Großes Unglück für den Imam

11. September Der Geistliche Feisal Rauf aus New York galt als Gesicht des liberalen Islam in Amerika. Jetzt wird er wegen 9/11 zum Blitzableiter einer antimuslimischen Hysterie

Die treibende Kraft hinter Park51, wie das Projekt zum Bau eines muslimischen Kulturzentrums mit Restaurant und Schwimmbad nach seiner Adresse in Manhattan offiziell heißt, ist heute eine der am meisten polarisierenden Persönlichkeiten der Vereinigten Staaten. Für seine Kritiker ist Feisal Rauf ein anti-amerikanischer Terroristenfreund, der sich weigert, die Hamas zu verurteilen, und die Auffassung vertritt, Amerika sei für die Tragödie des 11. September 2001 selbst verantwortlich. Für diese Klientel ist Park51 nichts als ein anti-amerikanischer Affront und weiterer Beleg für die schleichende Islamisierung der USA.

Zeichen der Zeit

Die Schärfe, die Feisal Rauf, dem Imam, entgegenschlägt, ist erstaunlich. Die rechte Bloggerin Pamela Geller tituliert ihn als „heimlichen Radikalen“, der von Toleranz spreche, gleichzeitig zum „Völkermord“ anstachele. Auch die Republikaner schließen sich diesem Urteil an. Aber es sind nicht nur die Extremisten, die sich Gehör verschaffen: Auch jüdische Gruppen, einflussreiche Demokraten und sogar die amtierende „Miss USA“, eine Muslimin, haben sich gegen Park51 ausgesprochen – eine erstaunliche Allianz, die gegen den Mann mobil macht, der sich selbst als gemäßigt betrachtet, zahllose interreligiöse Treffen veranstaltet hat und dem die US-Regierung so viel Vertrauen entgegenbringt, ihn als FBI-Berater zu empfehlen.

Aber das sind die Zeichen der Zeit. Immerhin hält jeder fünfte Amerikaner Präsident Obama für einen Moslem. Das Land wird von Medien dominiert, die davon leben, Menschen gegeneinander aufzuhetzen. Ein Land, in dem eine Handvoll rechtsradikaler Blogger die Debatte über Park51 so weit von der Realität wegzerren kann, dass Rauf als Bedrohung für die nationale Sicherheit erscheint und sein über Jahre hinweg mühevoll aufgebauter Ruf als Repräsentant eines liberalen Islam dahin ist. Fast allen, die sich derzeit an dieser Debatte beteiligen, scheint die Wahrheit nicht von Bedeutung – ein großes Unglück für einen Mann, der wie Millionen von Einwanderern mit ganzem Herzen Amerikaner ist.

Feisal Abdul Rauf wurde 1948 in Kuwait geboren. Sein Vater, ein angesehener ägyptischer Kleriker namens Muhammad Abdul Rauf, wurde von der Regierung in Kairo wie viele muslimische Gelehrte auf Posten in der ganzen Welt berufen – in seinem Fall in Großbritannien, Malaysia und am Golf. Daher musste Rauf in seiner Kindheit viel umziehen. Sein Akzent bezeugt noch heute die Zeit in Cambridge. Das Nomadentum endete erst, als die Familie in die USA ging. Man schrieb das Jahr 1965. Rauf war damals 17. „Ich wusste nicht, ob ich Ägypter oder Engländer war“, sagte er einmal über diese Zeit. Bald aber fand er heraus, dass er zum Amerikaner geboren war.

Jüdische Freunde

Als sie in New York ankamen, zog Raufs Familie in ein kleines Appartement über der Moschee in der West 72nd Street, wo sich Rauf sen. um eine kleine Gemeinde aus muslimischen Einwanderern und schwarzen Konvertiten kümmerte. Feisal studierte Physik und ging als Postgraduierter nach New Jersey. Obwohl seine Familie sehr konservativ war (seine Mutter durfte nicht Auto fahren), führte er ein ganz normales Studentenleben, hatte einen großen Freundeskreis, interessierte sich für Autos und Mädchen. Jüdische Freunde aus jener Zeit erinnern sich, dass er 1967 während des israelisch-arabischen Sechs-Tage-Krieges versuchte, die Bedeutung des Nahostkonflikts für die amerikanischen Juden nachzuvollziehen. „Er besaß eine aufrichtige Offenheit“, sagte sein Klassenkamerad Alan Silberstein der New York Times.

Rauf hat andere immer willkommen geheißen. Noch heute spricht er von dem nachhaltigen Einfluss, den seine Kindheit in Malaysia auf ihn hatte. In diesem sehr heterogenen Land leben mehrere Ethnien nebeneinander und die dort praktizierte Form des Islam ist äußerst moderat. Dennoch wählte er die USA zu seiner Heimat. In all seinen Reden spricht Raul von „wir“ und „unserem Land“. 1980 wurde er US-Bürger. In seinen Arbeiten über den Islam hat er immer wieder die interreligiösen Verbindungen zwischen Judentum, Christentum und Islam betont und betrachtet Kontroversen zwischen diesen Religionen als Familienstreitigkeiten.

Aus dem Buch Moses

Später reiste er viel und wurde schließlich Sufi – eine Spielart des Islam, bei der die Mystik stark im Vordergrund steht. Ein sufistischer Gelehrter in der Türkei bat ihn, in New York eine sufistische Moschee zu erbauen. Rauf entsprach diesem Wunsch und hängte 1983 die weltliche Arbeit an den Nagel und baute in Manhattan die Masjid al-Farah-Moschee. Diese war von Anfang an ein gemäßigter, Frauen gegenüber aufgeschlossener Ort, der viele verschiedene Menschen anzog. Etwa die in Kaschmir geborene Innenarchitektin Daisy Khan, die gleichsam als Teenager nach Amerika gekommen war.

Sie hatte nach einer gemäßigten Form des Islam gesucht und diese in der Al-Farah-Moschee gefunden, ihren künftigen Ehemann gleich mit. Die beiden arbeiteten fortan zusammen, besonders nach dem 11. September. Plötzlich versuchten alle Amerikaner, den Islam zu verstehen. Journalisten und Politiker suchten händeringend nach einer Stimme, die ihn erklären konnte. Rauf und Khan konnten dieses Verlangen befriedigen. 1997 hatte Rauf die American Society for Muslim Advancement zur Förderung einer muslimisch-amerikanischen Identität und der Annäherung zwischen muslimischen und nicht-muslimischen Amerikanern gegründet. Kahn hatte sich schon lange für Frauenrechte eingesetzt. Plötzlich hatten die beiden Nachrichtenwert. Sie wurden in Fernsehshows eingeladen und Politiker suchten ihren Rat. Sie wurden zum Gesicht des moderaten amerikanischen Islam. Beim Gedenkgottesdienst zu Ehren des ermordeten Wall-Street-Journal-Reporters Daniel Pearl sprach Raul das jüdische Glaubensbekenntnis aus dem Buch Moses: „Höre, oh Israel, der Herr unser Gott ist einer, nicht nur am heutigen Tag bin ich Jude, ich bin es immer gewesen.“

Ins Wespennest geraten

Die guten Absichten Raufs interessieren kaum noch jemanden – seit es die Debatte um Park51 gibt, das ursprünglich nach Rauls inter-religiöser Initiative Cordoba House benannt wurde. Der Name spielte auf das maurische Emirat an, das für seine religiöse Toleranz bekannt war. Die Rechten glauben jedoch, es handelt sich um eine Referenz an die islamische Eroberung Spaniens.

Und wenn Rauf sagt, die US-Außenpolitik habe viele Muslime wütend gemacht, so sagt er nichts anderes als viele Liberale und sogar einige Konservative wie etwa Glenn Beck. Seine Kritiker aber machen daraus die Behauptung, Raul sei der Ansicht, Amerika habe die Angriffe vom 11. September verdient. Wenn er davon spricht, er wolle, dass der Islam sich in den USA ausbreite, unterstellt man ihm den Wunsch nach Islamisierung. Dabei sieht es jeder religiöse Mensch gern, wenn die Anzahl seiner Glaubensbrüder wächst. In dieser Atmosphäre können die Raufs nur verlieren. Weit von einem radikalen Vorhaben entfernt, war Park51 eher ein recht amateurhaftes Unternehmen. Rauf hatte keine Medienkampagne betrieben, was seinen Kritikern als Beweis dafür genügt, die Raufs hätten etwas zu verheimlichen. Aber alle Indizien deuten darauf hin, dass zwei liberale Muslime aus Naivität in ein Wespennest getreten sind.
Übersetzung: Holger Hutt

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10:30 11.09.2010
Geschrieben von

Paul Harris | The Guardian

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The Guardian

Ausgabe 39/2020

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