Fiachra Gibbons
22.07.2011 | 07:00 2

Große Klappe

Porträt Jean-Luc Godard war ein radikaler Autorenfilmer. Mittlerweile kämpft er für ein Kino ohne Urheberrechte. Und für Griechenland - das er mit Aristoteles retten will

Jean-Luc Godard hat eine Lösung für Europas Finanzkrise parat. Sie ist so einfach und genial, wie man dies von dem Mann erwarten würde, der zusammen mit den Jungen Wilden der Nouvelle Vague in den Sechzigern das Kino aus seiner Zwangsjacke befreit hat: „Die Griechen haben uns die Logik gegeben. Dafür stehen wir in ihrer Schuld. Es war Aristoteles, der das große ‚Deshalb‘ aufbrachte: ,Du liebst mich nicht, deshalb...‘ oder ‚Ich habe dich mit einem anderen Mann erwischt, deshalb ...‘ Wir verwenden dieses Wort millionenfach für die wichtigsten unserer Entscheidungen. Es wird Zeit, dass wir dafür bezahlen.“

Er fährt fort: „Wenn wir jedes Mal zehn Euro nach Griechenland überweisen würden, wenn wir das Wort benutzen, wäre die Krise in einem Tag überwunden und die Griechen müssten den Parthenon nicht an die Deutschen verkaufen. Wir verfügen mit Google über die technischen Möglichkeiten, all diese Deshalbs aufzustöbern. Die Rechnungen könnten über das Iphone zugestellt werden. Jedes Mal, wenn Angela Merkel den Griechen sagt: Wir haben euch all das Geld geliehen, deshalb müsst ihr es mit Zinsen zurückzahlen, wären Tantiemen fällig.“ Er lacht, ich lache. Jemand im Nebenzimmer lacht.

Godard gibt nur selten Interviews und sagt bereits zugesagte Termine oft kurzfristig ab. Über 30 Jahre lang hat er versucht, eine neue Filmsprache zu finden, und schloss sich in seiner Werkstatt in der langweiligen Schweizer Stadt Rolle ein. Ein französischer Philosoph erzählte mir einmal, er habe eine Woche vor Godards Wohnung auf eine Unterredung mit ihm gewartet.

Jenseits des Copyrights

Das mittlerweile achtzigjährige Enfant terrible des Kinos hat während seines 40-jährigen Kampfes gegen Hollywood kein bisschen von seinem Talent für nonkonformistische Provokationen eingebüßt. Film Socialisme, der vergangene Woche in Großbritannien in die Kinos kam, ist in seiner ganzen verwirrenden Großartigkeit ein klassischer später Godard: ein betäubender Angriff auf Augen, Hirn und Sitzfleisch des Zuschauers, der seine Geduld und Konzentrationsfähigkeit auf eine harte Probe stellt, dabei aber von einer kaum zu leugnenden Originalität ist.

Natürlich gibt es keinen Plot, Gott behüte! Stattdessen befinden wir uns an Bord eines Mittelmeerkreuzers – eines schwimmenden Las Vegas, das in Luxus und Konsum ertrinkt. Ein griechischer Chor, der aus Schauspielern und Philosophen besteht, flaniert unter den Passagieren über das Deck und zitiert dabei auf Französisch, Deutsch, Russisch und Arabisch Bismarck, Beckett, Derrida, Conrad und Goethe.

Der Film ist schwer konsumierbar. Godard lässt Bilder der Gräueltaten des vergangenen Jahrhunderts auf der Leinwand Revue passieren und schneidet subtil Aufnahmen von Schiff und Meer dagegen oder unterbricht mit einem treffenden Zitat: „To be right, to be 20, to keep hope“, hören wir Patti Smith sagen, die mit ihrer Gitarre wie ein missmutiger Teenager über das Deck streift. Ist das wirklich die Zukunft des Films, wie Godard-Fans behaupten? Ich bin mir nicht sicher. Ich weiß nur, dass kein anderer solche Filme macht. Und welcher andere Regisseur würde das ganze Ding am Tag vor dessen Kinostart auf Youtube einstellen – wenn auch mit rasender Geschwindigkeit?

Godard ist im Grunde gegen das bürgerlich-kapitalistische Konzept des Urheberrechts: Gegen Ende seines Filmes Film Socialisme streckt er ihm auf wenig subtile Art und Weise den Mittelfinger entgegen, eine Raubpiraterie-Warnung erscheint und eine Texttafel: „No comment.“ Godard-Fans sehen in dem Film nicht nur eine Metapher auf Europa – ein Schiff voller unzufriedener alter Leute, die in ihrer eigenen Geschichte treiben –, sondern betrachten ihn auch als Manifest für eine „neue Republik der Bilder“, frei von der Erblast der Gesetze des geistigen und ökonomischen Eigentums.

Dieses neue Kino wird in einer Welt jenseits des Copyrights montiert werden, in der das Recht des Autoren bald so antiquiert und überholt erscheinen wird wie das mittelalterliche Recht der ersten Nacht. Godard hat bislang wenig über sein neues Werk wissen lassen, er kam nicht mal zur Premiere nach Cannes im vergangenen Jahr. Er schickte nur eine Nachricht: „Aufgrund von Problemen griechischer Art kann ich Ihnen dieses Jahr in Cannes nicht zu Diensten sein. Ich würde für das Festival in den Tod gehen, aber keinen Schritt weiter.“

"Der Film ist am Ende"

Das ist der Godard, den wir alle kennen: Der Mann der großen Gesten, der intellektuellen Witze. Mit Filmen wie Außer Atem, seinem Regiedebüt, schrieb er die Regeln des Kinos neu: „Eine Geschichte sollte einen Anfang, einen Mittelteil und ein Ende haben, aber nicht notwendigerweise in dieser Reihenfolge“, verkündete er.

Angestachelt von seinem hervorragenden Kameramann Raoul Coutard drehte er ohne Vorbereitung und ohne Skript mit Handkameras und bereitete damit nicht nur der französischen Nouvelle Vague, sondern einer gesamten Generation von Independent-Filmemachern den Weg. Scorsese, Tarantino, Altman, Fassbinder, De Palma, Soderbergh, Jarmusch, Paul Thomas Anderson – auf die eine oder andere Art haben sie und zahllose andere sich selbst mithilfe dieses rätselhaften Schweizers mit dem unerschöpflichen Vorrat an beißenden Aphorismen geformt, die Filmwissenschaftler noch jahrhundertelang beschäftigen werden: „Fotografie ist Wahrheit. Das Kino – das ist die Wahrheit 24 Mal in der Sekunde“.

Empfindet er es als Druck, noch immer als Autorenfilmer aller Autorenfilmer gesehen zu werden, als permanenter Visionär? „Ich bin kein Autor, nun, zumindest nicht mehr“, sagt er so beiläufig, als habe er das Rauchen aufgegeben. „Wir hielten uns einmal für Autoren, aber das waren wir nicht. Wir hatten keine Ahnung, wirklich. Der Film ist am Ende. Es ist traurig, dass niemand seine Möglichkeiten auslotet. Aber was soll man machen? Mit den Mobiltelefonen und all dem ist heute doch sowieso jeder ein Autorenfilmer.“

Godard verlor sich in der Folge der 68er-Bewegung zeitweise in einen obskuren Maoismus – und der Mensch verschmolz immer mehr mit seinem Werk.

Der Godard, der jetzt in einer Pariser Wohnung in einem engen T-Shirt vor mir sitzt und aussieht wie ein stoppeliger Buddha mit Brille, der gerade von seinem Mittagsschlaf aufgewacht ist, wirkt menschlicher und kindlicher als die Legende. Er lispelt leicht. Er ist ausgelassen und geduldig, versucht Fragen zu beantworten, die andere wahrscheinlich als Beleidigungen empfinden würden. Und er versucht dabei die meiste Zeit, ernsthaft zu bleiben. Es fällt schwer, in ihm den „Scheißkerl“ zu sehen, als den ihn sein Nouvelle-Vague-Kollege François Truffaut bezeichnet hat, als er sich in den Siebzigern mit ihm überwarf.

Ist er Antisemit? Er blockt ab

Godard redet auf einmal sogar freundlich über Hollywood, zumindest über das der 1930er bis 1950er Jahre, „das Filme machen konnte wie sonst niemand. Heute können sogar die Norweger so schlechte Filme machen wie die Amerikaner.“ Er lässt sich darüber aus, dass der Western kein narratives Genre sei: „Alles, was man weiß, ist, dass ein Fremder in die Stadt einreitet.“

Ich frage ihn nach der Rolle des Lamas und des Esels in Film Socialisme, die den Kritikern einigen Stoff zum Rätseln gab. „Die Wahrheit ist, dass sie auf der Wiese neben der Tankstelle standen, wo wir die Sequenz gedreht haben. Voilà. Kein Geheimnis. Ich verwende, was ich finde.“ Die Leute würden oft nach Bedeutungen suchen, wo es gar keine gebe.

Ich beginne mich zu fragen, ob er nicht vielleicht einfach großartig missverstanden wurde und in Wahrheit viel einfacher gestrickt ist, als es scheint. Oder er möchte, dass wir das glauben. „Die Leute stellen nie die richtigen Fragen“, sagt er. „Meine Antwort an die Person, die mir niemals die richtige Frage über Film Socialisme stellen wird, ist, dass mein Lieblingsbild darin das von Palästina ist, mit den Trapezkünstlern.“ Sie schwingen dort in einer Szene durch die Luft, unterlegt von einem Sprachengemisch, das Arabisch klingt. Für Godard ist es eine Metapher für die Schönheit, die entstehen wird, wenn Juden und Araber lernen, miteinander zu arbeiten.

Wir bewegen uns auf ein empfindliches Terrain zu: Godards mutmaßlicher Antisemitismus. Die Debatte entbrannte im vergangenen Jahr, als er den Ehren-Oscar erhielt. Seine feindliche Haltung gegenüber Israel und seine starke Unterstützung für die Palästinenser wurde ihm oft als Judenhass ausgelegt, was er als „idiotisch“ zurückweist. Der Philosoph Bernard Henri-Lévy, der mit ihm an einer Reihe gescheiterter Projekte über „das Jüdischsein“ arbeitete, nannte ihn einmal einen Mann, „der versucht, sich von seinem Antisemitismus zu heilen“. Dieser könnte von seiner großbürgerlichen schweizerisch-französischen Familie herrühren, die Großeltern kollaborierten mit dem Vichy-Regime.

In Film Socialisme legt Godard seine Hand mit Sätzen wie diesem erneut ins Feuer: „Es ist eine eigenartige Vorstellung, dass Hollywood eine Erfindung der Juden sein soll.“ Schon 1975, bei seinem Dokumentarfilm Ici et ailleurs, wurde ihm eine antisemitische Geisteshaltung vorgeworfen.

Vor ein paar Wochen ist erneut ein Buch erschienen, in dem er des ‚Antisemitismus‘ bezichtigt wird. Der französische Autor Alain Fleischer definiert jemanden als Antisemiten, der Israel das Existenzrecht abspricht. Godard hatte in seinem Leben mehrmals den Umgang der Israelis mit den Palästinensern mit der früheren Vertreibung der Juden durch die Nazis verglichen – und hat sich damit Feinde gemacht.

Ich versuche, Godard zu einer Äußerung zu bewegen, aber er blockt ab. Das macht mich traurig. „Er sagt, der Mann habe dies und das gesagt, aber der Mann und das Werk sind zwei verschiedene Dinge“, erklärt er nach einer Weile. Ich frage nach, ob das bedeuten soll, dass der Mensch antisemitisch sein könne, das Werk aber nicht. Godard winkt ab: „No, no! Das ist alles lächerlich.“ Mehr ist von ihm zu diesem Thema nicht zu kriegen.

Ein Godard-Film mit Happy End?

Reden wir am Schluss also darüber, was er als Nächstes vorhat. Da springt er auf wie ein Jugendlicher, verschwindet im Nebenzimmer und kommt mit einem Skript zurück. „Hier, nehmen Sie“, sagt Godard – aus irgendeinem Grund scheint er zu glauben, ich könne ihm irgendwie bei der Veröffentlichung behilflich sein. Ich bin gerührt, gleichzeitig aber auch tieftraurig darüber, dass ein solch großer Pionier des Kinos offenbar so hausieren gehen muss. Doch muss er das denn wirklich? Oder veröffentlicht er das Stück demnächst einfach auf Youtube?

Während ich den Boulevard Magenta entlangstreife, überlege ich, ob ich das Drehbuch womöglich selber realisieren sollte. Schließlich bedeuten Godard Copyright und die Idee des Autoren ja nichts mehr.

Adieu to Language (Adieu zur Sprache) heißt sein neues Projekt. Es geht um ein Paar und einen Hund, um das Leben, den Tod, und alles andere auch. Aber der eigentliche Star ist der Hund. Ja, vielleicht sollte ich das wirklich machen. Aber ist die Welt denn schon reif für Lassie? Die Sinnsuche eines Hundes im Universum der Existenz? Oder, noch verrückter: Für einen Godard-Film mit Happy End?

Fiachra Gibbons war stellvertretender Kulturressortleiter des Guardian und schreibt u. a. über Kunst, Literatur sowie Griechenland.

Kinorevolutionär und politischer Provokateur

Jean-Luc Godard wurde 1930 als Sohn eines Arztes in Paris geboren, seine Mutter entstammte einer Schweizer Bankiersfamilie. Als die Nationalsozialisten in Paris einmarschierten, floh die Familie in die Schweiz. Nach Kriegsende studierte Godard an der Sorbonne Ethnologie und ging häufig in die Filmklubs des Quartier Latin, in denen er François Truffaut, Claude Chabrol und Eric Rohmer traf. Sie schrieben Filmkritiken für die Kino-Zeitschrift Cahiers du Cinéma und suchten nach neuen Erzählformen. Godard fand sie, als er begann, Regie zu führen. 1954 drehte er Opération Béton, seinen ersten Dokumentarfilm über den Bau einer Staumauer in der Schweiz. Mit dem Spielfilmdebüt Außer Atem (À bout de souffle), nach einem Drehbuch von François Truffaut, avancierte Godard 1960 zur führenden Figur der Nouvelle Vague. Sein Film Der kleine Soldat (Le petit soldat), der den Algerienkrieg behandelt, wurde für zwei Jahre verboten.

Im Anschluss drehte Godard mit seinen Musen Anna Karina, Anne Wiazemsky oder Jean Seberg. Brigitte Bardot hat er in Die Verachtung (Le Mépris) besetzt. 1968 boykottierte er das Festival von Cannes, er hatte sich als Linker radikalisiert. In den siebziger Jahren realisierte er politische Filme wie Hier und dort (Ici et ailleurs), den Godard mit einem Maoisten in einem Palästinenserlager gedreht hat. Seither taucht immer wieder die Frage auf: Ist Godard ein Antisemit? Dass er 2010 einen Ehren-Oscar erhalten sollte, hat viele Amerikaner irritiert: Godard hatte sich abfällig über Juden in Hollywood geäußert. Zur Verleihung erschien er nicht. Film Socialisme, sein aktuelles, collagenhaftes Werk, ist in Großbritannien gerade angelaufen. ML

Übersetzung: Holger Hutt

Kommentare (2)

Popkontext 22.07.2011 | 15:22

Letztes jahr hat er jemandem, der wegen Urheberrechtsverletzung zahlen musste, 1000 Euro spendiert: www.popkontext.de/index.php/2010/09/14/jean-luc-godard-schenkt-verurteiltem-urheberrechtsverletzer-1000-euro/ In dem Kontext sagt er: “Ich bin natürlich gegen Hadopi [das französische Internet-Copyrightgesetz und dessen ausführende Behörde]. [...] Ich bin zum Beispiel gegen die Vererbung [von Werken]. Die Kinder eines Künstlers könnten vielleicht bis zur Volljährigkeit von den Urheberrechten ihrer Eltern profitieren. Aber danach ist mir nicht klar, warum Ravels Kinder irgendwelche Einnahmen aus Bolero erzielen sollten… ” (Je suis contre Hadopi, bien sûr. Il n’y a pas de propriété intellectuelle. Je suis contre l’héritage, par exemple. Que les enfants d’un artiste puissent bénéficier des droits de l’œuvre de leurs parents, pourquoi pas jusqu’à leur majorité… Mais après, je ne trouve pas ça évident que les enfants de Ravel touchent des droits sur le Boléro…)