30 Jahren sind die wissenschaftlichen Aussagen eindeutig und klar. Wie könnt Ihr da weiterhin wegsehen, um dann hierher zu kommen und zu behaupten, Ihr würdet genug unternehmen, wenn die politischen Maßnahmen und Lösungen, die erforderlich wären, noch immer nirgendwo zu sehen sind?

Ihr sagt, Ihr würdet uns „hören“ und hättet die Dringlichkeit verstanden. Doch ganz egal wie traurig und wütend ich bin, will ich das nicht glauben. Denn würdet Ihr die Situation wirklich vollauf begreifen und trotzdem nicht handeln, dann wärt Ihr böse. Und ich weigere mich, das zu glauben.

Die weit verbreitete Idee, unsere Emissionen in zehn Jahren zu halbieren, verschafft uns lediglich eine 50-prozentige Chance, die Erderwärmung unter 1,5 Grad Celsius zu halten und der Gefahr zu entgehen, eine unumkehrbare Kettenreaktion auszulösen, die wir nicht mehr kontrollieren können.

Vielleicht findet Ihr 50 Prozent ja akzeptabel. Doch diese Zahlen beinhalten keine Kipppunkte, die wenigsten Rückkopplungsschleifen, keine von toxischer Luftverschmutzung verdeckte zusätzliche Erwärmung und Gerechtigkeits- und Gleichheitsaspekte. Die Zahlen basieren außerdem auf der Annahme, dass meine Generation und die meiner Kinder hunderte von Milliarden Tonnen an CO2 aus der Luft saugen werden – mit Technologien, die noch kaum existieren. Ein 50-prozentiges Risiko ist daher für uns, die wir mit den Konsequenzen leben müssen, nicht akzeptabel.

Der Wandel kommt, ob es Euch gefällt oder nicht

Für eine 67-prozentige Chance, unter einer globalen Erderwärmung von 1,5 Grad Celsius zu bleiben – die beste Quote, die der Weltklimarat anbieten kann –, hätte die Welt am 1. Januar 2018 noch 420 Gigatonnen CO2 emittieren können. Diese Zahl ist heute bereits auf weniger als 350 Gigatonnen gesunken. Wie könnt Ihr so tun, als sei dies mit business as usual und ein paar technischen Lösungen zu schaffen. Mit den Emissionswerten von heute wird das verbleibende CO2-Budget in weniger als achteinhalb Jahren aufgebraucht sein.

Heute werden keine Lösungen oder Pläne bekanntgegeben werden, die diesen Zahlen wirklich Rechnung tragen. Denn diese Zahlen sind zu unbequem. Und Ihr seid noch immer nicht reif und verantwortungsbewusst genug, um die Dinge beim Namen zu nennen.

Ihr lasst uns im Stich. Doch die jungen Leute fangen an, Euren Verrat zu verstehen. Die Augen aller künftigen Generationen sind auf Euch gerichtet. Und wenn Ihr euch dazu entscheidet, uns im Stich zu lassen, werden wir euch das nie verzeihen. Wir werden euch das nicht durchgehen lassen. Genau hier und jetzt ziehen wir die Grenze. Die Welt wacht auf. Und der Wandel kommt, ob es euch gefällt oder nicht.

Dies ist die Rede, die Greta Thunberg am Montag beim UN-Sondergipfel zum Klima in New York gehalten hat

Übersetzung: Holger Hutt
18:25 24.09.2019
Geschrieben von

Greta Thunberg | The Guardian

Der Freitag ist Syndication-Partner der britischen Tageszeitung The Guardian
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