Großes Z

Porträt Zlatan Ibrahimović kann Tore schießen, die vorher niemand für möglich hielt, aber mit seinem riesigen Ego eckt er oft an. Ein Treffen mit dem schwedischen Fußballstar
Donald McRae | Ausgabe 46/2014

Mit amüsierter Miene erscheint er zu unserem Gespräch. In den Händen hält er eine Tragetasche, die er vor sich auf den Tisch stellt. Daran befestigt ist eine Karte, auf der in Schnörkelschrift sein beinah mythischer Name prangt: Zlatan Ibrahimović. Zu seinem 33. Geburtstag Anfang Oktober hat er viele Geschenke bekommen, aber dieses ist das eigentümlichste: Der FC Toulouse, einer der Rivalen von Ibrahimovićs aktuellem Verein, dem französischen Erstligisten Paris Saint-Germain, hat ihm eine Salbe für seine verletzte Ferse und Toulouse-Trikots für seine beiden Söhne geschickt. „Herzlichen Glückwunsch. Lang lebe das Z!“, steht auf der Karte. „Trotz des perversen Vergnügens, das du in den vergangenen Spielzeiten daran gefunden hast, Tore gegen uns zu schießen, sind wir nicht nachtragend. Wir wollen einfach nur danke sagen. Für alles.“

Ibrahimović muss über das ironische Lob lachen. Doch als er kurz darauf darüber spricht, wie weit sein Weg vom Einwandererviertel Malmö-Rosengård bis zu seinem Starstatus in Paris war, blähen sich seine Nasenflügel. Früher lebte er in einer kleinen Wohnung, zu der schmuddelige Treppenstufen hinaufführten, von denen jede einzelne daran erinnerte, wie weit Rosengård vom schwedischen Weichzeichnerimage der egalitären Gesellschaft entfernt war. Nichts ähnelte damals den Umständen, unter denen seine Kinder nun hier in Paris aufwachsen.

Der Käpt’n

Als Sohn eines bosnischen Hausmeisters und einer kroatischen Putzfrau, die sich trennten, als er zwei Jahre alt war, hat Ibrahimović früh Ablehnung erfahren. Den kleinen Zlatan fragte niemand, wie sein Tag gewesen sei. So fand der lispelnde Junge mit der großen Nase Trost bei anderen Außenseitern nichtschwedischer Herkunft – den Migranten, deren Geschichten nur selten erzählt werden.

Heute ist er, wenn auch nicht ganz der König der Schweden, so doch der mächtige Kapitän ihrer Fußballnationalmannschaft. Im September hatte er seinen 100. Länderspieleinsatz und ist mittlerweile der neue Rekordtorschütze des Landes. Bescheidenheit ist seine Sache nicht: Ibrahimović spricht von sich gern in der dritten Person, in diesen Tagen allerdings meist mit einem Schuss Selbstironie. Seit er sich als einer der größten Fußballer der Welt etabliert hat, stellt er sich eine Frage immer wieder: Wie ist das Problemkind aus Rosengård dorthin gekommen, wo es heute ist? „Niemand hat mir das zugetraut. Alle zerrissen sich das Maul. Sie dachten, ich hätte einfach eine große Klappe. Aber ich hatte einen Traum. Ich wusste, wo ich hinwollte. Und jetzt bin ich hier.“

Er macht eine Pause, um Luft zu holen. „Gehen wir 15 Jahre zurück: Alles, was ich damals gesagt habe, ist wahr geworden. Alle, die mich schlechtgeredet haben, müssen ihre Worte jetzt zurücknehmen. Das ist meine eigentliche Trophäe, das ist mein größter Preis.“

Nachdem er mit Klubs in den Niederlanden, Italien, Spanien und Frankreich Titel geholt hat und bei all dem Geld, all dem Ruhm und auch all der Missgunst, die ihn zu einem Phänomen gemacht haben, besteht der größte Sieg für ihn darin, dass er es all jenen gezeigt hat, die nicht an ihn geglaubt haben? Ja, sagt er mit Nachdruck. „Das treibt mich immer noch an. Wenn ich anfange zu entspannen und diesen Hunger verliere, höre ich besser auf mit dem Fußball. Ich habe immer das Gefühl, dass ich zehnmal besser sein muss als die anderen, um akzeptiert zu werden.“

Im schwedischen Fernsehen war vor kurzem ein neuer Dokumentarfilm zu sehen, der Ibrahimovićs Aufstieg nachzeichnet. Es ist die Geschichte einer Wandlung, vom rotzigen Fahrraddieb zum Ballkünstler mit Intelligenz und Fantasie – aber auch mit roher Muskelkraft und ruppigem, manchmal unfairem Spielstil.

„Sehr emotional“ sei der Dreh der Dokumentation gewesen, sagt Ibrahimović. „Und es hat sechs Monate gedauert. Ich bin es ja gewohnt, dass Kameras auf mein Gesicht gerichtet sind – aber nicht, dass sie mir überallhin folgen. Ich wollte damit zeigen, dass mein Leben aus der Innensicht anders aussieht als von außen. Der Film ist besonders persönlich geworden, weil auch mein Vater darin vorkommt.“

Er erinnert sich an Szenen seiner Kindheit. Einmal – es war mal wieder wenig Geld da – schaffte es Šefik Ibrahimović irgendwie, seinem Sohn bei IKEA ein Bett zu kaufen. Die Liefergebühren konnten sie sich aber nicht leisten. „Da haben wir es zusammen nach Hause getragen. Es war fantastisch.“ Und was war mit seiner Mutter? „Ich habe auch Zeit mit ihr verbracht, gelebt habe ich aber eigentlich bei meinem Vater. Einmal hat er mir seinen ganzen Lohn gegeben, damit ich in ein Trainingslager fahren konnte. Die Miete schaffte er in diesem Monat nicht – er hat mich trotzdem weggeschickt.“

Der Vater litt an seinen Erinnerungen an den Balkankrieg. Er konnte die Bilder der Gräueltaten serbischer Truppen in seinem Dorf in Bosnien nicht abschütteln. Und so trieb sich ein sich selbst überlassener Zlatan häufig auf den Straßen Rosengårds herum. Heute beschreibt er das als Paradies, in dem er sich heimischer fühlt als in den teuersten Hotels der Welt. Aber diese Straßen waren natürlich auch gefährlich. Der Fußball hat ihn vor dem Alkohol und Drogen gerettet.

Zlatan Ibrahimović wird oft als egoistischer Aufschneider und Großkotz dargestellt, als der trophäenjagende Söldner, der von einem Klub zum nächsten, von einem Land zum anderen zieht, dabei in 13 Jahren als Profi erstaunliche elf Meisterschaftstitel eingesammelt hat und den Kult um seine Person pflegt. Für den Jungen aus der Einwandererfamilie sind es aber seine Spiele für Schweden, die ihm am meisten bedeuten. „Es war großartig“, sagt er über seinen 100. Länderspieleinsatz im September gegen Österreich in der EM-Qualifikation, bei dem er den Ausgleichstreffer zum 1:1 erzielte. Er hat während des Spiels aber auch Österreichs Jungstar David Alaba den Ellbogen ins Gesicht gerammt. Die Österreicher klagten hinterher, der Schiedsrichter habe zu viel Angst vor Ibrahimović gehabt, um ihn vom Feld zu schicken.

Wenn man ihn darauf anspricht, zuckt er mit den Schultern, um gleich darauf wieder sich selbst zu loben: „Dieses 100. Nationalmannschaftsspiel war der Beweis dafür, dass mein Traum wahr geworden ist. Und ich wusste, dass ich schwedischer Rekordtorschütze werden würde. Der Rekord wurde aber erst wichtig, als ich sagte, dass ich ihn breche. 82 Jahre lang lag er bei 49 Toren. Niemand scherte sich drum, bis ich sagte, ich würde ihn brechen. Genauso war es mit dem Kapitänsposten. Der wurde auch erst wichtig, als ich Kapitän wurde. Davor war mal der eine und mal der andere Kapitän.“

Halb Ballerina, halb Gangster

Seine internationale Vereinslaufbahn begann Ibrahimović bei Ajax Amsterdam, das 2001 7,8 Millionen Euro Ablöse für ihn bezahlte und ihn damit bereits zum teuersten schwedischen Spieler aller Zeiten machte. Mit Juventus Turin und Inter Mailand holte Ibrahimović dann reihenweise die Meisterschaft in der Serie A und wurde als „halb Ballerina, halb Gangster“ verehrt. „In Italien haben es Stürmer mit Abstand am schwersten. Dort gilt es immer noch als wichtiger, kein Tor zu kassieren, als eins zu schießen. In Spanien dagegen wollen sie ein Tor schießen, dann wollen sie noch eins und noch eins.“

Sein Zerwürfnis mit Pep Guardiola während ihrer gemeinsamen Zeit bei Barcelona wird immer wieder thematisiert. Dabei spricht er heute nur mit Bewunderung über den Verein: „Ich war beim wohl besten Team aller Zeiten. Sie haben wunderschönen Fußball gespielt. Wenn ich mich dort auf ein Spiel vorbereitete, wusste ich schon vor dem Anpfiff, dass ich es gewinnen würde. Ich schaute in die Runde der Spieler um mich herum und sah Messi, Iniesta, Xavi, Puyol, Piqué, Dani Alves und Busquets. Unglaublich! Es war Fußball von einem anderen Stern, technisch perfekt.“

Aber er hat sich doch auch beschwert, die Spieler von Barcelona verhielten sich wie gehorsame Schuljungen? „Ja, sie waren unglaublich diszipliniert, aber es war nicht wie in der Schule. Die sind Superstars, aber jederzeit bereit, alles zu tun, was der Trainer von ihnen verlangt. In Italien ist das anders. Dort hat man 22 große Persönlichkeiten, von denen sich jeder für den Besten der Welt hält.“

Disziplin und Respekt – das sind für ihn als Vater jetzt auch wichtige Werte. Auf die Frage, wie er reagieren würde, wenn einer seiner Söhne ein Fahrrad stehlen würde, so wie er es früher in Rosengård getan hat, sagt er sofort: „Ich würde ihn auf jeden Fall bestrafen. Ich habe das zwar auch gemacht, aber bei mir gab es niemanden, der aufpasste. So etwas tut man nicht.“

Aus dem schwedischen Ghetto

„Bei uns herrschten Bierdosen und Jugomusik, leere Kühlschränke und der Balkankrieg.“ So beschreibt Zlatan Ibrahimović seine Kindheit in Rosengård, einem sozialen Brennpunkt in der südschwedischen Stadt Malmö.

In seiner im vergangenen Jahr auch auf Deutsch erschienenen Autobiografie Ich bin Zlatan Ibrahimović (Malik) macht er außerdem klar: „Du kannst einen Typen aus dem Ghetto holen, aber du holst niemals das Ghetto aus einem Typen.“ Der schwedische Weltstar kennt aus eigener Erfahrung jene Probleme, über die Schweden erst seit knapp zwei Jahren verstärkt diskutiert – über die Abgehängten, die sich in den armen Stadtteilen mit ihren vielen Sozialwohnungen und riesigen Häuserblocks sammeln.

Ibrahimovićs Heimat Rosengård machte 2008 wegen Krawallen Jugendlicher Schlagzeilen, die die Polizei drei Tage nicht unter Kontrolle bekam. Das wurde zunächst noch als Einzelfall abgetan. Im Mai 2013 brannten dann aber im Stockholmer Stadtteil Husby 130 Autos, Schulen wurden angezündet, sogar Polizeistationen, nachdem die Polizei einen Rentner (offiziell: aus Notwehr) erschossen hatte.

Anwohner vermuteten ein rassistisches Motiv. Husby hat einen Migrantenanteil von 82, Rosengård von 86 Prozent. Diese extreme Segregation zeigt, dass die Vorstellung von Schweden als egalitärer und auf sozialer Gerechtigkeit bedachte Gesellschaft schon länger mehr Wunsch als Wirklichkeit ist.

Wenn sie 18 seien, könnten seine Jungs machen, was sie wollten. „Aber bis dahin leben sie unter meinem Dach, wo meine Regeln gelten. Ich will, dass ich für sie ihr Vater bin, auch wenn sie anfangen zu begreifen, wer Zlatan ist. Verstehen Sie? Zlatan – das ist nicht das Bild, das sie von mir haben sollen. Mir gefällt es nicht einmal, wenn sie mich im Scherz Zlatan nennen. Sie müssen Papa zu mir sagen.“

Zlatan will nicht, dass seine Kinder ihren Vater so sehen wie seine Fans. „Überall, wo ich hingehe, werde ich erkannt. Die Leute wollen Bilder von mir haben. Aber zu Hause will ich Papa sein, nicht Zlatan. Wenn ich das Haus verlasse, repräsentiere ich meinen Verein – und mich selbst, Zlatan Ibrahimović. Aber daheim bin ich ein Familienmensch.“

Was ist mit seinem eigenen Vater? Sprechen die beiden inzwischen über den Balkankrieg, der lange im Inneren von Šefik Ibrahimović weitertobte? „Mmm“, Zlatan macht eine Pause. „Mein Bruder ist vor sechs Monaten gestorben. Er war für meinen Vater sehr wichtig. Die beiden haben viel geredet. In den vergangenen Monaten hat mein Vater aber auch mit mir mehr über seine Familie gesprochen. Aber weil ich in Schweden geboren wurde, fehlt diese Verbindung zum Krieg.“ Wie alt war Sapko, sein Bruder? „Er war 40. Aber sein Tod war keine Überraschung. Sapko war sehr krank.“ Es ist ein kurzer Moment in unserem Gespräch, in dem hinter der Fassade des selbstbewussten, auftrumpfenden Weltstars der verletzliche Mensch durchscheint.

Macht es ihm Angst, dass das Ende seiner Zeit als großer Spieler jetzt, da er gerade 33 Jahre alt geworden ist, auf ihn zurast? „Nein, ganz im Gegenteil“, sagt Ibrahimović. „Ich freue mich darauf. Wenn man Fußball spielt, verbringt man so viel Zeit in Hotels, im Bus, im Flugzeug. Dadurch entgeht einem auch einiges. Mein älterer Sohn ist acht Jahre alt, der jüngere sechs. Es ist nicht so, dass ich jeden Tag ihres Lebens bei ihnen gewesen wäre. Ich will Familienvater sein und mit dem Fußball aufhören, wenn ich ganz oben bin.“

Das könnte dann sein, wenn er die schwedische Mannschaft bei der Europameisterschaft 2016 in Frankreich durchs Turnier geführt hat. Doch wie wird er die Intensität jener Abende ersetzen, bei denen er in einem Spiel vier Tore schießt – die Erfüllung seines Traums?

Zlatan Ibrahimović lächelt und hält seine Hände weit auseinander: „Ich werde einen Weg finden müssen, warten wir’s einfach ab. Aber Sie kennen mich ja: Ich finde immer einen Weg.“

Donald McRae porträtiert für den Guardian vor allem Sportler / Übersetzung: Zilla Hofman

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06:00 26.11.2014
Geschrieben von

Donald McRae | The Guardian

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